Schlank, aber süchtig? Nach bariatrischer OP steigt Risiko für Alkohol-Missbrauch – engmaschige Nachsorge sinnvoll

Damian McNamara

Interessenkonflikte

26. Oktober 2017

Orlando – Nach Adipositas-chirurgischen Eingriffen – Roux-en-Y-Magenbypass-Operationen, Sleeve-Gastrektomien und laparoskopischen Magenband-Operationen – steigen die Raten an riskantem Alkoholkonsum drastisch an, wie ein systematischer Review mit einer Metaanalyse von 28 Studien aufzeigt.

„Nach bariatrischen Operationen benötigen die Patienten eine engmaschige Nachsorge und sollten auf psychische Probleme und Drogenmissbrauch hin beobachtet werden“, sagte Dr. Praneet Wander, Gastroenterologin am North Shore University Hospital in Manhasset, New York, USA. Und Patienten, die schon vor dem Eingriff angaben, Probleme mit dem Trinken zu haben, „lassen sich dennoch operieren“, fügte sie hinzu. Deshalb brauchen wir auch „ein besseres Screening auf riskante Verhaltensweisen bei der Identifikation von Patienten für bariatrische Eingriffe“.

Erhöhte Anfälligkeit für Alkoholmissbrauch

Die bariatrische Chirurgie ist mit einer Verbesserung Adipositas-bedingter Begleiterkrankungen wie z.B. Diabetes mellitus und Bluthochdruck assoziiert. „Doch einige Daten deuten darauf hin, dass Patienten nach bariatrischen Operationen anfällig für Alkoholmissbrauch sind“, sagte Wander beim World Congress of Gastroenterology, auf dem die Studie mit dem American College of Gastroenterology Auxiliary Award 2017 für Nachwuchsforscher ausgezeichnet wurde [1].

Da die Daten in der Literatur widersprüchlich waren, durchsuchten Wander und ihre Kollegen die Datenbanken Medline und Embase nach Studien zur bariatrischen Chirurgie. Sie identifizierten 12 prospektive und 16 retrospektive oder Querschnittstudien mit insgesamt 15.714 Teilnehmern. Diese wurden im Schnitt 2,6 Jahre nachbeobachtet.

 
Nach bariatrischen Operationen benötigen die Patienten eine engmaschige Nachsorge und sollten auf psychische Probleme und Drogenmissbrauch hin beobachtet werden. Dr. Praneet Wander
 

Der Roux-en-Y-Magenbypass – die häufigste bariatrische Operation – wurde in 23 Studien untersucht, das laparoskopische Einsetzen eines Magenbandes in 12 und restriktive bariatrische Eingriffe in 8 Studien.

Insgesamt 19% der Patienten berichteten vor dem Eingriff von riskantem Alkoholkonsum. „Wir stellten fest, dass bariatrische Operationen mit einer Zunahme von moderatem bis riskantem Alkoholkonsum assoziiert waren. Etwa 8% der Patienten begannen erst nach dem Eingriff mit einem Alkoholkonsum, der als moderat bis riskant eingestuft wurde. Die Wahrscheinlichkeit von Alkoholmissbrauch war erhöht“, berichtete Wander.

Trotz der Limitationen der Analyse – der mangelnden Verfügbarkeit von Daten aus randomisiert-kontrollierten Studien und qualitativ guten prospektiven Studien und die unterschiedlichen Nachbeobachtungszeiträume – „glauben wir, dass wir viel aus dieser Studie lernen können“, sagte sie.

Mögliche physiologische Grundlagen

Die Assoziation zwischen Alkoholkonsum und bariatrischer Chirurgie könnte physiologische Grundlagen haben. „Alkohol wird nach bariatrischen Eingriffen anders verstoffwechselt, speziell nach einem Roux-en-Y-Magenbypass“, erklärte Wander.

Die Absorption von Alkohol im Dünndarm könnte durch die schnelle Entleerung von Flüssigkeiten aus der Magentasche (Pouch) beschleunigt sein. „Wir sehen, dass Alkohol schneller absorbiert wird, die Maximalkonzentration an Alkohol im Blut höher ist und es nach diesen Eingriffen lange dauert, bis Alkohol abgebaut wird“, hob sie hervor.

Doch auch andere Faktoren könnten eine Rolle spielen. „Bei manchen Patienten, die sich einer bariatrischen Operation unterziehen, liegt eine nicht diagnostizierte Depression oder ein unerkannter Drogenmissbrauch vor“, sagte sie.

Hohe Scheidungsrate nach bariatrischen Eingriffen

Auch Veränderungen des Beziehungsstatus könnten eine Rolle spielen, sagte Dr. David Johnson von der Eastern Virginia Medical School in Norfolk. „Die Scheidungsrate nach bariatrischen Eingriffen ist sehr hoch“, sagte er gegenüber Medscape. „Die ehelichen Probleme könnten erklären, weshalb einige dieser Patienten zur Flasche greifen.“

 
Nach einer bariatrischen Operation kann es zu einer Reihe von Problemen kommen. Dr. David Johnson
 

„Nach einem bariatrischen Eingriff verändert sich das Körperbild. Und es kommt auch zu einer funktionellen Veränderung, die nicht nur die Patienten selbst, sondern auch die Ehepartner betrifft“, so Johnson. „Einiges davon könnte mit dem Alkoholkonsum im Zusammenhang stehen. Möglicherweise wenden sie sich aus Unzufriedenheit über ihr Leben dem Alkohol zu.“

Das Adipositas-chirurgische Programm an seiner Klinik umfasst auch ein Angebot zur Eheberatung. „Nach einer bariatrischen Operation kann es zu einer Reihe von Problemen kommen“, sagte Johnson. Die Patienten können Ernährungsdefizite, insbesondere Vitamin- und Mineralstoffmängel, entwickeln und benötigen deshalb „eine lebenslange Überwachung und Supplementierung von Vitaminen und Mineralstoffen“. Außerdem kann es zu Problemen mit der Motilität und bakterieller Überbesiedlung kommen. Und „diese Studie hebt hervor, dass die Neigung zu Alkoholmissbrauch ein weiteres Problem darstellt, das auftreten kann“, ergänzte er.


Dieser Artikel wurde von Nadine Eckert aus www.medscape.com übersetzt und adaptiert.



REFERENZEN:

1. World Congress of Gastroenterology, 13. bis 18. Oktober 2017, Orlando/USA

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