Was Ärzten hilft, Behandlungsfehler zu vermeiden: 5 Kernkompetenzen für sichere Kommunikation

Dr. Klaus Fleck

Interessenkonflikte

26. September 2017

Berlin – „Schätzungen zufolge gehen 25 bis 80 Prozent aller Behandlungsfehler – mit Schäden für die Patienten sowie Belastungen für die Behandelnden – auf mangelnde Kommunikation zurück und gelten damit als vermeidbar.“ Dies sagte Hardy Müller, Geschäftsführer des Aktionsbündnisses Patientensicherheit (APS), auf einer Pressekonferenz des Vereins in Berlin [1].

Hardy Müller

Dies bedeutet auch: Kommunikationsdefizite verursachen hohe – vermeidbare – Kosten. So rechnet ein aktueller OECD-Report vor, dass mindestens 15% aller Gesundheitsausgaben in unseren Gesundheitssystemen dazu verwendet werden, vermeidbare Fehler zu kurieren. Gegensteuern und die Patientensicherheit verbessern lässt sich durch eine sicherere Kommunikation – sowohl innerhalb des medizinischen Personals als auch mit den Patienten.

Dr. Ruth Hecker

Fehlermeldesysteme nutzen

Dabei spielen unter anderem Fehlermeldesysteme eine wichtige Rolle: „Fehlermeldesysteme können in vielen Fällen die Patientensicherheit erhöhen, wenn sie verantwortungsvoll genutzt werden“, sagte die Anästhesistin Dr. Ruth Hecker, stellvertretende Vorsitzende des APS und Leiterin der Stabsstelle Qualitätsmanagement und klinisches Risikomanagement am Universitätsklinikum Essen: „Jeder Mitarbeiter in Gesundheitseinrichtungen sollte das Vertrauen haben, sich aktiv einzubringen und von diesen Systemen Gebrauch zu machen.“

Dazu gehöre, begangene Fehler und sogenannte „Beinahe-Fehler“ – wie „Gestern hätte ich fast die Blutprobe vertauscht“ – anonym zu melden, um aufzudecken, wo in Kliniken Sicherheitsmängel bestehen, und wo Fehler vorkommen können.

Checklisten für die Übergabe

Ein weiteres Beispiel für Kommunikationsfehler, das die Anästhesistin schilderte: An der Schnittstelle OP-/Intensiv-Bereiche werden Besonderheiten bei intraoperativen Verläufen nicht durch den ausschleusenden Anästhesisten an den aufnehmenden Bereich weitergegeben. Mit der Folge, dass wichtige Kontrollen in der postoperativen Überwachung nicht erfolgen. Trotz Hektik und Zeitmangel sollte Hecker zufolge in solchen Situationen immer das Prinzip gelten: „Stopp – nehmt euch Zeit für die relevanten Infos!“

Als Maßnahme in diesem konkreten Fall sei dann eine Checkliste für die strukturierte Übergabe zwischen den verschiedenen Disziplinen erarbeitet worden. „So werden die Übergaben zeitlich gestrafft und enthalten trotzdem alle relevanten Informationen.“

Prof. Dr. Annegret F. Hannawa

Barrieren bei der Informationsübermittlung

Kommunikation hat in der Gesundheitsversorgung einen hohen Stellenwert: „Allerdings weist die Struktur des Gesundheitswesens ernst zu nehmende Barrieren für eine gesundheitsfördernde Kommunikation auf“, konstatierte die Kommunikations-Wissenschaftlerin Prof. Dr. Annegret F. Hannawa von der Universität Lugano.

Zu diesen Barrieren zählt sie neben dem intensiven Zeitdruck ebenso ausgeprägte Hierarchien innerhalb des medizinischen Personals, starke emotionale Inhalte (belastende Krankheiten, Überleben und Tod) und viele verschiedene Teilnehmer mit diversen Hintergründen in einer oft sehr hektischen Umgebung. All dies erhöhe das Risiko für Defizite in der Informationsübermittlung und damit für Fehler, die dann die Patientensicherheit beeinträchtigen.

 
Schätzungen zufolge gehen 25 bis 80 Prozent aller Behandlungsfehler … auf mangelnde Kommunikation zurück und gelten damit als vermeidbar. Hardy Müller
 

5 Kernkompetenzen für sichere Kommunikation im Gesundheitswesen

Demgegenüber erhöhen sich die Chancen für eine erfolgreiche medizinische Patientenbetreuung nach Ansicht der Expertin enorm, wenn alle Beteiligten „sicher“ miteinander kommunizieren. Hannawa hatte eine Vielzahl von Fällen analysiert, bei denen es entweder zu unerwünschten Ereignissen oder zu Beinahe-Schadensfällen gekommen war.

Daraufhin definierte sie ein Grundverständnis und 5 Kernkompetenzen für eine sichere Kommunikation im Gesundheitswesen – sozusagen als neuen Grundbegriff für die Patientensicherheit. Dazu gehört etwa, nicht vorauszusetzen, dass Kommunikation bereits stattgefunden hat, und anzunehmen, dass sich ein gemeinsames Verständnis erst im Laufe der Gesprächsführung etabliert.

Die 5 Kernkompetenzen für sichere Kommunikation fasst sie in einem zu diesem Thema von ihr verfassten Buch unter dem Akronym SACCIA zusammen:

  • S für Sufficiency (Suffizienz): Sichergehen, dass alle verfügbaren Informationen im Gespräch vermittelt werden.

  • A für Accuracy (Richtigkeit): Sicherstellen, dass die besprochenen Informationen korrekt sind.

  • C für Clarity (Klarheit): Sich klar ausdrücken, mehrdeutige Informationen klären, eventuelle Unklarheiten beseitigen.

  • C für Contextualization (Kontextualisierung): Kontext wie Zeitpunkt, verfügbare Zeit, zwischenmenschliche Beziehung, Umgebung und eventuelle kulturelle Barrieren im Blick haben.

  • IA für Interpersonal Adaptation: Kommunikation auf den zwischenmenschlichen Kontext abstimmen.

Team-Trainings für besseren Informationsfluss

„Äußerst hilfreich zur Verbesserung der Kommunikation beim medizinischen Personal – und damit zur Vermeidung von Behandlungsfehlern – sind Team-Trainings“, betonte Hecker im Gespräch mit Medscape. Das gelte sowohl für die Klinik als auch die Arztpraxis.

 
Fehlermeldesysteme können in vielen Fällen die Patientensicherheit erhöhen, wenn sie verantwortungsvoll genutzt werden. Dr. Ruth Hecker
 

„Bei solchen Trainings geht es vor allem auch darum zu lernen, wie Aufgaben richtig und klar an die verschiedenen Mitarbeiter vermittelt werden, und wie von diesen daraufhin ein möglichst optimales Informations-Feedback zu erhalten ist. Wichtig für eine gute Kommunikation ist dabei nicht nur Vertrauen zur Führungskraft, sondern auch, über Hierarchiestufen hinweg zu kritisieren und umgekehrt offen für konstruktive Kritik zu sein. Dem Chefarzt Kritik zu vermitteln, lässt sich durchaus trainieren.“

Es gibt zahlreiche Firmen, die solche Team-Trainings speziell auch für medizinische Arbeitsbereiche anbieten.

Beim Patienten nachfragen

Was die Kommunikation gegenüber Patienten betrifft, plädiert Hecker dafür, sich von ärztlicher Seite aus die Zeit für Nachfragen beim Patienten zu nehmen, um Compliance, Therapieadhärenz und Therapiesicherheit zu fördern: „Fragen Sie den Patienten, inwieweit dieser die ärztlichen Anweisungen richtig verstanden hat, ob er diese auch umsetzen kann und ermutigen Sie ihn, sich zurückzumelden, wenn im Rahmen der Therapie Unvorhergesehenes eintritt bzw. etwas nicht stimmt.“

 
Dem Chefarzt Kritik zu vermitteln, lässt sich durchaus trainieren. Dr. Ruth Hecker
 

Um die Patientensicherheit zu stärken, gibt das APS u.a. Handlungsempfehlungen für Einrichtungen im Gesundheitswesen sowie Ratgeber für Patienten heraus. Außerdem rief das Bündnis den „Internationalen Tag der Patientensicherheit“ ins Leben, der jetzt bereits zum 3. Mal stattfand. Handlungsempfehlungen gibt es etwa zur Einrichtung und zum erfolgreichen Betrieb von Melde- und Lernsystemen, auch als Critical Incident Reporting Systems (CIRS) bezeichnet. Empfehlungen für die Kommunikation nach einem Zwischenfall enthält die APS-Broschüre „Reden ist Gold“.



REFERENZEN:

1. Pressekonferenz des Aktionsbündnisses Patientensicherheit e.V. (APS) anlässlich des 3. Internationalen Tags der Patientensicherheit am 17. September 2017: „Wenn Schweigen gefährlich ist...“ – Kommunikation im Gesundheitswesen, 14. September 2017, Berlin

Kommentar

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