Intensive Bewegung bei älteren Frauen – um 65 Prozent geringeres Sterberisiko: Effekt wie beim Rauchstopp

Marlene Busko

Interessenkonflikte

14. November 2017

In einer Kohorte älterer Frauen, die aus der Women’s Health Study rekrutiert wurden, hatten diejenigen mit der meisten körperlichen Aktivität von moderater bis hoher Intensität ein um 65% niedrigeres Sterberisiko als Frauen, die sich am wenigsten bewegten.

Die Autoren der Studie untersuchten Frauen in ihren frühen Siebzigern, die 7 Tage lang einen Triaxial-Beschleunigungssensor trugen. Die Studienergebnisse von Prof. Dr. I-Min Lee vom Brigham and Women's Hospital, Boston, und ihren Kollegen sind in Circulation erschienen [1].

Es sei schon lange bekannt, dass körperliche Aktivität mit niedrigeren Sterberaten assoziiert ist, kommentiert Lee gegenüber Medscape. Doch „was für mich wirklich interessant und wichtig ist, ist das Ausmaß der Risikoreduktion“, sagt sie.

150 Minuten moderat oder 75 Minuten intensiv

In früheren Studien, die auf den Angaben der Studienteilnehmer basierten, hatten Personen, die angaben, sich in der Woche mindestens 150 Minuten mit moderater bis hoher Intensität zu bewegen – dies entspricht der Leitlinienempfehlung – ein 10 bis 30% niedrigeres kurzfristiges Sterberisiko. Zum Vergleich: Nichtraucher haben ein um 50% niedrigeres Risiko für diesen Endpunkt als Raucher.

Nun, da die körperliche Aktivität mittels eines Triaxial-Beschleunigungssensors besser gemessen werden könne, erweise sich die Reduktion des kurzfristigen Sterberisikos bei Einhalten der empfohlenen Menge an moderater bis intensiver körperlicher Aktivität als ebenso hoch wie die durch den Verzicht auf Zigaretten erreichte Risikoreduktion, sagt Lee.

Was für mich wirklich interessant und wichtig ist, ist das Ausmaß der Risikoreduktion. Prof. Dr. I-Min Lee

„Viele Ärzte raten ihren Patienten nicht zu körperlicher Aktivität“, merkt sie an, doch die aktuellen Ergebnisse „bekräftigen, dass sie dies bei jeder sich bietenden Gelegenheit tun sollten, denn … es ist ein ebenso starker prädiktiver Faktor wie das Nichtrauchen.“

Diese Studie „untermauert, dass sich Erwachsene bemühen sollten, auf die empfohlenen 150 Minuten moderate oder 75 Minuten intensive körperliche Aktivität pro Woche zu kommen“, sagt Dr. Alpa Patel von der American Cancer Society, Atlanta, der kürzlich in einem ähnlichen Artikel die Vorteile des Gehens aufgezeigt hat.

Die neue Studie betone „die Beständigkeit der inversen Beziehung zwischen der Menge der moderaten bis intensiven körperlichen Aktivität und dem niedrigeren Sterberisiko, und dies in einer Situation, in der die körperliche Aktivität objektiv gemessen wird“.

Empfindliche Bewegungssensoren

Die derzeitigen Empfehlungen zur körperlichen Aktivität basierten vorwiegend auf Studien, in denen die Teilnehmer selbst darüber Auskunft gaben, wie viel und wie intensiv sie sich bewegen, schreiben Lee und ihre Kollegen. Sie wollten untersuchen, wie im Sitzen verbrachte Zeit, leichte körperliche Aktivität und moderate bis intensive körperliche Aktivität – gemessen mit einem empfindlichen Bewegungssensor – mit der kurzfristigen Gesamtmortalität bei Frauen in der Women’s Health Study korrelierten.

Von 2011 bis 2015 stimmten 18.289 Frauen (63%) in der Women’s Health Study zu, an der neuen Studie teilzunehmen. Die Teilnehmerinnen waren jünger und gesünder als diejenigen, die nicht teilnahmen.

Die Wissenschaftler schlossen Frauen aus, die sich draußen nicht ohne Hilfe fortbewegen konnten. Die verbleibenden 17.708 Frauen erhielten einen Triaxial-Bewegungssensor (ActiGraph GT3X+, ActiGraph Corp) zugeschickt und wurden gebeten, diesen für 7 Tage an der Hüfte zu tragen – außer beim Schlafen und Schwimmen. Danach sollten sie das Gerät zurücksenden.

Dieser Bewegungssensor messe die Beschleunigung in 3 Achsenrichtungen – hoch und runter, von Seite zu Seite und von vorne nach hinten, erklärt Lee. Der Fitbit, ein anderer Bewegungssensor, funktioniere ganz ähnlich.

Eine halbe Stunde moderat bis intensiv aktiv

Die Frauen saßen im Mittel 8,4 Stunden am Tag. Leicht körperlich aktiv waren sie 5,8 Stunden und mit moderater bis intensiver körperlicher Aktivität verbrachten sie eine halbe Stunde.

„Das am wenigsten aktive Quartil verbrachte 8 Minuten am Tag mit moderater bis flotter körperlicher Aktivität“, berichtet Lee, dabei handelte es sich meist um „zügiges Gehen, alles was die Herzfrequenz etwas nach oben treibt, einen ein bisschen ins Schwitzen bringt“. Das aktivste Quartil bewegte sich täglich etwa 68 Minuten moderat bis flott. Im Laufe der durchschnittlichen Nachbeobachtungszeit von 2,3 Jahren starben 207 Frauen.

Inverse Assoziation mit dem Gesamtsterberisiko

Die Gesamtmenge an körperlicher Aktivität war invers mit dem Gesamtsterberisiko während der Nachbeobachtung assoziiert – nach Korrektur der Ergebnisse um das Alter der Teilnehmerinnen und die Zeit, in der sie den Bewegungssensor trugen (Modell 1; p = 0,002).

Der Zusammenhang blieb auch nach Berücksichtigung der weiteren Faktoren:

  • Raucherstatus,

  • Alkoholkonsum,

  • Verzehr von gesättigtem Fett,

  • Ballaststoffen, Obst und Gemüse,

  • Hormontherapie,

  • elterliche Vorgeschichte bezüglich Herzinfarkt, Krebserkrankungen in der Familie,

  • frühere Krebserkrankungen und Krebs-Screening – signifikant (Modell 2, p = 0,0002).

In einem vollständig um mögliche Störfaktoren angepassten Modell hatten Frauen im höchsten Quartil moderater bis flotter körperlicher Aktivität im Vergleich zu denjenigen im niedrigsten Quartil ein um 65% niedrigeres Risiko, während der Nachbeobachtung zu sterben (HR 0,35; 95%-KI 0,20-0,61).

Auch leichte körperliche Aktivität war nach Berücksichtigung von Alter und Sensortragezeit invers mit dem Sterberisiko assoziiert. Doch nach Anpassung um die anderen Störfaktoren war dieser Zusammenhang nicht mehr signifikant.

Die Studie untermauert, dass sich Erwachsene bemühen sollten, auf die empfohlenen 150 Minuten moderate oder 75 Minuten intensive körperliche Aktivität pro Woche zu kommen. Dr. Alpa Patel

Ebenso war ein vermehrt sitzender Lebensstil mit einem erhöhten Sterberisiko assoziiert. Nach Berücksichtigung der Störfaktoren aus Modell 2 war auch dieser nicht mehr signifikant.

Leichte körperliche Aktivität nicht unterschätzen

Auch wenn diese Studie nicht dafür spricht, leichte körperliche Aktivität zu erhöhen bzw. die im Sitzen verbrachte Zeit zu reduzieren, könnte sich leichte körperliche Aktivität auch noch als hilfreich erweisen, „wenn diese Frauen älter werden“, so Lee. Sie könnte sich als gut für die Gesamtfunktion, die psychische Gesundheit und die Lebensqualität herausstellen; die Wissenschaftler untersuchen diese Möglichkeit derzeit.

Lee wünscht sich, dass diese Studie bei Männern wiederholt wird, und auch bei Frauen, die Minderheiten angehören, denn in ihrer Studie seien es vor allem weiße Frauen gewesen.

In der Zwischenzeit stützt die Studie die aktuellen Leitlinien und Ärzte können ihren Patienten sagen: „Was immer es ist, was Sie tun, ob Sie Spazieren gehen oder mit Ihren Enkeln spielen oder mit dem Hund Gassi gehen. Wenn Sie sich noch mit jemandem unterhalten können, aber nicht mehr singen, dann ist das moderate Intensität, so können Sie in etwa abschätzen, wie sehr Sie sich gerade anstrengen.“


Dieser Artikel wurde von Nadine Eckert aus www.medscape.com übersetzt und angepasst.



REFERENZEN:

1. Lee IM, et al: Circulation (online) 6. November 2018

Kommentar

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