Viel hilft viel: Sport erhöht auch in der Sekundärprävention von KHK die Lebenserwartung

Julia Rommelfanger

Interessenkonflikte

23. Oktober 2017

Durch regelmäßiges, am besten intensives Training können Patienten mit einer stabilen koronaren Herzkrankheit (KHK) ihr Sterberisiko deutlich mindern. Denn eine Analyse der internationalen STABILITY-Beobachtungsstudie mit mehr als 15.000 Patienten zeigt, dass für die Sekundärprävention die gleiche „viel Bewegung hilft viel“-Regel gilt wie in der Primärprävention: Patienten, die oft und intensiv trainierten, wiesen ein geringeres Mortalitätsrisiko auf als diejenigen, die sich wenig oder gar nicht bewegen.

„Für inaktive Patienten könnte ein bisschen Training mit geringer oder mittlerer Intensität große gesundheitliche Auswirkungen haben“, bemerkt das Autorenkollektiv unter der Leitung von Dr. Ralph A. H. Stewart, Green Lane Cardiovascular Service, Auckland City Hospital, Auckland, Neuseeland, im Journal of the American College of Cardiology [1]. Die niedrigsten Sterberaten wiesen jedoch diejenigen auf, die zu Studienbeginn angaben, häufiger und intensiver zu trainieren als die übrigen Studienteilnehmer, fügen sie an.

Prof. Dr. Tim Meyer

© Oliver Dietze

„Das ist eine wertvolle Studie, die zeigt, dass auch KHK-Patienten den insgesamt größten Benefit durch intensiveres beziehungsweise umfangreicheres Training erzielen“, sagt Prof. Dr. Tim Meyer Ärztlicher Direktor des Instituts für Sport- und Präventivmedizin an der Universität des Saarlandes in Saarbrücken, im Gespräch mit Medscape. Eine vorübergehende Mehrgefährdung dieser Patienten, die eventuell während des intensiven Trainings auftrete, „wird langfristig durch den erzielten Gesundheitsvorteil mehr als wettgemacht”, erklärt der Experte.

Größte Dosis-Wirkungsstudie unter KHK-Patienten

Bislang, erklärt er, seien nur wenige Studien zur Trainingsdosierung und den Auswirkungen dieser Belastungen für KHK-Patienten durchgeführt worden. Somit fußen Empfehlungen zum Training vielfach auf den Erkenntnissen aus der Primärprävention. „Die Studie bestätigt das, was in den vielen Studien zur Primärprävention zutage kam: KHK-Patienten, die viel und intensiv trainieren, profitieren davon auf lange Sicht“, sagt der Sportmediziner und Mannschaftsarzt des Deutschen Fußball-Bunds (DFB).

Für die aktuelle Analyse der Studie Stabilization of Atherosclerotic Plaque by Initiation of Darapladib Therapy (STABILITY) wurden 15.486 Patienten (Durchschnittsalter 65 Jahre, 18,6% Frauen) mit stabiler KHK (vorheriger Myokardinfarkt, perkutane Koronarintervention, Bypass-Operation oder koronare Mehrgefäßerkrankung) aus 39 Ländern in Europa, Asien, Nord- und Südamerika rekrutiert.

Zu Studienbeginn beantworteten sie unter anderem Fragen (International Physical Activity Questionnaire) zu den Wochenstunden, die sie mit leichter (z.B. leichtes Gehen, Yoga, Tai Chi, leichte Hausarbeit), mittlerer (z.B. schnelleres Gehen, Joggen, Aerobic, Gärtnern, Radfahren, Schwimmen, Hausputz) und intensiver Bewegung (z.B. Laufen, schweres Heben, anstrengender Sport oder anstrengende körperliche Arbeit) verbrachten.

In Beziehung gesetzt wurde die minimale, moderate oder intensive Bewegung zu Studienbeginn mit dem primären Endpunkt Gesamtmortalität sowie den sekundären Endpunkten kardiovaskuläre Mortalität, Myokardinfarkt, Schlaganfall, nicht-kardiovaskuläre Mortalität und schwere kardiovaskuläre Ereignisse. Es handle sich um die größte Studie zum Dosis-Wirkungs-Verhältnis von sportlicher Bewegung und Mortalität in einer globalen Kohorte von Patienten mit stabiler KHK, bemerken die Autoren. 

 
Für inaktive Patienten könnte ein bisschen Training mit geringer oder mittlerer Intensität große gesundheitliche Auswirkungen haben. Dr. Ralph A.H. Stewart und Kollegen
 

Mit Dauer und Intensität des Sports sinkt das Mortalitätsrisiko

Im mittleren Follow-up von 3,7 Jahren zeigte sich, dass das Mortalitätsrisiko mit zunehmendem Bewegungsumfang und zunehmender Bewegungsintensität sank. Mehr Bewegung zu Studienanfang wirkte sich sowohl auf die allgemeine als auch auf die kardiovaskuläre Mortalität im Laufe des Follow-up positiv aus, hatte aber nach der Anpassung anderer Einflussfaktoren keinen Einfluss auf das Auftreten von Herzinfarkten oder Schlaganfällen.

Die Mortalitätsrate im aktivsten Drittel der Studienteilnehmer war nur halb so hoch wie die der Teilnehmer, die sich am wenigsten bewegten. Nach der Anpassung an andere Einflussfaktoren war sie noch um 30% geringer.

Eine Verdopplung des Bewegungsumfangs insgesamt ging mit einer 18%igen Reduktion (angepasst: 10%) der Mortalitätsrate einher. Nur eine Erhöhung der Intensität um eine Stufe war mit einer 31%igen (angepasst: 16%) und nur die Verdopplung der Dauer mit einer um 17% (angepasst: 10%) reduzierten Gesamtmortalität assoziiert. „Diese Berechnungen für eine Verdopplung der körperlichen Aktivität sind sehr pragmatisch und lassen sich Patienten gut vermitteln “, kommentiert Sportmediziner Meyer.

Sport als „Multipille“

Insgesamt stellte sich heraus, dass regelmäßige Bewegung den zweitstärksten Einfluss auf die Mortalitätsrate der KHK-Patienten hatte. Am stärksten wirkte sich eine vormals aufgetretene Herzinsuffizienz aus. „Sport entfaltet seine Wirkung auf unterschiedlichen Ebenen, wie eine Art Multipille“, sagt Meyer.

Zwar habe wohl jedes gute Medikament einen stärkeren Effekt auf das spezifische Behandlungsziel, etwa die Blutdrucksenkung. „Sport senkt aber zusätzlich das LDL-Cholesterin, verbessert die Gefäßfunktion und bewirkt weitere physiologisch günstige Veränderungen. Daneben fördert er Geselligkeit und das Selbstwertgefühl von Herzpatienten“, argumentiert Meyer.

 
KHK-Patienten, die viel und intensiv trainieren, profitieren davon auf lange Sicht. Prof. Dr. Tim Meyer
 

Dass die sportlich aktivsten Patienten die niedrigsten Mortalitätsraten aufwiesen, „deutet an, dass hohe Trainingsumfänge das Mortalitätsrisiko nicht erhöhen“, schreiben Dr. Thijs M. H. Eijsvogels, Radboud University Medical Center, Nimwegen, Niederlande, und Martin F. H. Maessen, Forschungsinstitut für Sport und Bewegungswissenschaften, Liverpool John Moores University, England, in einem Editorial zu der STABILITY-Studie [2]. Hochintensives Intervalltraining (HIT) sei mittlerweile selbst in kardiovaskulären Rehabilitationsprogrammen keine Seltenheit mehr, bemerken sie.

Wie hoch die Belastung beim individuellen Patienten sein muss, um einen Effekt zu erzielen und sein darf, damit die Gefahr des plötzlichen Herztods oder anderer kardialer Ereignisse nicht zu sehr ansteigt, orientiere sich neben medizinischen Aspekten auch am Fitnesszustand und an der vom Patienten gewählten Sportart, erklärt Meyer.

Herzsportgruppen könne er für KHK-Patienten „fast uneingeschränkt empfehlen“, da immer ein Arzt präsent sei und sehr dosiert Sport getrieben werde. Es gebe aber auch KHK-Patienten, die lieber Fußball spielen oder einen anderen Mannschaftssport ausüben möchten. „Es ist immer sinnvoll die Wunschsportart zumindest abzufragen und unter Berücksichtigung der medizinischen Risikoeinschätzung auch zu berücksichtigen“, rät Meyer.

Voraussetzung ist ein Belastungstest, besonders für Sportarten, deren Intensität schwer steuerbar ist. Allgemeiner gesprochen sei abwechslungsreiches ausdauerorientiertes Training mit Kraftanteilen empfehlenswert. Dabei müsse die empfohlene Mindestaktivität nicht unbedingt erreicht werden, wie STABILITY zeige. „Für die meisten KHK-Patienten ist 3 bis 5 Mal pro Woche 30 bis 40 Minuten Sport zu treiben ziemlich viel“, sagt Meyer. Eine solche Studie, bei der sich auch geringere Bewegungsumfänge als vorteilhaft herausstellten, „liefert uns Ärzten wichtige Argumentationshilfen zur Motivation der Patienten, die sonst gelegentlich die Mindestempfehlungen der Fachgesellschaften als recht hohe Hürde betrachten“.

 
Sport entfaltet seine Wirkung auf unterschiedlichen Ebenen, wie eine Art Multipille. Prof. Dr. Tim Meyer
 

Untrainierte und Hochrisikopatienten profieren am meisten

Die größten Auswirkungen auf die Mortalität erzielten nämlich Patienten, die angaben sich wenig zu bewegen, im Vergleich zu denjenigen, die (fast) nur sitzende Tätigkeiten angaben. „Das unterstreicht die möglichen positiven Auswirkungen, die erzielt werden können, wenn KHK-Patienten, die sich kaum bewegen, ihren Trainingsumfang erhöhen“, schreiben Stewart und Kollegen. In einer Subgruppenanalyse profitierten auch Patienten mit erhöhtem kardiovaskulärem Risiko und aufgrund von Dyspnoe eingeschränkter Leistungsfähigkeit überproportional stark von einer Aktivitätszunahme.

„Das bedeutet, dass Patienten, deren Herzerkrankung weiter fortgeschritten ist und die sich daher oft auch weniger bewegen, den größten Vorteil aus einer Bewegungszunahme ziehen“, so die Autoren. Die exakten Auswirkungen einer Bewegungszunahme können aber nur durch randomisierte Studien zuverlässig bestimmt werden, fügen sie an. 

Typischer KHK-Patient ist inaktiv

Obwohl die kardiovaskulären Vorzüge eines aktiven Lebensstils gut dokumentiert seien, bestehe insbesondere unter bereits erkrankten Menschen, so auch unter KHK-Patienten das Problem des Bewegungsmangels, erklären Eijsvogels und Maessen in ihrem Studienkommentar. „Der typische KHK-Patient treibt normalerweise wenig Sport und sitzt die meiste Zeit“, schreiben sie.

Daher brauche es Strategien, um den Bewegungsumfang bei diesen Hochrisikopatienten zu erhöhen, fordern sie. Die STABILITY-Studie liefere „wichtige Erkenntnisse zu den gesundheitlichen Auswirkungen von Bewegungstraining und regelmäßigem Sport bei KHK-Patienten“, schreiben die Experten.

 
Es ist immer sinnvoll, die Wunschsportart zumindest abzufragen und unter Berücksichtigung der medizinischen Risikoeinschätzung auch zu berücksichtigen. Prof. Dr. Tim Meyer
 

In STABILITY hätten schon 10 Minuten schnelles Gehen pro Tag zu einer Risikominderung von 33% geführt, rechnen sie vor. Ähnliche Effekte seien durch 15 bis 20 Minuten langsameres Gehen erzielbar.

„Diese Ergebnisse suggerieren, dass KHK-Patienten ihr Mortalitätsrisiko auch durch sportliche Aktivität, die unterhalb der aktuellen Empfehlungen liegt, herabsetzen können“, kommentieren Eijsvogels und Maessen. Das könne Patienten dazu anspornen machbare Bewegungsumfänge in ihren Alltag zu integrieren. Alles in allem sollten Patienten und Kliniker bis zur Bestätigung der STABILITY-Ergebnisse in randomisierten Studien zum Bewegungstraining im Kopf behalten, dass „wenig gut, mehr besser und intensives [Training] am besten ist“.



REFERENZEN:

1. Stewart RAH, et al: J Am Coll Cardiol 2017;70:1689-1700

2. Eijsvogels TMH, et al: J Am Coll Cardiol 2017;70:1701-1703

Kommentar

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