Geriater-Kritik an STIKO-Entscheidung zur Herpes-zoster-Impfung für Senioren: „Wir haben einfach nichts anderes“

Heike Dierbach

Interessenkonflikte

12. Oktober 2017

Es ist ein Dilemma: Ältere Personen haben ein erhöhtes Risiko, an Herpes zoster zu erkranken. Auch Komplikationen treten bei ihnen vermehrt auf. Doch die seit 2013 in Deutschland verfügbare Impfung wirkt gerade bei dieser Gruppe nur mäßig. Die Ständige Impfkommission (STIKO) hat daher die Impfung nicht in ihre aktuellen Empfehlungen aufgenommen (wie Medscape berichtete) [1].

Die Deutsche Gesellschaft für Geriatrie (DGG) kritisiert das nun: „Viele ältere Patienten entwickeln bei Herpes zoster starke bleibende Schmerzen, die auch bei intensiver Therapie nicht abklingen“, sagt Dr. Anja Kwetkat, Chefärztin der Klinik für Geriatrie am Universitätsklinikum Jena und Sprecherin der DGG-Arbeitsgruppe Impfen gegenüber Medscape: „Wir haben einfach derzeit nichts anderes, um das zu verhindern.“ Die DGG fordert daher eine Standardimpfung auch für alte Menschen [2].

 
Wenn man bedenkt, dass in dieser Altersgruppe verhältnismäßig viele erkranken, könnten durch die Impfung trotzdem viele Fälle von Herpes zoster und damit auch viele Neuralgien verhindert werden. Dr. Anja Kwetkat
 

Fast jeder dritte ältere Patient hat über längere Zeit Schmerzen

Zu einer Herpes-zoster-Erkrankung kommt es bekanntlich durch Reaktivierung von Varizella-Zoster-Viren. Diese wurden vom Patienten meist Jahrzehnte vorher erworben und verursachen primär Windpocken. In Deutschland erkranken jährlich 6 von 1.000 Einwohnern an HZ. Mit zunehmendem Alter steigt die Inzidenz. Bei den 80- bis 89-Jährigen sind es laut RKI 14 Fälle pro 1.000 Personen. Häufigste Komplikation ist die postherpetische Neuralgie (PHN), die in 6 bis 18% aller Fälle auftritt, wiederum gehäuft bei älteren Personen. In der Altersgruppe ab 70 Jahre leiden 30% der HZ-Patienten an diesen über Monate oder Jahre anhaltenden Schmerzen.

Um sowohl HZ als auch PHN zu verhindern, ist in Deutschland seit 2013 der attenuierte (abgeschwächte) Lebendimpfstoff Zostavax® (MSD Sharp & Dohme GmbH) für Personen ab 50 Jahren verfügbar. Die STIKO bemängelt aber zum einen, dass die Wirksamkeit der Impfung gegen HZ mit dem Alter stark abnimmt, von 70% bei den 50- bis 59-Jährigen auf 41% bei den 70- bis 79-Jährigen. Ab 80 Jahre sind weniger als 20% der Geimpften geschützt.

Auch die Dauer des Schutzes sei fraglich. Beobachtungstudien zeigten schon im 2. Jahr einen Abfall auf unter 50%. „Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass der HZ-Lebendimpfstoff zwar einen Schutz vor HZ und PHN vermittelt, dass aber die Ergebnisse hinsichtlich des Impfschutzes in den höheren Altersgruppen und hinsichtlich der Dauer des vermittelten Impfschutzes unbefriedigend sind“, so die STIKO. Die Sicherheit des Impfstoffs sei gut.

 
Der Schutz hält bis zu 7 Jahre an. Das ist mit vielen anderen Impfungen bei alten Menschen vergleichbar. Dr. Anja Kwetkat
 

142 Personen impfen, um einen Fall von Herpes zoster zu verhindern?

Auch die DGG hält eine Wirksamkeit von 41% bei den 70- bis 79-Jährigen nicht für optimal. „Mit Blick auf den Patienten bewerten wir das aber anders“, sagt Kwetkat. „Wenn man bedenkt, dass in dieser Altersgruppe verhältnismäßig viele erkranken, könnten durch die Impfung trotzdem viele Fälle von Herpes zoster und damit auch viele Neuralgien verhindert werden.“ Sie hält auch die Dauer der Wirkung für ausreichend: „Der Schutz hält bis zu 7 Jahre an. Das ist mit vielen anderen Impfungen bei alten Menschen vergleichbar.“ Vor allem angesichts der starken Schmerzen der Patienten sei eine nur mäßig wirksame Impfung „besser als gar nichts zu tun“.

Die STIKO berechnete auch Kosten und Nutzen einer allgemeinen HZ-Impfung in den verschiedenen Altersgruppen. Der Preis für eine Dosis liegt derzeit bei 175 Euro, deutlich höher als für die meisten Standardimpfungen. Eine allgemeine HZ-Impfung würde für Deutschland 60 Millionen Euro kosten (Impfung ab 60 Jahre, Impfquote 35,3%). Im Gegenzug würden 2,5 Millionen Euro Behandlungskosten eingespart werden.

Auch bei der Kosten-Nutzen-Rechnung gibt es einen deutlichen Einfluss des Alters. Bei den 50- bis 59-Jährigen müssten 51 Personen geimpft werden, um einen HZ-Fall zu verhindern (number needed to vaccinate, NNV). Insgesamt 6.963 Erkrankungen könnten so pro Jahr verhindert werden. Bei den Über-80-Jährigen steigt die NVV auf 142, und es könnten nur noch 1.592 Erkrankungen verhindert werden. Zum Vergleich: Beim Grippe-Impfstoff müssen 71 erwachsene Personen geimpft werden, um eine Erkrankung zu vermeiden.

Viele Ältere können sich die Impfung privat nicht leisten

Die STIKO sieht ihre aktuelle Ablehnung möglicherweise auch als Anreiz für die Hersteller, einen leistungsfähigeren Impfstoff zu liefern. Tatsächlich wird derzeit ein Totimpfstoff gegen HZ und PHN entwickelt, der im Gegensatz zu Zostavax® auch für Personen mit Immunschwäche geeignet wäre. „Auch für diesen Impfstoff ist aber nicht klar, ob der Schutz 10 Jahre anhält“, sagt Kwetkat, „und preiswerter wird er sicherlich auch nicht.“

 
Letztlich muss es der einzelne immer mit seinem Arzt besprechen und dann für sich persönlich Kosten und Nutzen abwägen. Dr. Anja Kwetkat
 

In der Zwischenzeit können Patienten sich nur auf eigene Kosten gegen HZ impfen lassen. Kwetkat empfiehlt das grundsätzlich für Personen ab 60 Jahre. „Letztlich muss es der einzelne immer mit seinem Arzt besprechen und dann für sich persönlich Kosten und Nutzen abwägen.“ Medizinisch spreche auch bei Älteren über 80 Jahren nichts dagegen – der einzige mögliche Schaden sei eigentlich, dass die Impfung nicht wirke. „Kollegen aus Impf-Ambulanzen berichten allerdings, dass sich die Mehrzahl der älteren Patienten hochpreisige Impfungen nicht leisten können oder wollen.“

Es lohnt aber, bei der Kasse nachzufragen. Einige Ersatzkassen erstatten die Impfung bereits regelhaft. Bei anderen kann der Patient einen persönlichen Antrag auf Kostenübernahme stellen, insbesondere wenn Vorerkrankungen wie Diabetes vorliegen.



REFERENZEN:

1. Robert Koch-Institut: Epidemiologisches Bulletin 2017;35:91-410

2. Deutsche Gesellschaft für Geriatrie: Pressemitteilung, 27. September 2017

Kommentar

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