Barmer-Pflegereport 2017: Jüngere Pflegebedürftige wollen selbstbestimmt leben, aber die Angebote fehlen – was tun?

Christian Beneker

Interessenkonflikte

17. November 2017

Am liebsten: eigenständig. Je autonomer junge Pflegebedürftige leben können, umso zufriedener sind sie mit ihrer Wohnsituation. Das ergab eine Umfrage unter Pflegebedürftigen unter 60 Jahren, die bei der Barmer versichert sind. Die Ergebnisse wurden jetzt im Barmer-Pflegereport 2017 veröffentlicht [1].

Kein Wunder, dass viele jüngere Pflegebedürftige lieber in den eigenen 4 Wänden – zum Beispiel einer Wohngruppe – leben würden als zuhause bei ihren Eltern. Wie der Barmer-Report jetzt zeigt, fehlen aber die entsprechenden Angebote – auch in der Kurzzeit- oder Tagespflege.

Aber es fehlt nicht nur an Raum zum eigenständigeren Leben. Es fehlt auch an der passenden medizinischen Versorgung für die wirklich jungen pflegebedürftigen Patienten, sobald sie 18 Jahre alt werden, wie die Neuropädiaterin Prof. Dr. Ute Thyen sagt, Leiterin der Neuropädiatrie und des Sozialpädiatrischen Zentrums an der Uni-Klinik Schleswig-Holstein in Lübeck und Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Sozialpädiatrie und Jugendmedizin e.V. (DGSP).

Gesucht: Ein Platz zum selbstbestimmten Wohnen

Der Bremer Pflegewissenschaftler vom SOCIUM Forschungszentrum der Universität Bremen, Prof. Dr. Heinz Rothgang, einer der Autoren der Studie, betonte in einem Statement, dass Langzeitpflege nicht automatisch Altenpflege bedeute [2]. Rund 386.000 Pflegebedürftige der Pflegestufen 1 bis 3 waren Ende 2015 unter 60 Jahre alt, so die BARMER-Studie. Das entspricht einem Anteil an allen Pflegebedürftigen von 13,5%.

 
Im Pflegeheim sind die jungen Pflegebedürftigen immer am unglücklichsten. Prof. Dr. Heinz Rothgang
 

Diese Patienten sind mit alten Menschen in der Pflege nicht vergleichbar. Sie leiden unter anderen Krankheiten und haben damit andere Versorgungsbedarfe und andere Wünsche und Bedürfnisse als alte Pflegebedürftige. So leiden sie weitaus seltener etwa an Demenz als alte Pflegepatienten. Von den jungen Pflegebedürftigen haben dagegen 35% Lähmungen, 32% Intelligenzminderungen, 24% Epilepsie, 22% Entwicklungsstörungen und 10% das Down-Syndrom, so Rothgang in einer Pressemitteilung der Barmer [2]. Klar, dass diese Gruppe nach mehr Autonomie im Alltag strebt – also raus aus den Elternhäusern und hinein in Wohngruppen, in WGs oder eigene Wohnungen.

Allerdings sieht die Wirklichkeit anders aus. 47% und damit fast die Hälfte der jüngeren Pflegebedürftigen leben bei ihren Eltern, aber für nur rund 36% von ihnen entspricht dies ihrem tatsächlichen Wohnwunsch. Andersherum ist es zum Beispiel bei den Alleinlebenden, hier übertrifft der Wohnwunsch die aktuelle Wohnsituation: Fast 18% möchten allein leben, nur 14% tun es tatsächlich. Auch das Leben in einer Wohngruppe ist mit rund 15% deutlich häufiger gewünscht als tatsächlich eingelöst: Nur 8% leben in einer Wohngruppe.

Kein Wunder, dass die autonomeren Wohnformen auch größere Zufriedenheit bringen, wie der Report belegt.

  • So sind unter den Alleinlebenden 93% zufrieden mit ihrer Wohnsituation.

  • Von der Gruppe, die im Pflegeheim lebt, sind nur 63% dieser Pflegebedürftigen mit der Lebenssituation zufrieden.

  • Jüngere Pflegebedürftige, die mit Partner leben, sind zu 91% zufrieden.

  • Jüngere Pflegebedürftige in einer betreuten Wohngemeinschaft sind zu 84% zufrieden mit ihrer Wohnsituation.

  • Weniger zufrieden sind dagegen solche, die bei ihren Eltern leben oder mit einem Geschwister. Von ihnen gaben 73% beziehungsweise 69% an, zufrieden zu sein.

„Hier sollte man nicht zu sehr auf die absoluten Werte schauen, denn niemand gibt gerne zu, nicht glücklich zu sein. Bei Zufriedenheitsbefragungen gibt es immer eine positive Antwort-Tendenz“, erklärt Rothgang. „Man muss stattdessen das Muster der Unterschiede bewerten und das ist: Im Pflegeheim sind die jungen Pflegebedürftigen immer am unglücklichsten.“ Hier könnte auch eine bessere Ausbildung des Pflegepersonals, speziell für junge Pflegebedürftige, das Bild verbessern, meint Rothgang. „Junge Pflegebedürftige sind so eine kleine Gruppe nicht.“

Versorgungslücken zeigen sich auch in der Kurzzeit- und Tagespflege jüngerer Pflegebedürftiger. Nach Berechnungen des Reports fehlen gut 4.000 teilstationäre Pflegeplätze und 3.400 Kurzzeitpflegeplätze.

„Das Problem ist, dass wir zwar wissen, welche Maßnahmen den jungen Pflegebedürftigen dienen, aber wir stellen sie nicht ausreichend zur Verfügung“, sagt Rothgang zu Medscape. So sind oft Pflegeheime speziell für junge Pflegebedürftige das Mittel der Wahl. „Es gibt sie bei uns. Aber es gibt nur eine Handvoll.“

 
Das Problem ist, dass wir zwar wissen, welche Maßnahmen den jungen Pflegebedürftigen dienen, aber wir stellen sie nicht ausreichend zur Verfügung. Prof. Dr. Heinz Rothgang
 

Prof. Dr. Christoph Straub, Vorstandsvorsitzender der Barmer, forderte in seinem Statement die Kommunen. „Städte und Gemeinden müssen die Wünsche junger Pflegebedürftiger endlich stärker in der kommunalen Bedarfsplanung berücksichtigen“, so Straub. Kommunale Altenwohnungen genügten hier nicht. Einem 30-Jährigen sei mit altengerechtem Wohnen nicht gedient. „Er hat in einer Wohngruppe mit 80-Jährigen nichts verloren“, so Straub.

Auch bei der medizinischen Versorgung knirscht es

Aber es fehlt nicht nur schlicht mehr passender Raum für jüngere Pflegebedürftige, sondern gerade bei jungen Erwachsenen knirscht es auch bei der medizinischen Versorgung, sobald die jungen Leute 18 Jahre alt werden. „Bis dahin durften sie noch vom Kinder- und Jugendarzt und im Falle neurologischer Erkrankungen vom Spezialfacharzt oder in sozialpädiatrischen Zentren betreut werden. Aber wenn sie 18 werden, endet diese Versorgung, und es tut sich eine regelrechte Versorgungslücke auf“, sagt die Lübecker Sozialpädiaterin Thyen.

 
Was fehlt, ist die ärztliche Begleitung in das selbstständigere Leben. Prof. Dr. Ute Thyen
 

Tatsächlich müssen die jungen Patienten nun zum Hausarzt oder, falls sie etwa an Epilepsie leiden, zum Beispiel zum niedergelassenen Neurologen. Hausärzte seien aber mit der Betreuung überfordert, wenn man etwa die enge Taktung im Sprechstundenalltag denkt. Und die Praxen der Neurologen sind meistens mit Schlaganfall- oder Alzheimer-Patienten überfüllt, so Thyen.

„Was fehlt, ist die ärztliche Begleitung in das selbstständigere Leben – etwa in eine eigenen Wohnung oder eine Wohngruppe“, sagt Thyen. Im Jahr 2015 ermöglichte der Gesetzgeber die Einrichtung von Medizinischen Zentren für Erwachsene mit Behinderungen (MZEB). „Allerdings sind diese Zentren noch rar gesät“, sagt Thyen. „Bei uns in Schleswig-Holstein zum Beispiel gibt es kein einziges.“



REFERENZEN:

1. BARMER Pflegereport 2017

2. Pressemappe zum Barmer-Pflegereport 2017

Kommentar

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