Europäisches Konsortium macht Risikofaktoren für Vorhofflimmern dingfest: Niedriges Cholesterin gehört überraschend dazu

Michael van den Heuvel

Interessenkonflikte

26. Oktober 2017

Bei Männern tritt Vorhofflimmern gehäuft ab 50 und damit im Schnitt 10 Jahre früher auf als bei Frauen, so das Ergebnis einer europaweiten Kohortenstudie von Dr. Christina Magnussen, Universitäres Herzzentrum Hamburg, und Kollegen, die kürzlich in Circulation veröffentlicht worden ist [1]. Erstaunlich war, dass neben starkem Übergewicht auch niedrige Gesamtcholesterinwerte mit einem höheren Risiko assoziiert waren. 

„Es war überraschend, dass sich der mögliche Cholesterin-Effekt in einer derart großen Kohorte so deutlich bestätigen ließ“, kommentiert Coautorin Prof. Dr. Renate Bonin-Schnabel, ebenfalls Universitäres Herzzentrum Hamburg, gegenüber Medscape. „In bisherigen Untersuchungen hatte es wiederholt Hinweise darauf gegeben, dass ein höheres Gesamtcholesterin mit einem niedrigeren Risiko für Vorhofflimmern verbunden ist. Die Mechanismen, die hierfür verantwortlich sind, konnten aber weder bisherige Arbeiten noch unsere Daten klären.“

Prof. Dr. Thomas Meinertz

Prof. Dr. Thomas Meinertz, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Herzstiftung, ergänzt: „Diese wichtige Arbeit ist besonders, da man Vorhofflimmern bei einer enorm großen Bevölkerungsgruppe untersucht hat. Dass Männer ab 50 und Frauen erst ab 60 erkranken, ist noch nie so klar gezeigt worden.“ Fettleibigkeit als eigenständiger Risikofaktor sei ebenfalls neu.

Geschlecht, BMI und Cholesterin als Risikofaktoren

Basis der Studie waren 4 europäische Kohorten mit insgesamt 79.793 Teilnehmern zwischen 24 und 97 Jahren. Sie hatten zu Beginn kein Vorhofflimmern. Die mediane Nachbeobachtungszeit lag bei 12,6 Jahren. Während dieser Spanne kam es bei Frauen zu 1.796 (4,4%) neuen Diagnosen. Bei Männern waren es 2.465 Fälle (6,4%).

Wenig überraschend erkrankten jüngere Teilnehmer seltener. Die kumulative Inzidenz stieg bei Männern ab den 50er- und bei Frauen erst ab den 60er-Jahren an, also rund 10 Jahre später. Derzeit gibt es Bonin-Schnabel zufolge aber keine klaren Ansätze, um den Geschlechterunterschied zu erklären. Das über die Lebenszeit ermittelte Gesamtrisiko war mit über 30% für Frauen und Männer aber gleich. Bei Patienten mit Vorhofflimmern fanden Magnussen und Kollegen ein 3,5-fach höheres Mortalitätsrisiko als bei Personen ohne die Rhythmusstörung.

Im nächsten Schritt werteten die Forscher ihre Daten mit multivariaten Analysemethoden aus. Sie fanden eine Assoziation zwischen dem Body Mass Index (BMI) und dem Risiko für Vorhofflimmern. Bei Männern errechnete das Team 31% und bei Frauen 18% Risikoerhöhung pro BMI-Standardabweichung von 14,7 kg nach oben. 

Ein höherer Gesamtcholesterinspiegel, der als Risikofaktor für kardiovaskuläre Erkrankungen bekannt ist, war mit einem geringeren Risiko für Vorhofflimmern assoziiert. Pro Standardabweichung von 1,17 mmol/l (45,23 mg/dl) nach oben sank das Risiko um 14% bei Frauen und 8% bei Männern. Weitere Risikofaktoren waren Hypertonien und koronare Herzerkrankungen. Typ-2-Diabetes gehörte entgegen vorheriger Vermutungen nicht dazu.

Breite Datenbasis, aber leichte Formen vielleicht übersehen

„Die Stärke des europäischen Konsortiums liegt in der großen Zahl der Studienteilnehmer aus unterschiedlichen europäischen Ländern mit einer Nachbeobachtungszeit von bis zu 28 Jahren“, berichtet Bonin-Schnabel. Damit seien die Daten weitgehend repräsentativ. „Zudem hatten wir aufgrund der Größe und einheitlichen Risikofaktoren-Erfassung die Möglichkeit, auch kleine Unterschiede aufzudecken, die in bisherigen Studien nicht gefunden wurden.“

Als Limitation sieht die Expertin, dass Diagnosen überwiegend auf Daten nationaler Krankenhausregister oder spezialisierter Kliniken beruhten. „Damit sind tendenziell eher schwere Fälle in die Studie eingeschlossen worden, was die Daten etwas verzerren kann.“ Zudem sei keine systematische Diagnose auf Vorhofflimmern durchgeführt worden, so dass leichte Fälle wahrscheinlich unentdeckt geblieben seien. „Das hat die Aussagekraft unserer Ergebnisse geschwächt“, berichtet Bonin-Schnabel.

Gewichtskontrolle bei Männern von Bedeutung

Trotz aller Einschränkungen sieht Magnussen Botschaften für die Praxis: „Es ist entscheidend, modifizierbare Risikofaktoren für Vorhofflimmern besser zu verstehen“, konstatiert die Autorin. „Wenn es mit Präventionsstrategien gelingt, diese Risikofaktoren zu beeinflussen, erwarten wir einen spürbaren Rückgang des neu auftretenden Vorhofflimmerns.“ An 1. Stelle steht das Körpergewicht: „Da ein erhöhter BMI für Männer schädlicher zu sein scheint, ist die Gewichtskontrolle besonders bei übergewichtigen und fettleibigen Männern wichtig.“

Auf protektive Effekte hoher Cholesterinspiegel angesprochen, relativiert Bonin-Schnabel: „Selbst eine sehr starke medikamentöse Cholesterinsenkung wirkt sich insgesamt positiv auf das Gesamtüberleben aus. Ob die Senkung bei Patienten mit Vorhofflimmern vorsichtiger vorgenommen werden sollte, kann anhand der derzeit verfügbaren Daten nicht beurteilt werden.“



REFERENZEN:

1. Magnussen C, et al: Circulation (online) 16. Oktober 2017

Kommentar

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