Immer öfter ohne Skalpell: Neues Weißbuch zeigt Wege zur konservativen Therapie in Orthopädie und Unfallchirurgie

Dr. Klaus Fleck

Interessenkonflikte

30. Oktober 2017

Berlin – Wird über Orthopädie und Unfallchirurgie berichtet, dann stehen sehr oft operative Eingriffe im Vordergrund. „Allerdings werden die allermeisten Patienten mit Erkrankungen des Muskel- und Skelettsystems nicht operativ, sondern konservativ behandelt“, betonte Dr. Matthias Psczolla, Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft nicht-operativer orthopädischer manualmedizinischer Akutkliniken e.V., Oberwesel, bei der Präsentation des „Weißbuchs Konservative Orthopädie und Unfallchirurgie“ auf dem Deutschen Kongress für Orthopädie und Unfallchirurgie (DKOU) in Berlin [1].

Dr. Matthias Psczolla

Das Weißbuch liefert zahlreiche Daten und Fakten über die ganze Breite der konservativen Therapieoptionen. Es soll auch für niedergelassene Ärzte eine Orientierungshilfe sein und die konservative Therapie in Zukunft stärken.

Auch Unfallfolgen oft ohne Operation behandelbar

Erkrankungen und Verletzungen des muskuloskeletalen Systems sind in Deutschland eine der Hauptursachen für körperliche Funktionsdefizite, Arbeitsunfähigkeit, chronische Schmerzen und Verlust an Lebensqualität. „Die konservative Orthopädie und Unfallchirurgie hat hier – längst nicht nur im Bereich der niedergelassenen Fachärzte – ein überaus breites Spektrum anzubieten“, sagte Psczolla.

Das gelte auch für die Behandlung von Unfallfolgen: „Früher dachte man nach einem Unfall weitaus schneller an eine Operation, während heute ein deutlich größeres Bewusstsein dafür besteht, dass sich viele Verletzungen wie etwa des Sprunggelenks oder des Schultergelenks auch konservativ erfolgreich therapieren lassen.“

„Gewaltiger“ Versorgungsauftrag

Zu den zahlreichen rein konservativ zu behandelnden Erkrankungen und Verletzungen kommt Psczolla zufolge die nach vielen Eingriffen notwendige konservative Behandlung der Operationsfolgen. Weitere Herausforderungen seien unter anderem die Besonderheiten bei pädiatrischen und geriatrischen Patienten: „Insgesamt stehen wir einem gewaltigen Versorgungsauftrag gegenüber.“

Das Weißbuch thematisiert klinische Bilder, diagnostische Verfahren und ärztliche sowie ergänzende nicht-ärztliche Therapieoptionen für zahlreiche Erkrankungen und Verletzungen wie:

  • manuelle Therapie

  • Schmerztherapie

  • Physiotherapie

  • Ergotherapie

  • Hydro-, Thermo- und Kryotherapie

  • Behandlungen unter Verwendung von Orthopädietechnik

Das Buch weist ebenfalls auf existierende Versorgungs- und Strukturmängel hin und behandelt die Vernetzung zwischen verschiedenen Berufsgruppen, aber auch Fragen der Prävention, Qualitätssicherung, Aus- und Weiterbildung sowie Forschung.

Mehr akutstationäre konservative Therapie

Als einen in den vergangenen Jahren verstärkt zu beobachtenden Trend bezeichnete der Oberweseler Orthopäde die Zunahme der akutstationären konservativen Behandlung. „Diese hat ein Revival erlebt, auch wenn aufgrund langjähriger Konzentration auf operative Verfahren bundesweit immer noch ein Mangel an konservativ-orthopädischen und -unfallchirurgischen Akutbetten besteht.“

 
Früher dachte man nach einem Unfall weitaus schneller an eine Operation … Dr. Matthias Psczolla
 

Er verwies dabei auf das in den vergangenen 10 bis 15 Jahren entstandene ANOA-Konzept. Die Arbeitsgemeinschaft nicht-operativer orthopädischer manualmedizinischer Akutkliniken e.V., der derzeit 23 Kliniken angehören, hat sich auf akute sowie chronifizierte Erkrankungen des Bewegungssystems und Schmerzsyndrome spezialisiert. „Dieses Konzept“, so Psczolla, „soll orthopädisch-unfallchirurgische Abteilungen wieder in Richtung der Vollversorgung mit konservativen Angeboten ergänzen.“

Nutzen für Niedergelassene

Einen besonderen Nutzen des Weißbuchs sieht Psczolla auch für niedergelassene Fachärzte und Allgemeinmediziner, wie er im Gespräch mit Medscape erläuterte: „Das Buch verdeutlicht ihnen, dass es leitliniengerecht alternativ zu operativen Therapien auch sehr viele konservative Behandlungsmöglichkeiten gibt. So kann der Arzt etwa Patienten, die keine Operation wollen bzw. eine zweite Meinung wünschen, in vielen Fällen eine gute Alternative anbieten.“

Noch zu wenig wüssten selbst viele Fachärzte für Orthopädie und Unfallchirurgie über die im Weißbuch beschriebenen Möglichkeiten, ihre Patienten in Kliniken zu schicken, die auf konservative stationäre Therapien spezialisiert sind.

Herausgeber des Weißbuchs Konservative Orthopädie und Unfallchirurgie sind die Deutsche Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie (DGOU) und der Berufsverband für Orthopädie und Unfallchirurgie (BVOU). Die Publikation ist sowohl in gedruckter Form als auch – kostenlos – als Open-Access-Publikation im Internet als Download verfügbar.

10 Forderungen zur Zukunft der konservativen Orthopädie und Unfallchirurgie

Welche Entwicklungsperspektiven und zukünftige Aufgaben sie für wichtig halten, haben die Autoren in 10 Forderungen formuliert (hier leicht gekürzt):

1. Die konservative Orthopädie und Unfallchirurgie (O und U) muss in allen Bereichen gestärkt werden.

2. Es muss sichergestellt werden, dass die konservativen Behandlungsinhalte allen Patienten zur Verfügung stehen, die davon profitieren – auch in operativ ausgerichteten Kliniken.

3. O und U müssen adäquate Therapiealternativen anbieten, die sich nicht in erster Linie an wirtschaftlichen Gesichtspunkten der Versorgung orientieren.

4. Die Vernetzung zwischen den Sektoren sollte im Sinne der Patientensicherheit und der Qualitätssicherung vorangetrieben werden.

5. Die Weiterbildung in den konservativen Verfahren der O und U muss in der Muster-Weiterbildungsordnung adäquat abgebildet sein. Die Weiterbildung muss ausreichend finanziert werden.

6. Grundlagen- wie Versorgungsforschung in der konservativen O und U müssen gestärkt werden. Die Universitäten müssen dafür beispielsweise Lehrstühle für konservative O und U einrichten.

7. Für die Prävention von Krankheiten in O und U spielen konservative Inhalte eine große Rolle. Zukunftsweisende Präventionskonzepte müssen weiter erforscht und gefördert werden.

8. Die interdisziplinäre Kooperation mit nichtärztlichen Gesundheitsberufen ist unverzichtbar. Genauso unverzichtbar ist allerdings auch der Primat ärztlicher Indikationsstellung, Diagnostik und Behandlungsführung. Die Gesamtverantwortung liegt beim Arzt.

9. Die Akademisierung der Gesundheitsfachberufe wird unterstützt. Sie sollte allerdings nicht zu einem sogenannten Direktzugang führen, also der Möglichkeit, ohne Überweisung eines Orthopäden oder Unfallchirurgen einen Physiotherapeuten oder Ergotherapeuten aufzusuchen.

10. Ärztliche Osteopathie und osteopathische Verfahren gehören als Erweiterungen der Manuellen Medizin zur konservativen O und U. In diesem Bereich hat sich zudem die Delegation an entsprechend qualifizierte Physiotherapeuten bewährt. Sie sollte weiterentwickelt werden.



REFERENZEN:

1. Vorab-Konferenz zum Deutschen Kongress für Orthopädie und Unfallchirurgie (DKOU), 17. Oktober 2017, Berlin

Kommentar

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