Kritik an Ökonomisierung: DGIM will mit Klinik Codex Patientenwohl wieder mehr über wirtschaftliche Interessen stellen

Christina Sartori

Interessenkonflikte

9. Oktober 2017

Als Reaktion auf die zunehmende Ökonomisierung in der medizinischen Versorgung hat die Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM) den „Klinik Codex: Medizin vor Ökonomie“ vorgestellt [1]. Dieser Codex soll Ärzten helfen, „die Auswirkungen von Ökonomisierung in ihrem persönlichen Arbeitsgebiet kritisch zu reflektieren.“ Mit dem Codex will die DGIM Ärzte dabei unterstützen, ihr ärztliches Handeln stets am Wohle des Patienten auszurichten – mit absolutem Vorrang gegenüber ökonomischen Überlegungen. „Der Codex soll Ärzten Rückhalt geben, um dem Druck des betriebswirtschaftlichen Nutzens zu widerstehen“, sagt Prof. Dr. Dr. Ulrich R. Fölsch, Generalsekretär der DGIM.

Neben einer Erläuterung des Klinik Codex sind dort auch 8 Versprechen formuliert, in denen z.B. formuliert wird, dass „alle Leistungs-, Finanz-, Ressourcen- und Verhaltensvorgaben abgelehnt werden, welche zu einer Einschränkung des ärztlichen Handelns und des ärztlichen Selbstverständnisses führen und das Patientenwohl gefährden könnten“ (siehe Kasten am Ende des Artikels).

Ökonomie vor Patienteninteresse: Mehrere Faktoren verstärkten diese Entwicklung

Prof. Dr. Dr. Ulrich R. Fölsch

„Der Anlass für diesen Codex ist die Erkenntnis, dass wir über viele Jahre einem immer größeren ökonomischen Druck in der Patientenversorgung ausgesetzt sind“, erklärt Fölsch gegenüber Medscape. „Nicht mehr die Patienteninteressen haben Priorität, sondern dass die Krankenhäuser am Ende des Jahres schwarze Zahlen schreiben.“ Es sei nicht richtig, dass in einem Krankenhaus-Vorstand kein einziger Arzt vertreten sei, wie es in manchen Kliniken heute der Fall sei.

Prof. Dr. Petra-Maria Schumm-Draeger

Verschiedene Faktoren haben nach Meinung der DGIM diese Entwicklung befördert – zum Beispiel die unzureichende Finanzierung von Krankenhäusern durch die Bundesländer: Sie führe dazu, dass die Krankenhausträger die finanziellen Lücken im Haushalt stopfen, in dem Personal eingespart wird und Gewinne aus dem DRG-System für Investitionen verwendet werden.

„Die Folgen für die Patienten sind gravierend“, stellt Prof. Dr. Petra-Maria Schumm-Draeger, stellvertretende Vorsitzende der DGIM, im Gespräch mit Medscape fest. Die wirtschaftlichen Fehlanreize führten zu einer Überversorgung in gut bezahlten Domänen, etwa der Gerätemedizin mit MRT, CT oder Röntgen. „Durch das Diktat der Fallpauschalen ist eine Situation entstanden, in der die invasiven und operativen Methoden – die deutlich besser bewertet sind – in großer Zahl durchgeführt werden und das zum Nachteil der sprechenden Medizin“, bedauert Schumm-Draeger.

Betreuungsintensive Fachgebiete der Medizin, wie z.B. die Diabetologie oder Rheumatologie, die nach der Logik der Fallpauschalen deutlich weniger Gewinn erbringen als operative und invasive Gebiete, würden dadurch in den Hintergrund gedrängt und „nahezu nach einem betriebswirtschaftlichen Diktat aussortiert.“ Dadurch wird eine gute interdisziplinäre Versorgung von Patienten im Krankenhaus verhindert.

 
Der Codex soll Ärzten Rückhalt geben, um dem Druck des betriebswirtschaftlichen Nutzens zu widerstehen. Prof. Dr. Dr. Ulrich R. Fölsch
 

Beispiel Diabetologie: Nach der Logik der Fallpauschalen ist es für Kliniken finanziell günstiger, auf eine diabetologische Abteilung zu verzichten. Aber in jedem Krankenhaus leiden etwa 30% der Patienten an Diabetes, berichtet Prof. Dr. Dirk Müller-Wieland, Präsident der deutschen Diabetes Gesellschaft. In Kliniken ohne eine diabetologische Abteilung existiere zu wenig Fachwissen, um diese Patienten neben ihren primären Erkrankungen auch diabetologisch angemessen zu versorgen.

Mitgliederbefragung zeigt den Konflikt deutlich

Bereits 2014 hatte die DGIM ihre Mitglieder zu diesem Thema befragt. „Ärzte-Manager“, so der Titel der Umfrage, ergab, dass Klinikärzte sich massiv in ihrer Handlungsfreiheit durch Faktoren wie Kostendruck und Zielvorgaben eingeschränkt sehen. „Klinikärzte müssen im Arbeitsalltag zum Teil viel Zeit und Kraft in die Rechtfertigungen und Begründungen investieren, warum sie sich im Sinne ihrer Patienten entscheiden“, so Schumm-Draeger. Für solche Auseinandersetzungen soll der Klinik Codex Orientierung und Solidarität bieten.

„Selbstverständlich müssen wir wirtschaftlich denken“, stellt die stellvertretende DGIM-Vorsitzende mit Nachdruck fest. „Aber wir müssen das auf Augenhöhe machen, d.h. es müssen in den Leitungsgremien und anderswo auch medizinische Fachleute vertreten sein.“ Sie ist fest davon überzeugt, dass man eine gute Balance zwischen Ökonomie und Medizin finden kann und muss.

Nun folgen Gespräche und Diskussionen

Zunächst soll der Klinik Codex alle Ärzte in internistischen und anderen Gebieten der Medizin unterstützen – sowohl die im stationären, als auch die im ambulanten Sektor tätigen. „Aber wir richten uns genauso an alle Funktionsträger im Gesundheitswesen von der Pflege bis hin zur Gesundheitspolitik und an unsere Patienten“, so Schumm-Draeger.

 
Der Anlass für diesen Codex ist die Erkenntnis, dass wir über viele Jahre einem immer größeren ökonomischen Druck in der Patientenversorgung ausgesetzt sind. Prof. Dr. Dr. Ulrich R. Fölsch
 

Bisher ist der Codex mit Fachgesellschaften der Neurologen und Chirurgen konsentiert; die Bundesärztekammer kündigte eine Antwort auf den Codex im November dieses Jahres an. Auch Gespräche mit Krankenhausträgern und der deutschen Krankenhausgesellschaft sind vorgesehen.

DGIM erhofft sich Verbesserung der Situation

Langfristig will die DGIM durch den Klinik Codex eine Verbesserung der Situation durch verschiedene Veränderungen erreichen: indem z.B. dienstvertragliche Bonusregelungen abgeschafft werden, weil sie Fehlanreize schaffen. Durch eine Korrektur des DRG-Systems sollen die derzeitigen zu großen Unterschiede in der Bewertung „sprechender“ Medizingebiete und invasiver und operativer Medizingebiete ausgeglichen werden. Außerdem sollte in jedem Krankenhausvorstand auch stets ein Arzt vertreten sein.

 
Klinikärzte müssen im Arbeitsalltag zum Teil viel Zeit und Kraft in die Rechtfertigungen und Begründungen investieren, warum sie sich im Sinne ihrer Patienten entscheiden. Prof. Dr. Petra-Maria Schumm-Draeger
 

Auch für den Deutschen Ethikrat ist der wachsende ökonomische Druck ein dringendes Problem. In einer Stellungnahme unterstreicht er, dass sich im Krankenhaus die Primärorientierung weg vom Patientenwohl hin zu ökonomischen Kriterien verschoben habe. Sehr deutlich formuliert der Deutsche Ethikrat in dieser Stellungnahme, dass es besorgniserregende Entwicklungen in der Krankenhausmedizin gebe, wie zum Beispiel Mengenausweitungen oder Reduzierungen von Behandlungsleistungen, die Konzentration auf besonders gewinnbringende Behandlungsverfahren zulasten anderer notwendiger Behandlungsangebote sowie mittlerweile problematische Arbeitsbedingungen für das im Krankenhaus tätige Personal.

Klinik Codex: Medizin vor Ökonomie

In Form von Versprechen als Ärzte an die Patienten formuliert der Klinik Codex:

  • Dass alle Ärzte den fachlichen und ethischen Erwartungen der erkrankten Menschen gerecht werden.

  • Dass allen Patienten eine Versorgung unter Einsatz aller Fachkompetenz und ärztlicher Erfahrung ermöglicht werden sollte.

  • Dass die angemessene und wirksame Versorgung der Patienten stets unter dem uneingeschränkten Vorrang der medizinischen Argumente gegenüber ökonomischen Überlegungen geplant und durchgeführt wird.

  • Dass keine medizinischen Maßnahmen durchgeführt und solche Leistungen weggelassen werden, welche aufgrund wirtschaftlicher Überlegungen das Patientenwohl verletzen und dem Patienten Schaden zufügen könnten.

  • Dass keine medizinischen Leistungen durchgeführt werden, welche fachlich unsinnig sind oder aus wirtschaftlichen Überlegungen heraus stattfinden sollen.

  • Dass alle Leistungs-, Finanz-, Ressourcen- und Verhaltensvorgaben abgelehnt werden, die erkennbar zu einer Einschränkung des ärztlichen Handelns und des ärztlich-ethischen Selbstverständnisses führen und das Patientenwohl gefährden können.

  • Dass bei Bedarf die getroffenen Versorgungsentscheidungen den zuständigen kaufmännischen Leitungsgremien unter Verwendung fachlich-medizinischer, patientenorientierter und ethischer Argumente erklärt werden.

  • Dass junge Ärztinnen und Ärzte ermutigt werden sollen, sich mit den durch die kaufmännischen Geschäftsleitungen vorgegebenen wirtschaftlichen Vorgaben kritisch auseinanderzusetzen.



REFERENZEN:

1. Klinik Codex der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM), 19. September 2017

Kommentar

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