MEINUNG

Nach Änderung der US-Leitlinien: Millionen neue Bluthochdruck-Patienten bald auch in Deutschland?

Nadine Eckert

Interessenkonflikte

23. November 2017

Prof. Dr. Bernhard Krämer

Die American Heart Association (AHA) und das American College of Cardiology (ACC) haben den Grenzwert für die Diagnose einer Hypertonie auf 130/80 mmHg herabgesetzt. Dadurch machten sie die Hälfte der US-Amerikaner über Nacht zu Hochdruckpatienten [1]. Werden sich die deutschen und europäischen Fachgesellschaften den US-Empfehlungen anschließen? Medscape sprach darüber mit Prof. Dr. Bernhard Krämer, dem Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Hochdruckliga.

Medscape : Gilt für Patienten in Deutschland bald auch ein Blutdruck-Grenzwert von 130/80 mmHg?

Prof. Dr. Krämer: Ich bin im Moment nicht davon überzeugt, dass sich die deutschen und europäischen Fachgesellschaften unbedingt den neuen US-Empfehlungen anschließen werden. Es kann gut sein, dass letztlich Abweichungen zwischen Europa und USA bestehen bleiben. Allerdings ist das noch nicht geklärt. Jetzt muss in den Fachgesellschaften erst einmal über das Für und Wider eines niedrigeren Grenzwertes diskutiert werden.

Medscape: Was würde für die Absenkung des Grenzwertes für Bluthochdruck sprechen?

Prof. Dr. Krämer: Es würde Patienten und Ärzte für die Problematik sensibilisieren, dass das Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen schon bei Blutdruckwerten erhöht ist, die bisher noch als normal gelten. Es könnte den Vorteil haben, dass man sich ernsthafter darum kümmert, sowohl von Patienten – als auch von ärztlicher Seite.

Medscape: Ab welchem Blutdruck ist das Risiko erhöht?

Prof. Dr. Krämer: Das Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen steigt bereits ab Blutdruckwerten über 115/75 mmHg deutlich an – pro 20 mmHg Zunahme des systolischen Wertes verdoppelt sich das Risiko. Es war schon immer eine gewisse Ermessensfrage, wo man den Grenzwert ansetzt und wie man eine Hypertonie definiert. Die Amerikaner haben sich offenbar gesagt, wenn bei diesen Menschen schon mehr Ereignisse auftreten, dann definieren wir sie als hochdruckkrank.

Medscape: Was spricht gegen dieses Vorgehen?

Prof. Dr. Krämer: Wer die Schlagzeilen der letzten Tage verfolgt hat, hat es gelesen: Über Nacht sind 35 Millionen Menschen krank geworden. Und für viele Menschen kann es eine Belastung darstellen, als Patient eingestuft zu werden. Außerdem spricht nichts dagegen, auch schon bei Menschen mit hochnormalem Blutdruck von 130-139/85-89 mmHg zu versuchen, Lebensstiländerungen umzusetzen. Der Arzt muss nicht warten, bis der Patient offiziell als hochdruckkrank klassifiziert wird.

Medscape: Bedeutet ein niedrigerer Grenzwert auch, dass frühzeitiger Medikamente verschrieben werden sollten?

Prof. Dr. Krämer: Ganz im Gegenteil, ein Argument gegen eine Absenkung des Grenzwertes ist, dass für den Großteil der Menschen mit hochnormalen bzw. nach der neuen US-Definition schon zu hohen Blutdruckwerten bisher nicht gezeigt werden konnte, dass eine medikamentöse Therapie das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen senkt.

Medscape: Die neue US-Leitlinie trägt unter anderem der SPRINT-Studie Rechnung, in der Patienten mit niedrigerem Blutdruckziel eine signifikant bessere Prognose gehabt haben.

Prof. Dr. Krämer: In SPRINT traten tatsächlich weniger kardiovaskuläre Erkrankungen auf. Aber die Studienpopulation bestand vorwiegend aus älteren Hochrisikopatienten mit vorbestehender Nierenerkrankung oder Herzgefäßerkrankung. Oder sie erfüllten einen gewissen Risiko-Score. Für Patienten mit diesem Risikoprofil konnten die Mediziner einen Vorteil erkennen. Für diese Subgruppe empfiehlt auch die Deutsche Hochdruckliga einen etwas niedrigeren Blutdruck von unter 135/85 mmHg. Außerdem besteht bei SPRINT das Problem, dass die verwendete Blutdruckmessung nicht dem Standard in Studien und Praxisalltag entspricht.

Medscape: Was bedeutet das für die Ergebnisse?

Prof. Dr. Krämer: Es bedeutet, dass man die in der Studie erreichten 121 mmHg nicht wörtlich nehmen kann. Die Patienten befanden sich bei den Messungen alleine in einem Raum. Es ist demzufolge nicht überraschend, dass die gemessenen Werte deutlich unter Praxisblutdruckmessungen lagen, sie waren aber auch deutlich niedriger als 24-Stunden-Blutdruckmessungen. Deshalb gehen wir [die DHL] auch davon aus, dass diese 120 mmHg wahrscheinlich eher einem Wert von 130 mmHg entsprechen.

Medscape: Die DHL hat erst im September neue Normwerte abhängig von den Umständen der Blutdruckmessung veröffentlicht …

Prof. Dr. Krämer: Ja, wir wissen, dass die Werte bei der Praxismessung höher sind als bei der Selbstmessung. Deshalb sind die Normwerte bei der Selbstmessung bei unter 135/85 angesetzt, bei der Praxismessung darf der Blutdruck 5 mmHg höher sein. Bei einer Langzeitblutdruckmessung sollte man einen Tagesmittelwert haben, der dem einer Selbstmessung entspricht. Und nachts soll der Blutdruck absinken. Diese nächtliche Blutdruckabsenkung ist ein gutes Zeichen, wenn sie nicht besteht, spricht das eventuell für einen schweren Bluthochdruck oder eine sekundäre Hypertonie.

Medscape: Es wird zwar darüber diskutiert, nach US-Vorbild einen noch strengeren Blutdruck-Zielwert  einzuführen, aber viele Menschen scheitern bereits an den 140/90 mmHg. Ein Widerspruch?

Prof. Dr. Krämer: Es gibt tatsächlich noch einen erheblichen Teil von Patienten, die auch die 140/90 mmHg nicht erreichen. Das muss natürlich das erste Ziel sein, alle zumindest bis dahin abzusenken. Aber man sollte ein niedriges Ziel nicht aufgeben, nur weil man es bei einem Teil der Patienten nicht erreichen kann.



REFERENZEN:

1. Whelton PK, et al: Journal of the American College of Cardiology (online), November 2017

2. Stellungnahme der Deutschen Hochruckliga zu neuen Normwerten

Kommentar

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