Aktuell zum Ironman Hawaii – US-Studie untersucht Todesfälle beim Triathlon: Schwimmen ist „verblüffend“ gefährlich

Julia Rommelfanger

Interessenkonflikte

12. Oktober 2017

Am Samstag, den 14. Oktober 2017 ist es wieder soweit – dann startet der bedeutendste und berühmteste Triathlon der Welt, der Ironman Hawaii in Kailua-Kona auf Big Island mit mehr als 2.300 Teilnehmern, darunter über 200 aus Deutschland. Beim Trendsport Triathlon gehen Profis und Amateure bis an die körperlichen Grenzen – und manchmal auch darüber hinaus: Beim Cologne Triathlon Anfang September kollabierte ein 42-jähriger Sportler beim 3,8-km-Schwimmen im Fühlinger See aus ungeklärten Gründen und starb wenige Tage später in der Kölner Uniklinik. Im Oktober 2016 starb ein 50-jähriger Schwimmer während der Challenge Roth.

Solche tödlichen Unfälle, genau wie Herzstillstände ohne Todesfolge, passieren bei Triathlons „nicht selten“ – so zumindest lautet das Fazit einer Forschergruppe am Minneapolis Heart Institute, die eine Fallstudie zu plötzlichen Todesfällen bei Triathlons in den USA erstellt hat. „Meist waren Männer mittleren und höheren Alters betroffen“; ausschließlich Freizeitsportler und vor allem Schwimmer (67%), schreiben Dr. Kevin M. Harris, Minneapolis Heart Institute, Abbott Northwestern Hospital, Minneapolis, USA, und seine Kollegen im Fachjournal Annals of Internal Medicine [1]. Das Risiko liege für über 40-jährige Männer um das 3,3-Fache höher als bei jüngeren Triathleten.

Prof. Dr. Hans-Georg Predel

„Eine willkommene und aufschlussreiche Studie, die Untersuchungen zu plötzlichem Herztod bei Marathons bestätigt – nämlich, dass vor allem ältere Männer davon betroffen sind“, sagt Prof. Dr. Hans-Georg Predel, Leiter des Instituts für Kreislaufforschung und Sportmedizin an der Deutschen Sporthochschule in Köln, im Gespräch mit Medscape. Für den Triathlon-Sport existiere bis dato keine derart detaillierte Aufzeichnung über plötzliche Todesfälle.

Kardiovaskuläre Vorerkrankungen oft unbekannt

Die Fallraten beim plötzlichen Herztod (n = 107), Herzstillstand ohne Todesfolge (n = 13) und Tod durch Trauma (n = 15) über mehr als 30 Jahre liegen mit einer Inzidenz von 1,74 pro 100.000 Teilnehmern (Männer 2,40, Frauen 0,74) „höher als nach vorherigen Schätzungen“ und „übertreffen die berichteten Zahlen bei Marathon-Rennen“, so die Forscher in ihrer Studie weiter. „In der Tat sind die Unfallzahlen der Triathlon-Studie fast doppelt so hoch wie die plötzlicher Herztode beim Marathon“, bemerkt Predel.

Und dies gehe besonders auf die Schwimm-Komponente des Triathlons zurück. Von 1985 bis 2016 ereigneten sich die meisten der 135 registrierten Unfälle (n = 90) beim Schwimmen; 15 beim Laufen, 7 beim Radrennen und 8 in der Erholungsphase nach dem Wettkampf.

Bei 44% der Todesfälle, für die Autopsiebefunde vorlagen, wurden kardiovaskuläre Anomalitäten festgestellt; am häufigsten atherosklerotische Veränderungen und Kardiomyopathien. Die „hohe Frequenz klinisch stiller kardialer Anomalitäten“ bei rund 50% der Patienten mit Autopsie-Bericht sei „überraschend und bedeutend“, schreiben die Autoren. Ein Screening vor dem Wettkampf hätte diese Todesfälle möglicherweise verhindert, vermuten sie. „Es gibt Triathleten, die zwar fit erscheinen, jedoch unter einer bislang nicht entdeckten, aber potenziell tödlichen kardiovaskulären Erkrankung leiden“, warnen sie. 

Triathlon immer populärer bei Hobbysportlern

Die Deutsche Triathlon Union (DTU) führt keine Statistiken zu Todesfällen bei Triathlon-Wettkämpfen, sagt Jan Sägert von der Kommunikationsabteilung des Dachverbands. Unbestritten sei aber die zunehmende Popularität der Sportart, besonders bei Freizeitsportlern. Sowohl die Zahl der Vereine als auch die Anzahl der Triathleten nehmen stetig zu. Zwischen 2010 und 2015 verzeichneten die 16 DTU-Landesverbände laut Zahlen des Deutschen Olympischen Sport Bundes (DOSB) den prozentual größten Mitgliederzuwachs aller deutschen Spitzensportverbände.

 
Eine willkommene und aufschlussreiche Studie, die Untersuchungen zu plötzlichem Herztod bei Marathons bestätigt – nämlich, dass vor allem ältere Männer davon betroffen sind. Prof. Dr. Hans-Georg Predel
 

Von 35.640 Sportlern in einem Triathlon-Verein oder der Triathlon-Abteilung eines Vereins in 2010 kletterte die Zahl der Triathleten auf 54.484 in 2015. Rund 600 Veranstaltungen mit etwa 1.500 Triathlon-Wettkämpfen finden jährlich in Deutschland statt, bemerkt Sägert.

Da die Kombination aus Langstreckenschwimmen, Radrennen und Marathon in Europa wie auch in den USA immer beliebter werde, sei es „an der Zeit, die gesundheitlichen Auswirkungen der Teilnahme an Triathlons besser zu definieren“, schreibt die US-Forschergruppe. Bislang sei über Todesfälle bei Triathlons und mögliche Ursachen wenig bekannt.

Sportmedizinische Untersuchungen, bei denen etwa Kardiomyopathien oder andere Ursachen eines plötzlichen Herztodes beim Sport erkannt werden könnten, seien zwar in vielen Sportarten unter Leistungssportlern mittlerweile Pflicht, unter Amateursportlern jedoch nicht sehr verbreitet, sagt Predel. Durch die Popularität der Sportart werde vielen Freizeitsportlern vielmehr vermittelt: ‚Das kann ich sicher auch‘, erklärt er.

85 Prozent der Triathlon-Opfer waren Männer

Harris und seine Kollegen haben aus Registern des Dachverbands USA Triathlon (USAT) und dem US-Register über plötzlichen Herztod bei Sportlern eine Serie von Todesfällen und Herzstillständen ohne Todesfolge bei Triathlons in den USA 1985 bis 2016 festgestellt: 135 Fälle von plötzlichem Herztod, Herzstillstand, der aufgrund rechtzeitiger Reanimation bzw. Defibrillation nicht tödlich endete, sowie Trauma-bezogenen Todesfällen.

 
Die Unfallzahlen der Triathlon-Studie sind fast doppelt so hoch wie die plötzlicher Herztode beim Marathon. Prof. Dr. Hans-Georg Predel
 

Im Schnitt waren die Opfer knapp 47 Jahre alt; 85% von ihnen waren männlich. „Bei den Männern nahm das Risiko mit steigendem Alter deutlich zu“, berichten die Autoren. Keine Auswirkungen hatte dagegen die Wettkampflänge. Bei Rennen über die Langdistanz passierten Unfälle gleich häufig wie bei Kurztriathlons, stellten sie fest.

Dass mehr ältere Männer und fast nie weibliche Triathleten betroffen seien, decke sich mit Daten zum plötzlichen Herztod aus anderen Sportarten. „Diese Geschlechterdifferenz könnte mit dem Vorherrschen kardiovaskulärer Erkrankungen bei den männlichen Triathleten zusammenhängen“, vermuten Harris und seine Kollegen. Auch denkbar seien „protektive metabolische Mechanismen bei Frauen, die arrhythmogene und andere Risiken bei extremen sportlichen Belastungen unterdrücken“.

Erhöhtes Risiko beim Schwimmen „verblüffend“

Der Report „wirft Licht auf die Ursachen plötzlicher Todesfälle, die sich über 30 Jahre lang beim Triathlon ereignet haben“, schreiben Dr. Reginald T. Ho, Thomas Jefferson University Hospital, und Dr. Karen Glanz, University of Pennsylvania, beides in Philadelphia, USA, in einem Editorial zu der Studie [2]. Sie bezeichnen das durch die Case Study festgestellte Risiko des plötzlichen Herztods als „gering, aber real“. Dass offenbar vorwiegend Männer, viele davon mit vormals unentdeckter Herzerkrankung, betroffen seien, überrasche nicht.

Das erhöhte Risiko beim Schwimmen jedoch sei „verblüffend“. „Ist das Schwimmen per se für diese Bevölkerungsgruppe eine gefährlichere Form der Bewegung?“, fragen die Kommentatoren. Oder erhöhe die Akklimatisierungsphase zu Beginn des Wettkampfs das Risiko fataler Arrhythmien und ischämischer Ereignisse? Interessant sei, dass beim Marathon, anders als beim Triathlon, die meisten Todesfälle am Ende des Rennens auftreten.

 
Es gibt Triathleten, die zwar fit erscheinen, jedoch unter einer bislang nicht entdeckten, aber potenziell tödlichen kardiovaskulären Erkrankung leiden. Dr. Kevin M. Harris und Kollegen
 

Schwimmer besonders gefährdet – Massenstarts in der Kritik

Für die Tatsache, dass die mit Abstand meisten Herzstillstände beim Schwimmen, dem Start-Event des Triathlons, aufgetreten sind, liefern die Autoren unterschiedliche Erklärungsmöglichkeiten:

  • Zum einen könnte das Freisetzen von Katecholaminen zu Beginn des Wettkampfs bei Athleten mit bisher unentdeckten kardiovaskulären Erkrankungen Arrhythmien auslösen.

  • Des Weiteren könnten bei Teilnehmern, die über wenig Schwimmerfahrung in offenen Gewässern verfügen, hohe Wellen oder kalte Wassertemperaturen zu Schwierigkeiten führen.

  • Nicht zu unterschätzen sei auch die Kollisionsgefahr im Wasser, zumal zahlreiche Verunglückte erstmalig an einem Triathlon teilgenommen hatten.

  • Nicht zuletzt sei eine Rettung im Wasser äußerst „komplex“, da Betroffene für die Nothelfer oft schwer zugänglich und nicht so einfach an einen für lebensrettende Maßnahmen geeigneten Ort zu transportieren seien.

Ein „Verzicht auf chaotische Massenstarts beim Schwimmen“ könne helfen, das Risiko für Todesfälle in diesem Wettkampf-Segment einzudämmen, schreiben Ho und Glanz. Zur Vermeidung von Unfällen sei man bei vielen Triathlons, auch kleineren Wettkämpfen, mittlerweile auf gestaffelte Starts umgestiegen.

Beim Ironman 2018 in Frankfurt werde es wie bei mittlerweile vielen Ironman-Wettkämpfen weltweit üblich, einen „Rolling Start“ geben, bei dem alle 5 Sekunden 12 Athleten losgeschickt werden, um „die Sicherheit der Athleten zu erhöhen und die ‘Boxkämpfe‘  unter den Athleten auf den ersten paar hundert Schwimmmetern auf ein Minimum zu reduzieren“, informiert die Ironman Germany GmbH auf ihrer Webseite.

 
Ich empfehle dringend, sich vor einem Triathlon-Wettkampf durchchecken zu lassen. Prof. Dr. Hans-Georg Predel
 

Bei Triathlons seien allgemein die veranstaltenden Vereine vor Ort für die Organisation der Wettkämpfe verantwortlich und müssen ihr Sicherheitskonzept von ihrem jeweiligen Landesverband genehmigen lassen, erklärt Sägert von der DTU.

„Wunderbarer Sport“ mit extremer Herzbelastung

Besonders Männer über 40 sollten sich vor einem Triathlon einem kardiovaskulären Check-up unterziehen – und alle Triathleten sollten Wettkämpfe nur informiert und gut trainiert, speziell das Schwimmen betreffend, angehen, rät die US-Forschergruppe. Eine sportmedizinische Untersuchung erfreue sich unter den älteren Triathleten „sicherlich keiner großen Beliebtheit“, bemerken Ho und Glanz hierzu. Doch sei es erforderlich, dass sich insbesondere über 40-jährige informierten „zu den Anzeichen und Symptomen von Herz-Kreislauf-Erkrankungen – inklusive der Auswirkungen von leistungssteigernden Substanzen“.

Predel geht einen Schritt weiter: Aufgrund des „überraschend häufigen“ Auftretens nicht erkannter Herzerkrankungen, gepaart mit dem hohen Arrhythmie- und Myokarditis-Risiko insbesondere beim Schwimmen, „empfehle ich dringend, sich vor einem Triathlon-Wettkampf durchchecken zu lassen“.

Triathlon sei eine „wunderbare Sportart, bei der der ganze Körper trainiert wird, die jedoch keineswegs zu unterschätzen ist“, erklärt Predel. Auch im Vergleich zu anderen Ausdauersportarten belaste sie das Herz-Kreislauf-System ungewöhnlich stark. Untersuchungen unter anderem beim Hamburg-Marathon haben ergeben, dass die Mehrzahl aller Teilnehmer in den Wochen vor dem Rennen keinen ärztlichen Kontakt hatten, erklärt der Sportmediziner.

Untersuchungen des Instituts für Kreislaufforschung beim Berlin-Marathon brachten zutage, dass vielen Athleten ihre persönlichen Risikofaktoren, etwa erhöhter Blutdruck, nicht bekannt waren, fügt er an. Da ein Triathlon trotz aller gesundheitlichen Vorzüge „alle Kriterien einer Extremsportart erfüllt“, sei das Risiko eines kardialen Zwischenfalls aufgrund dieser Vorerkrankungen „noch höher als beim Marathon“.

 
Triathlon ist eine wunderbare Sportart, bei der der ganze Körper trainiert wird, die jedoch keineswegs zu unterschätzen ist. Prof. Dr. Hans-Georg Predel
 

Auch die Organisatoren könnten zu weniger Todesfällen beitragen

Doch nicht nur die Teilnehmer selbst, sondern auch die Organisatoren könnten zu weniger Todesfällen beitragen. So hat die Dachorganisation USA Triathlon (USAT) Standards zur besseren Sicherheit während der Wettkämpfe entwickelt, unter anderem zur Wasserqualität, der Präsenz von Nothelfern, auch auf dem Wasser, einer Vorinformation der Kliniken vor Ort, zur Nutzung von Neoprenanzügen und zu sicheren Wassertemperaturen.

„Viele Todesfälle bei Triathlon-Wettkämpfen, insbesondere von Erstteilnehmern, könnten möglicherweise durch eine bessere Event-Organisation sowie durch die Kenntnis einer potenziell tödlichen kardiovaskulären Erkrankung verhindert werden“, schlussfolgert das Team aus Minnesota.



REFERENZEN:

1. Harris KM, et al: Annals of Internal Medicine (online) 19. September 2017

2. Ho RT, et al: Annals of Internal Medicine (online) 19. September 2017

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