Die achtsame Alternative: Tai Chi ist in der kardiologischen Rehabilitation ähnlich nützlich wie Sport

Birgit Schouren

Interessenkonflikte

24. Oktober 2017

Tai Chi,  auch bekannt als Taijiquan, eignet sich dank seiner fließenden und langsamen  Bewegungsabläufe gut für ältere Menschen oder Kranke. Die Konzentration auf den  eigenen Körper und die daraus resultierende Meditation entspannt sowohl Körper als  auch Geist.

Wie eine  Studie im Journal of the American Heart  Association nun zeigt, eignet sich Tai Chi in der kardiologischen  Rehabilitation nicht nur zur Entspannung, sondern kann auch als Alternative zu Sport  eingesetzt werden. Weil die Probanden dabei keinen sportlichen Leistungsdruck  empfanden, konnten die Studienautoren so die Zahl der freiwilligen  Reha-Teilnehmer erhöhen [1].

„Der Ansatz  ist nicht ganz neu“, bemerkt Prof. Dr. Bernhard  Schwaab, Chefarzt der Curschmann Klinik in Timmendorfer Strand. „Es gibt  bereits einige Untersuchungen zu Tai Chi oder auch Qigong in der  kardiologischen Rehabilitation.“

Tai Chi ist nur eine Maßnahme von vielen

„Es ist  wichtig darauf hinzuweisen, dass die kardiologische Rehabilitation aus  verschiedenen Maßnahmen besteht“, betont auch Dr. Krishna Aragam, vom Massachusetts General Hospital in Boston, USA,  und Kollegen in einem begleitenden Editorial [2]. „Dazu zählen Sport, Ernährung  und Gewichtsmanagement, Stressbewältigung und Aufklärung über das  kardiovaskuläre Risiko. Die (in der Studie) beobachteten Vorteile könnten durch  eine dieser Komponenten verursacht worden sein. Tai Chi könnte die Outcomes auf anderem Wege als durch  körperliche Fitness beeinflusst haben, wie durch Atem- und Entspannungsübungen,  um Stress zu reduzieren.“

Auch  Schwaab teilt diese Meinung. „Es ist völlig egal, ob Patienten zur Entspannung  Kegeln, Tanzen, ein Buch lesen oder Tai Chi ausüben. Jeder Mensch geht anders  mit Stress um. Letztlich ist Tai Chi Teil der Entspannungs- und Bewegungstherapie“,  und somit als ein Modul im Gesamtkonzept der Rehabilitation zu betrachten.

 
Tai Chi könnte die Outcomes auf anderem Wege als durch körperliche Fitness beeinflusst haben, wie durch Atem- und Entspannungsübungen, um Stress zu reduzieren. Prof. Dr. Bernhard Schwaab
 

Aus seiner  Sicht wäre es wichtig, Patienten bereits in der Akutbehandlung auf die Vorteile  der kardiologischen Rehabilitation hinzuweisen, um mehr Patienten dafür zu motivieren.  „Wenn die Kollegen den  Patienten nach einem Stent-Einsatz sagen, dass trotzdem der Lebensstil geändert  werden muss, dann sind die Patienten in dieser Situation noch dafür empfänglich“,  erläutert Schwaab. „Sagt der Kardiologe lediglich, alles sei wieder gut und die  Patienten könnten wieder nach Hause, nehmen sie das Angebot eher nicht wahr.“

Bekanntes Problem: Nicht alle gehen in die Rehabilitation

Erstautorin Dr. Elena Salmoirago-Blotcher,  Epidemiologin an der Brown University in Providence, USA, hat gemeinsam mit  ihren Kollegen untersucht, ob durch Tai Chi mehr Patienten freiwillig an der  kardiologischen Rehabilitation teilnehmen.

Denn obwohl  die kardiologische Rehabilitation sowohl international als auch national empfohlen  wird, um Morbidität und Mortalität der Patienten wirksam zu senken, treten etwa  in den USA maximal 40% die kardiologische  Rehabilitation an. In Deutschland schwankt der Anteil je nach  Studie, wobei der bislang höchste ermittelte Wert bei  etwa 70% lag.

„Sowohl in  den USA als auch in Deutschland nehmen Patienten aus ähnlichen Gründen nicht an  einer kardiologischen Rehabilitation teil“, erläutert Schwaab. „Frauen und  ältere Menschen über 70 nehmen z.B. das Angebot seltener wahr. Auch das  Einkommen und der Bildungsstand spielen eine Rolle.“

So treten  z.B. Patienten mit einem höheren Bildungsgrad häufiger eine Rehabilitation an,  als Patienten mit niedrigem Bildungsstand. In den USA komme erschwerend hinzu,  dass solche Leistungen nicht immer von den Krankenkassen bezahlt würden.

Tai Chi als Normal- oder Intensivprogramm

Salmoirago-Blotcher  konnte für ihre Studie 43 freiwillige Patienten rekrutieren, die randomisiert  entweder eine intensive Rehabilitation mit 3 Tai-Chi-Einheiten pro Woche (PLUS,  n = 16) oder eine einfache Rehabilitation mit 2 Tai-Chi-Einheiten pro Woche  (LITE, n = 17) erhielten. Dieses Schema hielten die Probanden 12 Wochen ein.

Bei den  PLUS-Teilnehmern wurden im Anschluss 3 Wochen lang die Tai-Chi-Stunden auf 2-mal  die Woche reduziert, danach erhielten sie alle 2 Wochen eine Tai-Chi-Unterrichtseinheit  bis zur 24. Woche. Alle Teilnehmer der Studie wurden dazu angehalten, Tai Chi  auch Zuhause durchzuführen. Zur Unterstützung erhielten sie eine 30-minütige Übungs-DVD.

Ausgewertet  wurden die Daten von 13 Teilnehmern aus der PLUS-Gruppe und 16 Teilnehmern aus  der LITE-Gruppe. Zu den erfassten Angaben zählten die Anwesenheit bei den  Tai-Chi-Übungen, wie oft Teilnehmer tatsächlich zuhause übten und was sie  überhaupt von der Maßnahme hielten. Um die körperliche Fitness festzustellen,  verwendeten die Forscher Sensoren, die die Teilnehmer mindestens 10 Stunden am  Tag trugen und sie führten 3 Monate nach Studienbeginn Fitnesstests durch.  Weitere Follow-up-Untersuchungen wurden nach 6 und 9 Monaten durchgeführt.

Die meisten  Teilnehmer waren multimorbide: Die Hälfte hatte Diabetes, mehr als 2 Drittel hohe  Cholesterin-Werte oder einen hohen Blutdruck. Über die Hälfte der Probanden war  adipös und ein Drittel rauchte zu Studienbeginn. Etwa 60% hatten einen  Myokardinfarkt in der Anamnese und 80% hatten eine perkutane Koronarintervention  hinter sich.

Teilnehmer waren begeistert

Die Autoren  hielten ebenfalls fest, warum Patienten die Teilnahme an der Studie  verweigerten. Als häufigste Gründe gaben sie an, entweder kein Interesse oder  keine Zeit für eine kardiologische Rehabilitation zu haben oder das sie intensive  sportliche Aktivität nicht mögen. Erstaunlich: Etwa die Hälfte gab an, dass sie  die kardiologische Rehabilitation für gefährlich halten.

 
Wenn die Kollegen den Patienten nach einem Stent-Einsatz sagen, dass trotzdem der Lebensstil geändert werden muss, dann sind die Patienten in dieser Situation noch dafür empfänglich. Prof. Dr. Bernhard Schwaab
 

Die Studienteilnehmer  waren hingegen vom Programm überzeugt: Die Zufriedenheit lag bei 95%. Diese  Zahl spiegelte sich ebenfall im Durchhaltevermögen wider. Während es in der  PLUS-Gruppe bei 88% lag, betrug der Anteil in der LITE-Gruppe sogar 90%.

Auch die  Fitness verbesserte sich unter den Teilnehmern. So stieg die Zeit mit moderater  bis starker körperlicher Aktivität (MVPA, moderate-to-vigorous physical  activity, min/Woche) in beiden Gruppen an – und war dabei unter  PLUS-Teilnehmern nach 3 Monaten bereits signifikant besser aus als unter  LITE-Teilnehmern.

Die Teilnehmer  der PLUS-Gruppe hatten sich im Mittel 100 Minuten pro Woche intensiver bewegt  als die Teilnehmer der LITE-Gruppe. Cut-off war dabei eine mindestens  10-minütige moderate bis starke Aktivität. Nach 6 Monaten vergrößerte sich der  Unterschied auf 111 Minuten pro Woche.

Salmoira-Blotcher  und ihre Kollegen halten in ihrem Fazit fest, dass durch Tai Chi mehr Patienten  dazu ermuntert wurden, die kardiologische Rehabilitation wahrzunehmen. Auch  konnte dadurch die Fitness der Patienten verbessert werden.



REFERENZEN:

1. Salmoirago-Blotcher  E, et al: JAHA 2017;6:e006603

2. Pirruccello JP, et al: JAHA 2017;6:e007468

Kommentar

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