Die andere Seite der Medaille: Moderne Immuntherapie kann auch das Tumorwachstum beschleunigen – Studie liefert Zahlen

Zosia Chustecka

Interessenkonflikte

27. November 2017

Yokohama – Bei all der Begeisterung über die verbesserten Überlebensraten bei manchen Krebspatienten unter einer Immuntherapie gibt es auch eine andere Seite der Medaille, der bisher nur wenig Aufmerksamkeit geschenkt worden ist. Es handelt sich um die Tatsache, dass es manchen Patienten unter einer solchen Therapie sogar schlechter ergeht als ohne. Dieses als Hyperprogression bekannte Phänomen wurde kürzlich auf der 18. World Conference on Lung Cancer (WCLC) noch einmal zum Thema [1].

Hyperprogression beschreibt ein beschleunigtes Tumorwachstum unter CT-Kontrollen. Das heißt, es kommt unter der Behandlung zu einem schnelleren Wachstum des Tumors als vor Beginn der Therapie. Dieses Phänomen wurde bereits früher im Zusammenhang mit der Immuntherapie beschrieben (bei 9% der Patienten mit fortgeschrittenem Karzinom), doch lagen bislang noch keine Zahlen dazu speziell für den Lungenkrebs vor.

Bei Hyperprogression deutlich geringere Überlebenszeit

Ein Team um Dr. Roberto Ferrara vom französischen Institut Gustave Roussy stellte nun auf der Konferenz die Daten einer retrospektiven Studie an Patienten mit fortgeschrittenem nicht kleinzelligen Lungenkarzinom vor (NSCLC). Dabei wurde besonders nach Hyperprogressionen Ausschau gehalten. Bei 14% der Patienten mit NSCLC und Immuntherapie (Monotherapie mit Apoptose-Hemmer) sowie bei 5% der Patienten, die eine Monochemotherapie erhalten hatten, wurde man fündig.

Die Daten stammten von 2 Patientengruppen. Aus einer retrospektiven Analyse von Patienten mit fortgeschrittenem NSCLC, die sich zwischen 2012 und 2017 an 8 unterschiedlichen Einrichtungen einer Immuntherapie unterzogen hatten, wurden 333 evaluierbare Patienten ausgewählt, deren Follow-up-Median bei 12 Monaten lag. Von diesen hatten 19% nach der Immuntherapie eine vollständige oder eine Teilremission erzielt, bei 39% war die Krankheit stabil geblieben, bei 42% war die Erkrankung fortgeschritten, bei 5% kam es zu einer Pseudoprogression und 14% zeigten eine Hyperprogression.

In der Untergruppe der 56 Patienten mit Hyperprogression war das Tumorwachstum unter der Immuntherapie beschleunigt, berichtete Ferrara auf dem Kongress. Diese Hyperprogression war zudem mit multiplen Metastasierungen und dem Auftreten neuer Läsionen in der Lunge verbunden.

Die Überlebensrate dieser Patientengruppe war im Vergleich zum gesamten Patientenkollektiv vermindert. Der Median der Gesamtüberlebensrate lag für die gesamte Population bei 13 Monaten, jedoch nur bei 3,4 Monaten für die Subgruppe der Patienten mit Hyperprogression. Dieser Wert war sogar noch schlechter als in der Gruppe der Patienten mit progressiver Erkrankung, für die der Median der Gesamtüberlebensrate bei 5,4 Monaten lag, was dem erwarteten Wert für diese Gruppe entsprach, erläuterte Ferrara weiter.

Die Untersucher schauten sich dann Patienten mit fortgeschrittenem NSCLC an, die sich einer Mono-Chemotherapie unterzogen hatten (die meisten erhielten ein Taxan, ein Drittel erhielt die Chemotherapie als Drittlinien-Behandlung).

Diese retrospektive Analyse umfasste 59 Patienten bei einem durchschnittlichen Beobachtungszeitraum von 26 Monaten. 10% der Patienten zeigten eine Voll- oder Teilremission unter der Chemotherapie, bei 31% blieb die Krankheit stabil und bei 59% schritt sie voran. Eine Pseudoprogression trat bei niemandem auf, doch bei 5% kam es zur Hyperprogression.

Der Median der Überlebenszeit in der gesamten Population betrug 8 Monate, während er in der Subgruppe mit Hyperprogression bei lediglich 4,5 Monaten lag. Ferrara wies darauf hin, dass hierin kein signifikanter Unterschied zum Median der Überlebenszeit von 3,9 Monaten in der Progressions-Subgruppe bestand.

 
… die Studie liefert uns neues Datenmaterial zu einem Gebiet, auf dem uns bislang nur klinische Beobachtungen und einige Einzelfallberichte vorliegen. Dr. H. Jack West
 

Keine Möglichkeit, Patienten vor Immuntherapie zu selektieren

Medscape bat Dr. H. Jack West, ärztlicher Direktor des Thoracic Oncology Program am Swedish Cancer Institute in Seattle, um einen Kommentar: „Ich finde das sehr interessant und die Studie liefert uns neues Datenmaterial zu einem Gebiet, auf dem uns bislang nur klinische Beobachtungen und einige Einzelfallberichte vorliegen. Allerdings denke ich, dass es unser Vorgehen bei der Therapie nicht wirklich verändern wird. Es ist eben einfach ein Hinweis darauf, dass ein Teil der Patienten tatsächlich durch die Immuntherapie geschädigt wird, doch es gibt keine zuverlässige Methode, um diese Patienten im Vorfeld zu identifizieren.“

 
Es ist eben einfach ein Hinweis darauf, dass ein Teil der Patienten tatsächlich durch die Immuntherapie geschädigt wird, doch es gibt keine zuverlässige Methode, um diese Patienten im Vorfeld zu identifizieren. Dr. H. Jack West
 

Er gratulierte zudem dem französischen Forscherteam für ihre Arbeit, in der erstmalig das Phänomen der Hyperprogression im Zusammenhang mit der Immuntherapie beim Lungenkarzinom untersucht wurde. Die Ergebnisse lassen „uns vielleicht einen Moment innehalten“, kommentierte West weiter, da man an ihnen sehe, dass nicht alle Patienten von der Immuntherapie profitierten und tatsächlich „eine signifikante Minderheit dadurch Schaden nehmen kann“.


Dieser Artikel wurde von Markus Vieten aus www.medscape.com übersetzt und adaptiert.



REFERENZEN:

1. 18th World Conference on Lung Cancer (IASLC), 15. bis 18. Oktober 2017, Yokohama/Japan

Kommentar

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