Alles halb so schlimm? Wissenschaftler warnen: Alkohol-Hersteller spielen Krebsrisiko bewusst herunter

Kristin Jenkins

Interessenkonflikte

5. Oktober 2017

Weltweit führen Alkoholproduzenten die Öffentlichkeit und die politischen Entscheidungsträger absichtlich über die mit Alkohol verbundenen Krebsrisiken in die Irre, speziell was die Risiken für Brust- und Dickdarmkrebs abgeht. Sie tun das, um Gewinne zu sichern auf Kosten der öffentlichen Gesundheit – so wie „Big Tobacco“ das getan hat, konstatieren Wissenschaftler.

Sie haben qualitative Analysen von krebsbezogenen Texten auf Webseiten und in Dokumenten von 26 Organisationen der Alkoholindustrie analysiert. Ihr Fazit: Die meisten dieser Informationen stellen den Zusammenhang zwischen Alkohol und Krebs weitgehend falsch dar. Dies sagen Prof. Dr. Mark Petticrew, Professor für Public Health Evaluation an der Fakultät für öffentliche Gesundheit und Politik der London School of Hygiene and Tropical Medicine, Großbritannien, und Kollegen.

Insgesamt 24 Webseiten der Organisationen enthalten bedeutende Auslassungen und/oder falsche Darstellungen der Evidenz, die Alkohol mit einem erhöhten Risiko für viele Krebsarten in Verbindung bringt, so die Studienautoren in einem Report, der in Drug and Alcohol Review veröffentlicht worden ist [1].

„Es ist häufig angenommen worden, dass die Alkoholindustrie im Großen und Ganzen und im Gegensatz zur Tabakindustrie dazu neigt, die Schäden des Alkohols nicht zu leugnen“, schreiben die Wissenschaftler. „Unsere Analyse zeigt aber, dass die Alkoholindustrie weltweit derzeit aktiv Fehlinformationen über Alkohol und das Krebsrisiko verbreitet, insbesondere über Brustkrebs ... Der volle Umfang und die Art dieser Aktivitäten erfordern eine dringende Untersuchung.“

Nach dem Vorbild der Tabakindustrie

Strategien wie Verzerrung oder Verleugnung von Fakten sowie Ablenkung entsprächen denen der Tabakindustrie und erlaubten es den Alkoholherstellern, die „Illusion der Rechtschaffenheit“ gegenüber den Politikern zu wahren und gleichzeitig alle signifikanten negativen Auswirkungen auf Konsum oder Gewinne auszuschalten, schreiben die Autoren der Studie.

„Die offensichtlichste Parallele liegt in der jahrzehntelangen Kampagne der globalen Tabakindustrie, die Öffentlichkeit über das Risiko von Krebs zu täuschen, und die auch Front-Organisationen und CSR-Aktivitäten (Corporate Social Responsibility) einsetzte, um die Öffentlichkeit in die Irre zu führen“, schreiben die Autoren.

„Unsere Ergebnisse gemahnen auch an das Risiko, das damit einhergeht, wenn man der Alkoholindustrie die Verantwortung überlässt, die Öffentlichkeit über Alkohol und Gesundheit zu informieren.“

Selbst ein geringer Alkoholkonsum sei mit einem erhöhten Risiko für mindestens 7 Krebsarten verbunden (Mundhöhle, Rachen, Kehlkopf, Speiseröhre, Leber, Brust und Dickdarm), schreiben die Forscher und stellen fest, dass die Alkoholindustrie dies in Frage stellt. Die Taktik sei zu verfälschen: Zwar werde Krebs erwähnt, doch das tatsächliche Risiko werde falsch dargestellt.

 
Unsere Analyse zeigt aber, dass die Alkoholindustrie weltweit derzeit aktiv Fehlinformationen über Alkohol und das Krebsrisiko verbreitet … Prof. Dr. Mark Petticrew
 

Alkoholproduzenten nehmen Einfluss auf gesundheitspolitische Entscheider

Im Gegensatz zur Tabakindustrie haben große globale Alkoholproduzenten nach wie vor Zugang zu staatlichen Gesundheitsministerien und sie haben Partner- oder Stakeholderstatus bei den Treffen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) über internationale Gesundheitsfragen in Zusammenhang mit Alkohol, so Petticrew und Kollegen.

„Die Alkoholindustrie ist in vielen Ländern an der Alkoholpolitik beteiligt und verbreitet Gesundheitsinformationen in der Öffentlichkeit, auch bei Schulkindern. Politiker, Wissenschaftler, Gesundheitspolitiker und Ärzte sollten prüfen, ob ihre Beziehungen zu diesen Gremien von Alkoholherstellern wirklich angemessen sind.“

Nach einem Kommentar gefragt, stimmt Dr. Tim Stockwell, Direktor des Centre for Addictions Research von British Columbia und Professor am Department of Psychology der University of Victoria, British Columbia, Kanada, dem zu. „Ich wiederhole die Anmerkungen der Autoren, dass sie wahrscheinlich nur die Spitze des Eisbergs bezüglich des Einflusses der Alkoholindustrie auf öffentliche Informationen über Alkohol und Gesundheit untersucht haben“, sagt er gegenüber Medscape.

„Ich persönlich bin nicht überrascht von diesen Entdeckungen und ich kann bezeugen, dass es Bemühungen führender Repräsentanten der Alkoholindustrie in einigen Ländern und auch internationaler Gremien der Alkoholindustrie gab, Beweise für negative Auswirkungen des Alkohols auf die Gesundheit zu leugnen, zu verzerren oder herunterzuspielen.“

Ein ständig wachsendes Arsenal von sozialen Medien und Einflussnahme-Strategien, wie die Finanzierung „unabhängiger“ Think Tanks und universitärer Forschung, und das Bemühen, einen Platz in nationalen und internationalen Gremien zu bekommen, hat es der Alkoholindustrie gestattet, „ungebührlichen Einfluss auf die öffentliche Information über Alkohol und Gesundheit auszuüben“, sagt Stockwell, der nicht mit der Studie in Verbindung steht.

 
Die Alkoholindustrie ist in vielen Ländern an der Alkoholpolitik beteiligt und verbreitet Gesundheitsinformationen in der Öffentlichkeit … Dr. Tim Stockwell
 

„Die Nettowirkung dieser Aktivitäten rechtfertigt den Standpunkt, dass die Alkoholindustrie selbst eine Bedrohung der öffentlichen Gesundheit und Sicherheit darstellt. Um es auf den Punkt zu bringen: Betrachtet man die Ressourcen, die von der Getränkeindustrie für ihre Ziele eingesetzt werden, sollte man nicht nur an „Big Tobacco“ denken, sondern auch an „Big Alcohol“, gibt er zu bedenken.

Es gebe kein „verantwortungsvolles Trinken“, wenn es um die langfristigen gesundheitlichen Folgen des Alkoholkonsums gehe, fügt er hinzu. „‚Trinken mit geringem Risiko‘ ist ein besserer Ausdruck, da dies die Tatsache bestätigt, dass auch leichtes Trinken ein Risikofaktor für Krebs ist.“

Fehlinformationen über Gefahren des Alkoholkonsums

Für ihre Analyse identifizierten die Forscher alle Informationen über Krebs und Alkoholkonsum der Internetseiten von globalen Alkoholherstellern von September bis Dezember 2016. Sie haben sich auch mit allen gesundheitsrelevanten Inhalten in den CSR-Bereichen der Webseiten von 27 Alkoholherstellern befasst. Eine Internetseite war nicht zugänglich, so dass insgesamt 26 Seiten der Analyse unterzogen wurden.

Sie fanden heraus, dass 5 Organisationen der Alkoholindustrie eine Assoziation zwischen Alkohol und mindestens einer Krebsart leugneten. So heißt es beispielsweise in den Informationen der International Alliance for Responsible Drinking (IARD): „Jüngste Untersuchungen haben ergeben, dass ein leichter bis mäßiger Alkoholkonsum weder bei Männern noch bei Frauen signifikant mit einem erhöhten Krebsrisiko verbunden ist.“

Ähnliches findet sich auch auf der Internetseite Éduc'alcool (Kanada): „Einige Studien zeigen einen Zusammenhang zwischen Alkohol und Brustkrebs sowohl bei Frauen vor als auch nach der Menopause. Es konnte jedoch kein ursächlicher Zusammenhang zwischen mäßigem Alkoholkonsum und Brustkrebs nachgewiesen werden.“

Um den Zusammenhang zwischen Alkohol- und Krebsrisiko zu verharmlosen, behaupteten 12 von 20 SAPROs (social aspects/public relations organizations), dass das Risiko für einige häufige Krebserkrankungen nur für bestimmte Muster des Trinkverhaltens gelte, wie z.B. lang anhaltendes starkes Trinken oder Binge Drinking.

 
Jüngste Untersuchungen haben ergeben, dass ein leichter bis mäßiger Alkoholkonsum weder bei Männern noch bei Frauen signifikant mit einem erhöhten Krebsrisiko verbunden ist. International Alliance for Responsible Drinking
 

Die Internetseite DrinkWise (Australien) gibt beispielsweise an, dass „eine Krebsgefahr in Verbindung mit Alkoholkonsum besonders mit schwerem Trinken über ausgedehnte Zeitabschnitte zusammenhängt“. Auf der Internetseite der IARD werden ähnliche Aussagen getroffen, wie z.B.: „Im Allgemeinen wurden alkoholbedingte Krebserkrankungen mit starkem Alkoholkonsum in Verbindung gebracht.“

8 der SAPROS-Seiten nutzen Ablenkung, um die Diskussion weg von den unabhängigen Effekten des Alkohols zu lenken, die das Risiko für häufige Krebserkrankungen erhöhen, wie die Studie zeigt. Auf seiner Internetseite TalkingAlcohol.com z.B. weist der Konzern SABMiller darauf hin, dass Alkohol nur mit weniger häufigen Formen von Brustkrebs assoziiert ist: „Neuere Studien zeigen, dass Alkoholkonsum stärker mit einer bestimmten, weniger verbreiteten Form von Brustkrebs (lobuläres Karzinom) in Verbindung gebracht werden kann als mit der häufigsten Form von Brustkrebs (duktales Karzinom).“

Einige Alkoholkonzerne gehen sogar soweit zu behaupten, Alkoholkonsum schütze vor Krebs, besonders bei Rauchern. Die SABMiller-Website gibt an, dass mäßiger Alkoholkonsum mit einem geringeren Risiko für Blasen-, Nieren-, Eierstock- und Prostatakrebs assoziiert ist. Darüber hinaus beharrt die IARD darauf, „dass sich bei langfristigen Rauchern gezeigt hat, dass Alkoholkonsum vor kolorektalen Adenomen schützt“.

Die Studie hebt hervor, dass sich Fehlinformationen am häufigsten auf Brust- und Dickdarmkrebs konzentrieren: Insgesamt 21 Organisationen legen keine oder irreführende Informationen über Brustkrebs vor, 22 Organisationen keine oder irreführende Informationen über Darmkrebs.

Andere Kommunikationsmedien müssen noch untersucht werden

Während die Breite der Untersuchung ihre Übertragbarkeit stärkt, liegt ihre größte Schwäche darin, dass sie nicht andere Wege der Verbreitung von Gesundheitsinformationen untersucht hat, wie etwa über Twitter oder in Werbekampagnen. „Es scheint allerdings unwahrscheinlich, dass die Industrie über andere Kanäle andere Botschaften über Krebs verbreiten würde, obwohl dies ein wichtiges Thema für die weitere Forschung ist“, schreiben Petticrew und Kollegen.

Erforderlich ist auch eine weitere Analyse darüber, ob das „Rosinen-Picken“ von Beweisen dazu führt, dass die Alkoholindustrie Zitate verzerrt, sowie eine sorgfältige Überwachung der Informationen, die von den neuen Organisationen der Alkoholindustrie, wie z.B. der Alcohol Information Partnership, verbreitet werden.

Auch andere Internetseiten, Dokumente, Social-Media-Kanäle und andere Materialien der Branche müssen untersucht werden, „um die Art und das Ausmaß der Verzerrung von Beweismitteln zu bewerten, und ob sie sich auch auf andere Gesundheitsinformationen – z.B. bezüglich Herz-Kreislauf-Erkrankungen – ausdehnen. Vergleichende Forschung in verschiedenen Industriezweigen und mit anderen Bereichen der Alkoholpolitik ist ebenfalls erforderlich, um die Verzerrung von Beweismitteln durch die Industrie zu untersuchen.“

Explizite Gesundheitswarnungen erforderlich

Stockwell empfiehlt, den „gefährlichen Einfluss von Gruppen der Alkoholindustrie auf die öffentliche Kommunikation über Alkohol“ durch ein Ende der staatlichen Finanzierung und der Zusammenarbeit mit Organisationen der Industrie zu begrenzen.

Die Alkoholindustrie sollte per Gesetz aufgefordert werden, ausdrücklich Gesundheitswarnungen und Erklärungen zu Interessenskonflikten auf sämtlichen Gesundheitsinformationen zur Verfügung zu stellen, die sie verbreiten. Und Kliniker sollten sehr sorgfältig darauf achten, woher sie ihre Informationen über Alkohol beziehen, sagt er.

Gesundheitsinformationen sollten auf allen Alkoholbehältnissen angebracht werden, und diese sollten Informationen über die vielfältigen Gesundheitsrisiken enthalten, die mit einem mäßigen Alkoholkonsum verbunden sind, fügt er hinzu.

„Dabei sollte der Hinweis, dass der Alkohol in alkoholischen Getränken als krebserregend angesehen wird, und dass es kein sicheres Niveau gibt, Teil dieser Information sein“, sagt er gegenüber Medscape.

Ärzte müssten ihren Quellen für alkoholbezogene Gesundheitsinformationen besondere Aufmerksamkeit schenken und nur unparteiische, unabhängige Quellen akzeptieren, die idealerweise von Fachleuten begutachtet werden und nicht durch kommerzielle Interessengruppen finanziert sind, rät Stockwell.

 
Innerhalb der Ärzteschaft gibt es die Tendenz, die gesundheitlichen Auswirkungen von Alkohol zu unterschätzen. Dr. Tim Stockwell
 

Ärzte sollten auch skeptisch bleiben, wenn „gute Nachrichten“ präsentiert werden, die die Risiken herunterspielen oder die potenziellen Vorteile von Alkohol betonen, und sich ihres eigenen „Wunschdenkens“ wenn es um Alkohol geht, bewusst sein, warnt er.

„Innerhalb der Ärzteschaft gibt es die Tendenz, die gesundheitlichen Auswirkungen von Alkohol zu unterschätzen. Und es gibt tatsächlich deutliche Belege dafür, dass medizinische Berufe oft selbst mit einem hohen Risiko für alkoholbedingte Probleme behaftet sind“, sagt Stockwell.

Die gute Nachricht ist, dass Ärzte eine entscheidende Rolle bei der Bekämpfung der Auswirkungen irreführender Meldungen über Alkohol- und Krebsrisiken spielen können. Es gibt Hinweise, dass Patienten am ehesten Ratschläge über ihr Trinkverhalten annehmen, wenn diese von einem Arzt oder von anderen medizinischen Fachleuten kämen, betont Stockwell. „Es liegen gute Nachweise dafür vor, dass selbst einfache Ratschläge zur Verringerung des Alkoholkonsums wirksam sein können, vor allem wenn der Ansatz bei künftigen Konsultationen weiterverfolgt wird.“

Ein proaktives Vorgehen wie das Screening von Patienten auf Risikoverhalten hin (z.B. Alkoholkonsum), sei ebenfalls von entscheidender Bedeutung, insbesondere bei Patienten mit erhöhtem Risiko für schwere Krankheiten oder bei Patienten, die bereits krank sind.

„Es gibt Anzeichen dafür, dass Alkoholkonsum die Wachstumsrate von Tumoren erhöhen kann, und deshalb sollten Ratschläge dazu, wie sich das Risiko verringern lässt oder zur Abstinenz Teil der routinemäßigen Krebsbehandlungsprogramme sein“, sagt Stockwell.


Dieser Artikel wurde von Ute Eppinger aus www.medscape.com übersetzt und adaptiert.



REFERENZEN:

1. Petticrew M, et al: Drug and Alkohol Review (online) 7. September 2017

Kommentar

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