Wie gefährlich sind Blowjobs? Hinweise auf HPV-assoziierten Mund- und Rachenkrebs durch Oralsex

Michael van den Heuvel

Interessenkonflikte

10. November 2017

Durch Oralsex übertragene Humane Papillom-Viren (HPV) könnten neben dem Nikotinkonsum ein unabhängiger Risikofaktor für Oropharynx-Karzinome sein. Diesen Zusammenhang hält Dr. Gypsyamber D’Souza von der Johns Hopkins Bloomberg School of Public Health in Baltimore für recht wahrscheinlich. Besonders gefährdet seien Männer, die oralen Sex mit mehreren Männern praktizierten, folgert die Wissenschaftlerin aus Kohortendaten [1]. Screenings auf Hochrisiko-HPV-DNA seien aber wenig sinnvoll, so lange es keine Biomarker für das tatsächliche Krebsrisiko gebe.

Nur persistierende Infektionen erhöhen das Krebsrisiko

„Der Nachweis von HPV-DNA in Speichelproben ist eine gängige Methode, bei der die Spezifität allerdings problematisch sein kann“, sagt Prof. Dr. Jochen Heß zu Medscape. Er forscht an der Sektion Experimentelle und Translationale Onkologie der Hals-Nasen-Ohrenklinik, Klinikum Heidelberg, sowie am Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) Heidelberg. „Selbst bei Patienten mit HPV-positiven Oropharynx-Karzinomen erzielt man je nach Studie nur 40 bis 60 Prozent positive Ergebnisse.“

 
Bis 2020 gibt es wahrscheinlich mehr HPV-induzierte Oropharynx-Karzinome als Zervix-Karzinome. Prof. Dr. Jochen Heß
 

Heß weiter: „In vielen Fällen wehrt unser Immunsystem HPV-Infektionen erfolgreich ab.“ Rund 80-85% aller Personen hätten nach 4 bis 6 Wochen keine Viren mehr im Körper. „Ich frage mich deshalb, ob die einmalige Speicheluntersuchung ausreicht, oder ob man bei positivem Befund nach 8 Wochen eine weitere Probe untersuchen sollte.“ Nur bei persistierenden Infektionen gebe es ein höheres Krebsrisiko. 

Gleichzeitig weist Heß darauf hin, dass die HPV-Bestimmung und das Risiko, an Oropharynx-Karzinomen zu erkranken, mit 2 unabhängigen Kohorten durchgeführt worden sind. „Nach einer Infektion tritt der Tumor vielleicht in 20 bis 40 Jahren auf“, ergänzt der Experte. Aus seiner klinischen Praxis bestätigt Heß jedoch eine „eskalierende Inzidenz“ bei dieser Krebserkrankung. „Bis 2020 gibt es wahrscheinlich mehr HPV-induzierte Oropharynx-Karzinome als Zervix-Karzinome.“

Männer besonders gefährdet

Wünschenswert wäre deshalb, besonders gefährdete Personengruppen zu identifizieren. Aus dieser Überlegung heraus analysierten D’Souza und ihre Kollegen Daten von 13.089 Personen zwischen 20 und 69 Jahren. Alle Probanden hatten an dem National Health and Nutrition Examination Survey (NHANES) teilgenommen. Dazu gehörten Tests auf oral nachweisbare HPV-DNA. Bei 9.425 Teilnehmern im Alter von 20 bis 59 Jahren gelang es, Informationen über Sexualpraktiken zu erfassen. Daten aus einem US-Krebsregister kamen mit hinzu.

 
Gegenwärtig gibt es keine Tests, die zur Früherkennung von Oropharynx-Karzinomen eingesetzt werden könnten. Dr. Carole Fakhry
 

Die Forscher fanden bei 3,5% aller Erwachsenen im Alter von 20 bis 69 Jahren onkogene orale HPV-DNA. Die Prävalenz war bei Männern größer als bei Frauen und erhöhte sich mit der Zahl an Oralsex-Partnern und mit dem Tabakkonsum. D’Souza berichtet über Assoziationen, kann aber keine Kausalitäten belegen.

Ein paar Details aus der Untersuchung:

  • Frauen mit keinem oder maximal einem männlichen oralen Sexualpartner hatten während ihres Lebens die geringste Prävalenz. 1,8% aller Raucherinnen und 0,5% aller Nichtraucherinnen waren infiziert.

  • Der Wert stieg auf 1,5% an, falls Teilnehmerinnen 2 oder mehr Partner hatten, mit denen sie oralen Sex praktizierten.

  • Bei 10 oder mehr Kontakten waren es 3,0%.

  • Männer, die niemals oralen Sex mit anderen Männern hatten oder diesen mit maximal einem Partner praktizierten, kamen auf 1,5%.

  • Der Wert erhöhte sich bei männlichen Nichtrauchern mit 2 bis 4 männlichen Partnern auf 4%.

  • Wer geraucht und 2 bis 4 Oralsex-Partner hatte, lag bei 7,1%.

  • Oralsex mit 5 oder mehr Partnern, aber kein Nikotinkonsum, führte zu 7,4%, und

  • gleichzeitiger Tabakkonsum erhöhte den Wert auf 15%.

Screenings ohne Mehrwert – besser wären Impfungen

Wie D’Souza selbst kommentiert, erlaubten die Zahlen nicht unbedingt Rückschlüsse auf das Krebsrisiko. Als Erklärung führen sie HPV-Genotypen mit unterschiedlichem onkogenen Potenzial an. Die Prävalenz von HPV-16 als Hochrisiko-Virus war in den NHANES-Daten äußerst gering und schwankte zwischen 0,1% bei Frauen zwischen 60 und 69 Jahren und 2,4% Prozent bei Männern im Alter von 60 bis 69 Jahren.

 
Zum jetzigen Zeitpunkt ist ein populationsweites Screening über Speichelproben wenig sinnvoll. Prof. Dr. Jochen Heß
 

Laut Seer-Register (Surveillance, Epidemiology und End Results) beträgt das Lebenszeit-Risiko, an Oropharynx-Karzinomen zu erkranken, momentan 0,7% für Männer und 0,2% für Frauen.

„Unsere Forschung zeigt, dass die Identifizierung von Patienten mit oraler HPV-Infektion nicht ausreicht, weil Rückschlüsse auf das spätere Krebsrisiko nur schwer möglich sind“, ergänzt die Co-Autorin Dr. Carole Fakhry von der Johns Hopkins University School of Medicine. „Gegenwärtig gibt es keine Tests, die zur Früherkennung von Oropharynx-Karzinomen eingesetzt werden könnten.“

Fakhry hofft, durch weitere Forschungsprojekte mit jungen, gesunden Männern neue Erkenntnisse zu gewinnen: „Studien legen nahe, dass Antikörper gegen Krebs verursachende HPV-Typen mit einem erhöhten Risiko für HPV-bedingten Krebs in Verbindung stehen, aber diese Antikörper sind sehr selten.“ Bislang sei unklar, ob diese möglichen Biomarker für ein Screening infrage kämen.

 
Selbst ohne HPV besteht das Risiko, Oropharynx-Karzinome durch Tabakrauch zu entwickeln. Prof. Dr. Jochen Heß
 

„Zum jetzigen Zeitpunkt ist ein populationsweites Screening über Speichelproben wenig sinnvoll“, bestätigt Heß. Besser als ein Screening wären Impfungen. „HPV 16 ist der häufigste Genotyp bei HPV-assoziierten Kopf-Hals-Tumoren. Insofern macht eine Impfung von Jungs und Mädchen mit den heute verfügbaren Vakzinen Sinn.“ Gleichzeitig warnt er, sich nur auf HPV zu konzentrieren: „Selbst ohne HPV besteht das Risiko, Oropharynx-Karzinome durch Tabakrauch zu entwickeln.“



REFERENZEN:

1. D´Souza G, et al: Annals of Oncology (online) 19. Oktober 2017

Kommentar

3090D553-9492-4563-8681-AD288FA52ACE
Wir bitten darum, Diskussionen höflich und sachlich zu halten. Beiträge werden vor der Veröffentlichung nicht überprüft, jedoch werden Kommentare, die unsere Community-Regeln verletzen, gelöscht.

wird bearbeitet....