Ökonomischer Druck in Kliniken: „Noch 50 künstliche Hüften am Lager – müssen bis Weihnachten weg“ – an der Realität vorbei?

Christian Beneker

Interessenkonflikte

13. November 2017

Eine Studie mit qualitativen Interviews über die Macht der Ökonomie an deutschen Krankenhäusern führt derzeit zu kontroversen Reaktionen: Der Präsident der Bundesärztekammer, Prof. Dr. Frank-Ulrich Montgomery, bestätigt in einer Pressemitteilung, dass Krankenhausärzte oft nach wirtschaftlichen Kriterien entscheiden müssen, statt nach medizinischen. Harald Weinberg, Bundestagsabgeordneter der Linken, sprach in einer Pressemeldung gar von „betriebswirtschaftlich verordneter Körperverletzung“ in den Krankenhäusern.

Die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) dagegen erklärte in einer Pressemitteilung, die getroffenen Aussagen seien nicht ansatzweise validiert und oder gar wissenschaftlich abgesichert. Die Autoren hätten es lediglich auf eine Öffentlichkeitswirkung um jeden Preis abgesehen.

Der Gesundheitssystemforscher Prof. Dr. Karl-Heinz Wehkamp vom Socium Forschungszentrum der Universität Bremen, und der ehemalige Klinikmanager Prof. Dr. Heinz Naegler haben 61 qualitative Interviews mit Krankenhausärzten und Geschäftsführern verschiedenster Krankenhäuser in ganz Deutschland geführt[1]. Sie haben in schriftlichen Befragungen, Diskussionsveranstaltungen und Podiumsdiskussionen die Aspekte der Ökonomisierung der Krankenhausmedizin ausgelotet.

Das Ergebnis verwundert nicht: Der ökonomische Druck zwinge Ärzte immer häufiger dazu, ihre Patienten nach wirtschaftlichen Kriterien zu behandeln und medizinische Entscheidungen im Zweifel hintenan zu stellen.

Reihenweise röntgen

So würden Patienten mit Beckenbruch nach Hause geschickt, weil ihre Behandlung nicht lukrativ genug sei, berichteten die beiden Autoren auf einem Symposium in Bremen[2]. In einem anderen Krankenhaus zog der Chef die Kaiserschnitte vor, weil auf der Neonatologie Betten frei waren. „So etwas müsste man eigentlich anzeigen“, sagt Wehkamp zu Medscape. In einem anderen Haus kommt der Geschäftsführer im Spätsommer auf die Ärzte zu und beklagt sich, „dass wir noch 50 künstliche Hüften am Lager haben. Die müssen bis Weihnachten weg!“, zitiert Wehkamp.

In einem anderen Krankenhaus schlug der Radiologe vor, bei allen Patienten ab einem bestimmten Alter die Hüften zu röntgen. In einem anderen Interview berichteten Ärzte, der leitende Kardiologe sei über die anderen Stationen gegangen und habe verlangt, Patienten auch bei geringsten Anlässen zur Herzkatheter-Untersuchung anzumelden. „Wer von den Assistenzärzten das nicht machte, bekam Ärger.“

Klar, dass nicht nur die Patienten manchmal unter den Bedingungen leiden, unter denen sie behandelt werden müssen, sondern auch ihre Ärzte. Denn viele der angesprochenen Probleme bleiben auf der Ebene der Ärzte. „Viele Geschäftsführer dürfen oder wollen bestimmte Dinge nicht wissen, die auf den Stationen passieren“, so Wehkamp zu Medscape. „Etwa wenn die Dauer einer künstlichen Beatmung verlängert wird, um eine höhere DRG auszulösen.“ Am Schluss stünden die Ärzte mit dem Dilemma alleine da, denn wegen der Schweigepflicht dürfen sie sich auch nicht an die Öffentlichkeit wenden.

Bestätigung von Montgomery und den Linken

Montgomery bestätigt die von Wehkamp und Naegler ermittelten Probleme und fordert angesichts des Bremer Symposiums erneut, in den Krankenhäusern das Patientenwohl in den Vordergrund zu stellen, sowie weitere Reformen. „Das fängt mit der Reform des unflexiblen Fallpauschalensystems an. (…) Wir brauchen eine Vergütungssystematik, die an den individuellen Bedürfnissen der Patienten ausgerichtet ist.“

Wir brauchen eine Vergütungssystematik, die an den individuellen Bedürfnissen der Patienten ausgerichtet ist Prof. Dr. Frank-Ulrich Montgomery

Montgomery weiter: „Notwendig sind für Krankenhäuser und Kostenträger mehr Ermessensspielräume bei ihren Budgetverhandlungen, damit die Sicherstellung der wohnortnahen Krankenhausbehandlung in strukturschwachen Gebieten ebenso berücksichtigt werden kann wie die Finanzierung von Extremkostenfällen.“ Zudem bräuchten die Krankenhäuser höhere Investitionskostenzuschläge, hieß es in Bremen.

Wer Krankenhäuser dem Wettbewerb aussetzt, sorgt für massenhafte Körperverletzung. Harald Weinberg

Weinberg, krankenhauspolitischer Sprecher der Fraktion der Linken, lehnt angesichts der Bremer Veröffentlichungen den Wettbewerb unter Krankenhäusern sogar ganz ab: „Wer Krankenhäuser dem Wettbewerb aussetzt, sorgt für massenhafte Körperverletzung. (…) Wir müssen den Irrweg der Fallpauschalen beenden und die Profitlogik aus den Krankenhäusern verbannen“, so Weinberg.

Die Deutsche Krankenhausgesellschaft reagiert empört

Spürbar verärgert indessen reagiert die DKG auf die Veröffentlichung der beiden Professoren. Ihr Hauptgeschäftsführer Georg Baum sagt in einer Pressemitteilung: „Der Beitrag der Herren Wehkamp und Naegler hat offensichtlich das Ziel, öffentliche Aufmerksamkeit um jeden Preis zu erreichen. Die Aneinanderreihung von Behauptungen, die durch ständige Wiederholung und scheinwissenschaftliche Umfragen nicht wahrheitsgehaltiger werden, hält die Konfrontation mit der Realität nicht Stand.“

Die Aneinanderreihung von Behauptungen … hält die Konfrontation mit der Realität nicht Stand. Georg Baum

Baum verwies außerdem auf eine Studie aus dem Jahr 2014. Sie widerlege, es gebe in den Krankenhäusern „massenhaft medizinisch nicht notwendige Leistungen“, wie es hieß. Baum spielt auf die Studie zur Mengenentwicklung im Krankenhaus an – eine Studie, die von der DKG und dem GKV-Spitzenverband in Auftrag gegeben wurde, um den steten Anstieg der Fallzahlen in den Krankenhäusern zu erklären. Ihr Ergebnis war allerdings nicht eindeutig. „Die in den Jahren von 2007 bis 2012 beobachtete Fallzahlentwicklung könnte durch eine Vielzahl von Einflüssen verursacht sein“, urteilten die Autoren 2014. Wie viele medizinisch nicht notwendige Leistungen im Spiel waren, weiß also auch die Studie nicht.

Vor allem kann es nicht sein, dass in den Krankenhäusern der Kaufmann die letzten Entscheidungen trifft. Prof. Dr. Karl-Heinz Wehkamp

Dass die Interview-Ergebnisse nicht die Versorgungsrealität in deutschen Krankenhäusern eins zu eins abbilden, betont auch Wehkamp. „Wir haben immer noch eines der besten Gesundheitssysteme der Welt“, sagt er. So seien die angezeigten Missstände nicht die Regel. „Aber sie kommen zunehmend vor.“ Die Prinzipien der Patientenautonomie und das Gebot, nicht zu schaden, würden verletzt.

„Vor allem kann es nicht sein, dass in den Krankenhäusern der Kaufmann die letzten Entscheidungen trifft“, sagt Wehkamp.

Kommentar

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