Typ-1-Diabetes: Minidosis Glukagon vor dem Sport schützt besser vor Hypoglykämien als Insulinreduktion

Becky McCall

Interessenkonflikte

29. September 2017

Lissabon – Eine Minidosis Glukagon kann sportbedingten Hypoglykämien wirksamer vorbeugen als eine Insulinreduktion, so eine neue Studie an Patienten mit Typ-1-Diabetes, die auf der Jahrestagung der European Association for the Study of Diabetes (EASD) in Lissabon vorgestellt worden ist [1].

„Wenn sie direkt vor dem Training verabreicht wird, schützt eine Minidosis Glukagon effektiver als eine Reduktion der Insulinbasalrate vor sportinduzierten Hypoglykämien und resultiert möglicherweise in weniger postinterventionellen Hyperglykämien als die Aufnahme von Kohlenhydraten“, berichtete Dr. Michael Rickels von der University of Pennsylvania, Philadelphia, USA, der die Studienergebnisse vorstellte.

Er fügte hinzu: „Die Gabe einer Minidosis Glukagon stellt eine vielversprechende neue Strategie zur Reduktion sportassoziierter Hypoglykämien dar.“

Die Vermeidung sportbedingter Hypoglykämien sei „eine große Herausforderung für Menschen mit Typ-1-Diabetes, speziell bei aerober Aktivität von moderater Intensität. Wir wollten herausfinden, ob es [eine Minidosis Glukagon] die Patienten besser vor Hypoglykämien schützt. Menschen ohne Diabeteserkrankung produzieren beim Sport ganz natürlich Glukagon, doch diese Reaktion ist bei Menschen mit Typ-1-Diabetes gestört.“

 
Die Gabe einer Minidosis Glukagon stellt eine vielversprechende neue Strategie zur Reduktion sportassoziierter Hypoglykämien dar. Dr. Michael Rickels
 

Die 15 erwachsenen Teilnehmer der Studie hatten seit mindestens 2 Jahren Typ-1-Diabetes, nutzten seit mindestens 6 Monaten eine kontinuierliche subkutane Insulininfusion (also eine Insulinpumpe) und trieben mindestens 3-mal in der Woche moderat bis intensiv Sport. Sie waren im Schnitt 33 Jahre alt und seit 22 Jahren an Typ-1-Diabetes erkrankt. Der HbA1c-Wert der Teilnehmer – 6 davon waren Frauen – lag im Mittel bei 7,1%.

„Solche Studien sind wirklich wichtig, den sie helfen uns, die Rolle des Glukagons besser zu verstehen, speziell für die Gesundheit von Patienten mit Typ-1-Diabetes und sportbezogene Empfehlungen“, sagte Moderator Dr. Matthew Robinson von der Oregon State University, Corvallis, USA.

4 teilweise verblindete Trainingseinheiten

Die randomisierte Crossover-Studie untersuchte nicht nur den Effekt einer subkutan verabreichten Minidosis Glukagon direkt vor der sportlichen Aktivität. Sie verglich auch die Ergebnisse der Verabreichung einer Minidosis Glukagon mit keiner Intervention sowie die glykämischen Reaktionen, wenn die Teilnehmer das Basalinsulin reduzierten oder Traubenzucker nahmen.

Jeder Teilnehmer nahm an 4 teilweise verblindeten Trainingseinheiten teil. Diese liefen wie folgt ab:

  • 5 Minuten vor Beginn der sportlichen Aktivität wurden 150 µg Glukagon subkutan mit einem Glukagon-Pen (G-pen Mini™, Xeris Pharmaceuticals) verabreicht.

  • 5 Minuten vor Beginn der sportlichen Aktivität und 30 Minuten danach nahmen die Teilnehmer jeweils 20 g Traubenzucker.

  • Die Rate des Basalinsulins wurde um 50% reduziert und die Teilnehmer erhielten 5 Minuten vor Beginn der sportlichen Aktivität eine Placeboinjektion

  • Die Kontrolle bestand aus einer Scheinreduktion der Basalrate und der Injektion von Kochsalzlösung 5 Minuten vor Beginn der sportlichen Aktivität.

Die Trainingseinheiten dauerten jeweils 45 Minuten (zügiges Bergaufgehen auf einen Laufband bei 50-55% VO2max), gefolgt von einer 30-minütigen Erholungsphase und einer standardisierten Mahlzeit 75 Minuten nach der sportlichen Aktivität (55% der Kalorien aus Kohlenhydraten, 20% aus Protein, 25% aus Fett). 5 Minuten vor der Mahlzeit erhielten die Teilnehmer einen Insulinbolus.

Die Teilnehmer trugen ein CGM-Gerät, mit dem die interstitiellen Glukosewerte bis zum Mittag des Folgetages aufgezeichnet wurden.

Sie begannen die Trainingseinheiten mit Blutzuckerwerten von knapp unter 7 mmol/l. Nach Start der sportlichen Aktivität nahmen die Blutzuckerwerte in der Kontrolleinheit und in der Einheit mit Reduktion des Basalinsulins ab. In der Einheit mit Minidosis Glukagon kam es dagegen zu einem leichten Anstieg, der in der Erholungsphase stabil blieb. Auch mit den Traubenzuckertabletten stiegen die Blutzuckerwerte nach Trainingsbeginn leicht an, nahmen aber auch während der Erholungsphase noch weiter zu.

„Eine Minidosis Glukagon unmittelbar vor der aeroben sportlichen Aktivität vermied die Entstehung von Hypoglykämien, während die Reduktion des Basalinsulins zu Trainingsbeginn nicht wirksam das Abfallen des Blutzuckerspiegels während der aeroben Aktivität verhinderte“, sagte Rickels. „Eine erhöhte Kohlenhydrataufnahme von ca. 1 g pro Minute Training verstärkte die Hyperglykämie während der Aktivität und der Erholungsphase.“

 
Eine Minidosis Glukagon direkt vor dem Sport vermied Hypoglykämien, während die Reduktion des Basalinsulins zu Trainingsbeginn nicht das Abfallen des Blutzuckerspiegels verhinderte. Dr. Michael Rickels
 

Die Glukagonspiegel blieben unter allen Trainingsbedingungen auf Höhe der Baseline, nur die Trainingseinheit mit Minidosis Glukagon bildete eine Ausnahme. In dieser Einheit kam es 30 Minuten nach der Verabreichung zu einer Glukagonspitze. In keiner der Einheiten veränderte sich der Plasma-Insulinspiegel“, berichtete Rickels.

Hypoglykämie-Level über die Sitzungen

Die Anzahl der Teilnehmer, die Hypoglykämien entwickelten, unterschied sich zwischen den Gruppen. In der Kontrolleinheit und bei Insulinreduktion hatte jeweils etwa die Hälfte der Patienten (7/15) eine Hypoglykämie (≤ 3,9 mmol/l), schwere Hypoglykämien (< 3,0 mmol/l) traten bei 1 von 15 Patienten in der Kontrolleinheit und 2 von 15 Patienten bei Insulinreduktion auf. „Von den Patienten, die Traubenzucker genommen oder die Minidosis Glukagon erhalten hatten, erlitt keiner eine Hypoglykämie“, so der Wissenschaftler.

Bei zwei Drittel (11/15) der Teilnehmer, die Traubenzucker genommen hatten, stieg der Blutzucker auf ≥ 10,0 mmol/l (hyperglykämisch), bei 5 von 15 waren es sogar ≥ 13,9 mmol/l (schwere Hyperglykämie). In der Einheit mit Minidosis Glukagon stiegen die Blutzuckerwerte bei 8 von 15 Teilnehmern auf ≥ 10,0 mmol/l und bei 1 von 15 auf ≥ 13,9 mmol/l.

„In der Erholungsphase näherten sich die Blutzuckerwerte aneinander an. Die Insulinspiegel nach Insulinverabreichung über die Pumpe waren über alle Trainingsbedingungen hinweg vergleichbar“, so Rickels.

Außerdem zeigten die CGM-Messungen bis zum nächsten Tag (Mitternacht bis 6 Uhr morgens am Tag nach dem Training) keine statistisch signifikanten Unterschiede zwischen den 4 Trainingsbedingungen, weder im Hinblick auf den durchschnittlichen Blutzuckerspiegel, noch auf das erneute Auftreten von Hypoglykämien oder die Dauer von Hypoglykämien.


Dieser Artikel wurde von Nadine Eckert aus www.medscape.com übersetzt und adaptiert.



REFERENZEN:

1. Jahrestagung der European Association for the Study of Diabetes (EASD), 12. bis 16. September 2017, Lissabon/Portugal 

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