Metaanalyse zu Vitamin D mit ernüchterndem Ergebnis: Wenige profitieren – und die auch nur geringfügig

Nadine Eckert

Interessenkonflikte

9. November 2017

Vitamin D soll hilfreich bei der Vorbeugung zahlreicher, auch nicht-skelettaler Erkrankungen sein, gar die Sterblichkeit reduzieren. Umso ernüchternder fällt das Ergebnis einer aktuellen Metaanalyse aus: Auf nicht-skelettale Erkrankungen wie kardiovaskuläre Erkrankungen, Krebs oder Infektionskrankheiten hat eine Substitution mit Vitamin D im Allgemeinen keinen Effekt. Eine geringe Wirkung ist allenfalls bei älteren Menschen in Heimen oder Krankenhäusern zu beobachten, bei ihnen wird die Sterblichkeit etwas reduziert [1].

„Neu ist nur, dass die Einnahme von Vitamin D möglicherweise Infektionen der oberen Atemwege und Asthma-Exazerbationen vorbeugt“, kommentiert der Internist und Endokrinologe Prof. Dr. Onno Janßen vom Endokrinologikum Hamburg. Dies habe eine entsprechende Metaanalyse der gleichen Studiengruppe bis Dezember 2012 noch nicht gezeigt.

Neu ist nur, dass die Vitamin-D-Einnahme möglicherweise Infektionen der oberen Atemwege und Asthma-Exazerbationen vorbeugt. Prof. Dr. Onno Janßen

Für ihre neue Metaanalyse wertete das Team um Prof. Dr. Philippe Autier vom International Prevention Research Institute, Lyon, Frankreich, neben randomisierten Studien auch andere Metaanalysen aus – insgesamt waren es 83 Arbeiten, die von Januar 2013 bis Mai 2017 publiziert worden waren.

„Die Evidenz für einen präventiven Effekt von Vitamin D stammt vorwiegend aus Beobachtungsstudien. Die Grundaussage dieses sehr gründlichen, umfassenden und kritischen Reviews lautet: Vitamin D bringt im Hinblick auf die Prävention von Nicht-Skelett-Erkrankungen fast gar nichts, wenn man die harten Kriterien randomisiert-kontrollierter Studie anlegt“, so Janßen.

Etwas geringere Sterblichkeit bei Älteren

Im Detail zeigt die Metaanalyse von Autier und seinen Kollegen, dass die Einnahme von Vitamin D bei älteren Menschen, die in Heimen leben oder sich im Krankenhaus befinden, die Gesamtsterblichkeit reduzieren kann. In einer der eingeschlossenen Metaanalysen, einem großen Cochrane-Review von 2014, lag die Sterblichkeitsreduktion zum Beispiel bei 3%. „Das ist nicht dramatisch, aber es ist signifikant“, sagt Janßen und ergänzt, dass niedrige Dosierungen von 20 µg (800 Einheiten) am Tag bereits ausreichten, um diesen Effekt zu erzielen. „In solchen Kollektiven sollte man wahrscheinlich mit Vitamin D supplementieren, das gibt die Studienlage jetzt her.“

In einigen Metaanalysen fand sich – ebenfalls bei älteren Menschen – zudem eine Reduktion der krebsbedingten Sterblichkeit in der Größenordnung von -12%, auch wenn Vitamin D auf das Auftreten von Krebserkrankungen offenbar keinen Effekt hatte.

Reduktion von Infektionen der oberen Atemwege und Asthmaexazerbationen

Einen weiteren Effekt könnte Vitamin D auf das Risiko für Infektionen der oberen Atemwege haben. In einer erst dieses Jahr veröffentlichten Metaanalyse Londoner Forscher reduzierte die Supplementation von Vitamin D das Risiko für Infektionen der oberen Atemwege zum Beispiel um 12%.

Metaanalysen von Studien mit Kindern, Erwachsenen und schwangeren Frauen fanden zudem eine Reduktion des Risikos für Asthma-Exazerbationen, die einer Behandlung mit Kortikosteroiden bedürfen – laut einem Cochrane-Review von 2016 um bis zu 37%.

Kein Effekt auf weitere Erkrankungen

Autier und sein Team untersuchten auch potenzielle Effekte von Vitamin D auf

  • kardiovaskuläre Erkrankungen,

  • Krebs,

  • Stoffwechselstörungen,

  • Adipositas,

  • Infektionskrankheiten wie Pneumonie und Tuberkulose,

  • allergische Dermatitis,

  • Rheuma,

  • Schmerzen,

  • Depressionen,

  • Morbus Crohn und chronische Inflammation

  • und mögliche Effekte auf Mutter und Kind bei einer Supplementation in der Schwangerschaft.

Ihr Fazit: „Für alle anderen nicht-skelettalen Endpunkte haben sich die Schlussfolgerungen seit 2012 nicht verändert. Die meisten Metaanalysen und Studien haben keine Evidenz dafür gefunden, dass eine Vitamin-D-Supplementierung einen Effekt auf die Prävention und Behandlung akuter und chronischer Erkrankungen hat.“

Dass die meisten Metaanalysen und Studien keine oder nur eine geringe Risikoreduktion durch Vitamin D zeigten, sei überraschend, schreiben Autier und seine Koautoren, denn „in den meisten Beobachtungsstudien waren niedrige Vitamin-D-Konzentrationen mit großen Erkrankungsrisiken und schlechtem Überleben assoziiert“.

Die meisten Metaanalysen und Studien haben keine Evidenz dafür gefunden, dass eine Vitamin-D-Supplementierung einen Effekt auf die Prävention und Behandlung akuter und chronischer Erkrankungen hat. Prof. Dr. Philippe Autier

Umgekehrte Kausalität?

„Bei nüchterner Betrachtung muss man zu dem Schluss kommen, dass die Kausalität wohl andersherum ist, als bislang postuliert“, resümiert Janßen. „Vitamin D ist nicht die Ursache, sondern die Folge einer Grunderkrankung. Mit Vitamin D lässt sich somit an der Grunderkrankung nichts verändern.“

Vitamin D ist nicht die Ursache, sondern die Folge einer Grunderkrankung. Prof. Dr. Onno Janßen

Und auch Autier und seine Koautoren vermuten, dass „ein schlechter Vitamin-D-Status die Konsequenz schlechter Gesundheit ist und nicht die Ursache“. Weshalb die Vitamin-D-Supplementierung dennoch in einigen Fällen einen gewissen Nutzen zeigt, beantworten die Autoren nicht.

Kritik an geringer Studienqualität

Sie bemängeln allerdings die geringe Qualität vieler Studien und Metaanalysen zum Thema Vitamin D. Von ursprünglich 87 identifizierten Metaanalysen hätten 52 ausgeschlossen werden müssen, da sie veraltet oder von schlechter Qualität gewesen seien. Insbesondere werde häufig dem Verlust von Teilnehmern im Follow-up (attrition) nicht genug Beachtung geschenkt. Und oft habe die Art der Randomisierung und Verblindung den Teilnehmern dennoch ermöglicht, zwischen Vitamin-D- und Placeboarm zu unterscheiden.

„In den nächsten 10 Jahren werden mindestens 1.000 weitere Studien zur Vitamin-D-Supplementierung veröffentlicht werden“, schreiben Autier und seine Kollegen. Und mit all den neuen Studiendaten werde auch der Fluss neuer Metaanalysen nicht versiegen.

Um die Qualität dieser Metaanalysen zu sichern, sollte das Teilen von Daten gefördert werden, etwa indem diese in einer Cloud angelegt werden. Gepoolte Analysen würden zuverlässigere Ergebnisse liefern und Subgruppenanalysen erlauben.

Kommentar

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