Flüchtlingskrise bringt Rechtsmedizin neue Aufgaben: Altersbestimmungen, aber auch mehr Begutachtungen von Folteropfern

Julia Rommelfanger

Interessenkonflikte

29. September 2017

Düsseldorf – Jährlich führt die forensische Medizin in Deutschland rund 18.000 gerichtliche Obduktionen durch. Doch Rechtsmediziner begutachten nicht nur Leichen, sie suchen z.B. auch genetische Ursachen bei plötzlichem Herztod, prüfen das Alter von Sportlern oder Straftätern – und in Zeiten von Flucht und Migration begutachten sie auch verstärkt die Wunden und Narben mutmaßlicher Folteropfer. Da sich deren Zahl in den letzten Jahren in vielen Regionen vervielfacht hat, ist es dringender denn je, bestehende aber weitgehend unbekannte Standards zu Diagnose und Therapie konsequent anzuwenden, so lautete ein Fazit der 96. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Rechtsmedizin (DGRM), die gemeinsam mit dem 10. Internationalen Symposium „Advances in Legal Medicine (ISALM)“ in Düsseldorf stattfand [1].

„Folter, das beinhaltet unter anderem stumpfe Gewalt, Schläge etwa, das Übergießen mit heißen Substanzen oder scharfe Gewalt mit Messern oder anderen spitzen Gegenständen“, erläuterte Prof. Dr. Stefanie Ritz-Timme vom Institut für Rechtsmedizin am Universitätsklinikum Düsseldorf.Wir sehen da im Prinzip alles – bis hin zu allerschwersten Verstümmelungen.“

Gemeinsam mit Prof. Dr. Markus Rothschild vom Institut für Rechtsmedizin am Universitätsklinikum Köln leitete sie die internationale Tagung, bei der rund 600 Rechtsmediziner aus aller Welt über aktuelle Entwicklungen und Probleme diskutierten.

Untersuchungsstandards oft nicht eingehalten

„Unser Fach ist mit seinen Inhalten sehr nah an gesellschaftspolitischen Entwicklungen, die immer wieder auch neue Fragestellungen und Herausforderungen an uns herantragen”, schreiben die beiden Tagungsleiter in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift „Rechtsmedizin”, die sich ebenfalls mit dem Migrations- und Folterthema befasst [2].

 
Wir sehen da im Prinzip alles – bis hin zu allerschwersten Verstümmelungen. Prof. Dr. Stefanie Ritz-Timme
 

Lange hätte Folter in der deutschen Rechtsmedizin keine große Rolle gespielt, doch derzeit häuften sich in den rechtsmedizinischen Instituten die Anfragen zur Untersuchung und Begutachtung von mutmaßlichen Folteropfern, bemerkte Ritz-Timme. Noch bis vor 3 Jahren habe das Düsseldorfer Institut für Rechtsmedizin jährlich 1 bis 2 mutmaßliche Folteropfer begutachtet. „Bislang sind es in diesem Jahr schon etwa 30; vorwiegend Männer”, so Ritz-Timme. „Die Menschen, die mit potenziellen Folterspuren zu uns kommen, haben ein Recht darauf untersucht zu werden“, so ihre Forderung.

Gemäß des Istanbul Protokolls, das internationale Standards für eine sorgfältige Ermittlung der Faktenlage bei einem Verdacht auf Folter festlegt, sei es wichtig, Folterspuren genau zu dokumentieren, betonten die Experten auf der DGRM-Tagung. Die Dokumentationen könnten dann auch in strafrechtlichen Verfahren verwendet werden.

„Aufgrund der häufigen Traumatisierungen von Folteropfern ist auch unbedingt eine psychologische Untersuchung notwendig“ bemerkte Ritz-Timme. Jedoch seien überlebende Folteropfer oft „unzureichend versorgt“. „Unsere Expertise zu Dokumentation und Begutachtung von Misshandlungsfolgen ist hier wichtig. Entsprechende Gutachten werden in Deutschland bislang zu wenig beauftragt – und wenn, dann überwiegend über psychosoziale Einrichtungen und nicht durch Behörden”, so die Rechtsmedizinerin.

 
Wegen der häufigen Traumatisierungen von Folteropfern ist auch unbedingt eine psychologische Untersuchung nötig. Prof. Dr. Stefanie Ritz-Timme
 

Zudem würde Flüchtlingen, die angeben Opfer von Folter geworden zu sein, in Asylverfahren häufig zunächst nicht geglaubt. Auch sie habe schon Fälle begutachtet, bei denen eine objektive Untersuchung zutage brachte, dass die Aussagen über Folter nicht zu den Verletzungen passten. Der Grund: „Manche Schlepper raten den Flüchtlingen, sich selbst Verletzungen zuzufügen“, erklärte die Expertin. „In der Rechtsmedizin beantworten wir die Frage, ob dem so ist oder ob der Flüchtling misshandelt wurde.“

Rechtsmedizin stellt Forderungen an die Politik

Auf einer speziellen Jahrestagung „Folteropfer sehen – Versorgungswege bahnen“, die die Rechtsmedizin des Universitätsklinikums Düsseldorf im März 2017 veranstaltet hatte, haben Experten ihre Forderungen zur Begutachtung und Behandlung von mutmaßlichen Folteropfern in der „Düsseldorfer Erklärung“ zusammengefasst. „Unter den Flüchtlingen befindet sich eine „hohe Anzahl an Folteropfern“, heißt es in der Erklärung.

Jedoch seien „internationale Standards zur Diagnostik und Therapie von Folteropfern wenig bekannt und unzureichend strukturell verankert”. Folteropfer, sagte Timme auf der Rechtsmedizin-Tagung in Düsseldorf, würden häufig nicht oder erst sehr spät als solche erkannt. „Viele Flüchtlinge“, erklärte sie, „brauchen dringend rechtsmedizinische Versorgung, haben aber keinen richtigen Zugang.

„Die Dokumentation von Folterspuren muss bei Flüchtlingen, die ins Land kommen, zur Routine werden“, forderte sie. „Das ist noch keine gelebte Praxis in Deutschland.“ Zudem wäre eine bessere Schulung der Ärzte zur Begutachtung und Einschätzung von Narben erforderlich. „Lange war man der Meinung, alte Narben lassen keine Rückschlüsse auf deren Entstehung zu. Dem ist aber häufig nicht so.“

 
Internationale Standards zur Diagnostik und Therapie von Folteropfern sind wenig bekannt und unzureichend verankert. Prof. Dr. Stefanie Ritz-Timme
 

Schläge mit dem Stock auf Fußsohlen etwa könnten anhand von Veränderungen am Fuß, die ein MRT sichtbar macht, erkannt werden, erklärte Ritz-Timme. „Das ist für uns ein Hinweis, dass der Verdacht auf Folter stimmt.“

Essenziell sei ein „interdisziplinärer Dialog über eine Strategie, die diesen Menschen gerecht wird“, so ihre Forderung an die Politik. Kollege Rothschild aus Köln bemängelte in diesem Zusammenhang fehlende Kapazitäten an den rechtsmedizinischen Instituten: „Wenn alle potenziellen Folteropfer bei uns aufschlagen würden, hätten wir nicht genug Kapazitäten“, so seine Einschätzung auf der DGRM-Tagung.

Zudem fehlte es an einer geregelten Finanzierung von Begutachtungen und Therapie von Folteropfern. „In den Instituten existieren völlig unterschiedliche Finanzierungspläne“, monierte Rothschild. Daher fordern die Rechtsmediziner in der „Düsseldorfer Erklärung“ eine „ausreichende und längerfristige Finanzierung der spezialisierten Behandlungseinrichtungen für Flüchtlinge und Folteropfer”.

Alterseinschätzung minderjähriger Migranten

Außerdem sei die Rechtsmedizin seit Beginn der Flüchtlingswelle mit einem weiteren Aufgabengebiet, der forensischen Alterseinschätzung, häufig beschäftigt, erklärte Rothschild. Bei rechtlichen Verfahren unbegleiteter und möglicherweise minderjähriger Migranten mit zweifelhaften Altersangaben etwa, fordern Behörden und Gerichte die Altersdiagnostik an, um altersabhängige Verfahren korrekt durchführen zu können.

 
Die Dokumentation von Folterspuren muss bei Flüchtlingen zur Routine werden. Prof. Dr. Stefanie Ritz-Timme
 

Neben einer körperlichen Untersuchung führen die Rechtsmediziner standardmäßig radiologische Untersuchungen der linken Hand zur Ermittlung des Ossifikationsstadiums vom Handskelett, eine Panoramaschichtaufnahme des Kiefers zur Feststellung der Wurzelentwicklung der Weisheitszähne und anderer Merkmale der Zähne und des Kiefers durch. Eventuell könne auch noch ein CT der medialen Claviculaepiphysen zur Ermittlung des Stadiums der Knochenentwicklung gemacht werden, erklärte Ritz-Timme.

Auch Veränderungen im Methylierungsmuster an bestimmten Stellen der DNA, die sogenannten CpG-Inseln, können auf das Alter eines Menschen hindeuten. In einem Projekt am rechtsmedizinischen Institut der Universitätsklinik Düsseldorf entwickeln Forscher zurzeit eine epigenetische Alterssignatur.



REFERENZEN:

1. 96. Tagung der Deutschen Gesellschaft für Rechtsmedizin und 10. Internationales Symposium „Advances in Legal Medicine“, 11. bis 15. August 2017, Düsseldorf

2. Ritz-Timme S, et al: Rechtsmedizin (online) 29. Juni 2017

Kommentar

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