Immer mehr beschnittene Frauen in deutschen Praxen – mit oft drastischen Folgen, doch Hauptproblem ist die Kommunikation

Dr. Thomas Meißner

Interessenkonflikte

6. Oktober 2017

Dresden – Die in großen Teilen Afrikas, aber auch in Ländern Asiens und des Nahen Ostens üblichen Genitalverstümmelungen von Frauen führen zu teils gravierenden gynäkologischen und urologischen Problemen. Im Zuge der verstärkten Migration muss auch in Deutschland vermehrt mit solchen Patientinnen gerechnet werden. „Jedes Jahr kommen in Deutschland wahrscheinlich etwa 3.000 beschnittene Frauen hinzu“, erklärte Prof. Dr. Armin Pycha aus Bozen beim Jahreskongress der Deutschen Gesellschaft für Urologie (DGU) in Dresden [1].

Nach Schätzungen leben weltweit 140 bis 200 Millionen Mädchen und Frauen, die genital verstümmelt sind. Nach Angaben der UNICEF erleben etwa 3 Millionen Mädchen jedes Jahr diesen oft als Initiationsritus praktizierten Eingriff. Die Frauenrechtsorganisation Terre de Femmes geht aktuell davon aus, dass in Deutschland mehr als 58.000 genitalverstümmelte Mädchen und Frauen leben.

Im Zuge der verstärkten Migration nehme damit die Wahrscheinlichkeit zu, dass Ärzte mit aus der Beschneidung resultierenden Gesundheitsproblemen konfrontiert werden, so Pycha. Laut Terre de Femmes betrifft dies besonders Frauen aus dem Irak, aus Eritrea und Somalia. Die Organisation hat außerdem eine Dunkelzifferstatistik zu weiblicher Genitalverstümmelung in Deutschland veröffentlicht.

 
Jedes Jahr kommen in Deutschland wahrscheinlich etwa 3.000 beschnittene Frauen hinzu. Prof. Dr. Armin Pycha
 

Je radikaler die Genitalresektion, desto schwerer die Folgen

Außer Menstruationsproblemen, chronischer Vaginitis und sexueller Dysfunktion leiden diese Frauen unter urologischen Krankheiten. Dazu gehören rezidivierende Harnwegsinfektionen, Harnwegsobstruktionen, erhebliche Probleme beim Wasserlassen mit sehr langen Miktionszeiten und Restharnbildung. Gelegentlich kommen auch Blasensteine vor.

Im Extremfall entwickeln sich Harnstauungsnieren, die in einer Niereninsuffizienz enden. „Eine Harnwegsobstruktion ist umso wahrscheinlicher, je radikaler die Resektion der Genitalien durchgeführt wurde“, erklärte Pycha in Dresden. Der Urologe kennt die Problematik aus seiner Tätigkeit in Uganda und dort ankommenden Flüchtlingen aus dem Sudan.

Es werden 3 Typen der Beschneidung unterschieden:

  • Bei Typ 1 wird die Klitoris und die Klitorisvorhaut entfernt;

  • bei Typ 2 werden zusätzlich die kleinen Schamlippen entfernt, teilweise wird der vordere Teil der Wunde zugenäht.

  • Bei der Typ-3-Beschneidung schließlich werden Klitoris, kleine und große Schamlippen entfernt und die Frau fast vollständig über der Harnröhre und der Scheide zugenäht (Infibulation), es bleibt nur eine kleine Öffnung zum Austritt von Harn und Menstruationsblut.

Alle anderen Beschneidungsformen werden unter Typ 4 zusammengefasst, etwa das Durchbohren, Einschneiden des Genitale, Einstechen, Brennen oder Ätzen.

Die Beschneidung unter meist unhygienischen Bedingungen wird teils im frühen Kindesalter, fast immer aber vor dem 14. Lebensjahr vorgenommen. Da sich die Mädchen schmerzbedingt wehren, werden bei dem Eingriff teilweise benachbarte Organe oder Arterien der Vaginalwand verletzt. Den Mädchen werden danach für 12 bis 36 Stunden die Beine zusammengebunden. Durch Verlegung der Harnröhre sowie schmerzbedingt resultiert in der Akutphase ein Harnverhalt, weitere Folgen sind Infektionen bis hin zum septischen Schock. Die Todesraten werden mit 1,6 bis 6% angegeben.

Nach Angaben der Deutschen Stiftung Weltbevölkerung werden in Ägypten die meisten Beschneidungen von Ärzten vorgenommen: Dort sind 87% der Frauen beschnitten, fast die Hälfte aller Eingriffe wird von Ärzten durchgeführt. Auch in europäischen Ländern, wo die Genitalverstümmelung ein Straftatbestand ist, sollen illegale Beschneidungen stattfinden.

 
Manche Frauen können überhaupt nicht mehr urinieren. Prof. Dr. Armin Pycha
 

Arzt-Patientinnen-Kommunikation braucht kulturelles Hintergrundwissen

Da Schwarzafrikaner zur Kelloidbildung neigten, komme es zu teils ausgeprägter Narbenbildung mit zum Teil grotesken Fehlbildungen und epidermalen Retentionszysten, erklärte Pycha. „Manche Frauen können überhaupt nicht mehr urinieren.“ Im ländlichen Afrika sei es dann üblich, einen suprapubischen Blasenkatheter zu legen.

Die Frauen leben dann unter Umständen Jahrzehnte mit diesen Kathetern. Bei Typ-3-beschnittenen Frauen sei es äußerst schwierig, einen Blasenkatheter zu legen, erklärte Pycha. Gelegentlich ist die Urethra mit beschnitten oder beim Zunähen mit erfasst worden. Manchmal bilden sich langstreckige Fisteln.

„Wir Menschen leben alle in unserer Kultur und Tradition, und manchmal treffen wir aufeinander, weil wir einen anderen Kulturkreis betreten“, sagte Pycha. Die Hauptschwierigkeit sei dann die Kommunikation miteinander. „Wenn Sie eine afrikanische Frau fragen, ob sie beschnitten worden ist, schaut sie Sie verständnislos an. Sie weiß nicht, worum es sich handelt.“

Im Westen werde eine versachlichte Sprache verwendet, die sehr direkt und technisch sei. In Afrika sei das nicht so. Besser sei es zu fragen: „Wann wurden Sie zur Frau?“ oder „Wann hast Du die Nacht geküsst?“ In der Kommunikation mit diesen Patientinnen sei daher eine mit der jeweiligen Kultur vertraute Dolmetscherin hilfreich.

 
Es sind gerade die Mütter, die darauf bestehen, dass ihre Töchter beschnitten werden. Prof. Dr. Armin Pycha
 

Zudem sei es wichtig zu verstehen, dass den beschnittenen Frauen das Bewusstsein dafür fehle, dass mit ihnen etwas geschehen ist, das im westlichen Kulturkreis verurteilt werde, erklärte Pycha weiter. Ein normales weibliches Genitale gelte in weiten Teilen Afrikas als unanständig, als ein Hinweis auf ein exzessives Sexualleben und für Untreue.

„Es sind gerade die Mütter, die darauf bestehen, dass ihre Töchter beschnitten werden, denn sonst sind sie nicht reif für den Hochzeitsmarkt.“ Dies wiederum sei in ländlichen Gebieten Afrikas von großer sozioökonomischer Bedeutung – die Familie des Mannes zahlt für die Frau, die in seine Familie aufgenommen wird. Pycha: „Das alles ist Teil der kulturellen Identität. Mit Religion hat das nichts zu tun, nur mit Tradition!“

Weltweit abnehmende Tendenz der Beschneidungspraxis

Nach vaginalen Geburten, die überdurchschnittlich häufig mit Komplikationen einhergehen, seien es die Frauen selbst und deren Mütter, die darauf bestehen, dass das Genitale wieder vernäht werde, wenn dies zuvor der Fall gewesen war. „Der kulturelle Druck ist sehr groß.“

Trotz vorhandener Probleme bei der Urinausscheidung sei die Behandlungsbereitschaft traditionell lebender Frauen in Afrika teilweise „gleich null“, so Pycha. Afrikanische Frauen, die nach Europa kommen, gehören eher höheren sozioökonomischen Ständen an, so dass erfahrungsgemäß eine gewisse Behandlungsbereitschaft bestehe.

Nach Angaben von UNICEF unterstützen immer weniger Frauen und Männer in Ländern Afrikas und im Mittleren Osten die Beschneidung von Mädchen. In Ländern wie Ägypten, Dschibuti, Guinea und Somalia würden aber nach wie vor 90% der Mädchen verstümmelt.

 
Mit Religion hat das nichts zu tun, nur mit Tradition! Prof. Dr. Armin Pycha
 

Das Desert Flower Center (DFC) Waldfriede in Berlin ist seit einigen Jahren ein Zentrum, das sich speziell um die medizinische und psychosoziale Betreuung dieser Frauen kümmert. Dazu gehören unter anderem auch Operationen bei Vernarbungen, Harn- und Stuhlinkontinenz ebenso wie chirurgische Rekonstruktionen der Klitoris und der Schamlippen. Die Behandlung ist kostenfrei.



REFERENZEN:

1. 69. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Urologie (DGU), 20. bis 23. September 2017, Dresden

Kommentar

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