Dreifach hält besser: Eine 3. MMR-Impfung hält Mumps-Ausbrüche unter US-Studenten in Schach

Anke Brodmerkel

Interessenkonflikte

21. September 2017

Eine 3. Dosis des Impfstoffs gegen Masern, Mumps und Röteln (MMR) kann einen Mumps-Ausbruch wirkungsvoll eindämmen. Das geht aus einer Studie mit US-Studenten hervor, über die ein Team um Dr. Cristina Cardemil von den Centers for Disease Control and Prevention in Atlanta im New England Journal of Medicine berichtet [1]. Zugleich scheine die 3. Vakzination der offenbar mit der Zeit nachlassenden Immunität gegen Mumps nach einer erfolgten Zweifachimpfung entgegenzuwirken, schreiben die Wissenschaftler.

„Das ist eine spannende Publikation, wenngleich Mumps-Ausbrüche hierzulande ein weniger großes Problem als in den USA darstellen“, sagt Prof. Dr. Ulrich Heininger im Gespräch mit Medscape. Heininger ist Sprecher der Kommission für Infektionskrankheiten und Impffragen der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendmedizin (DAKJ) und Leiter der Abteilung für Infektiologie und Vakzinologie am Universitäts-Kinderspital beider Basel (UKBB).

In den USA sind Mumps-Ausbrüche insbesondere an Universitäten häufig

Gerade an den US-amerikanischen Universitäten, wo Studenten auf engstem Raum zusammenlebten, komme es immer wieder zu Ausbrüchen unterschiedlichster Infektionskrankheiten, so Heininger. „Die Initiatoren der Studie haben den jüngsten Mumps-Ausbruch genutzt, um offene Fragen bezüglich des Impfschutzes zu klären – und die Qualität ihrer Untersuchung ist so gut, wie sie nur sein kann.“

In Deutschland seien Masern sicherlich das gravierendere Problem, da bei dieser Erkrankung auch die Komplikationsrate höher sei, ergänzt der Mediziner. Trotzdem müsse man natürlich auch im Hinblick auf Mumps-Infektionen achtsam bleiben.

Geimpft wird gegen beide Erkrankungen in der Regel ohnehin parallel: Die Ständige Impfkommission (STIKO) empfiehlt, die 1. MMR-Impfung im Alter von 11 bis 14 Monaten und die 2. mit 15 bis 23 Monaten durchführen zu lassen. Bei einer geplanten Aufnahme in eine Gemeinschaftseinrichtung könne die 1. MMR-Impfung auch schon mit 9 Monaten erfolgen, sagt Heininger, der selbst Mitglied der STIKO ist.

 
Das zeigt doch, dass auch 2 Dosen des Impfstoffs bereits effektiv sind. Prof. Dr. Ulrich Heininger
 

Eine groß angelegte Kampagne forderte Studenten zu einer 3. MMR-Impfung auf

Anders als hierzulande gibt es in den USA eine weitreichende Impfpflicht. So müssen beispielsweise Studenten seit dem Jahr 2012 vor ihrer Aufnahme an die University of Iowa, wo die aktuelle Studie durchgeführt wurde, nachweisen, dass sie zweimal gegen MMR geimpft worden sind.

Während eines Mumps-Ausbruchs im Studienjahr 2015/2016 initiierten die Gesundheitsbehörden darüber hinaus eine groß angelegte MMR-Impfkampagne, bei der die Studierenden dazu angehalten wurden, sich ein weiteres Mal gegen MMR impfen zu lassen. Den Erfolg dieser Kampagne haben Cardemil und ihre Kollegen nun untersucht.

Wie die Forscher berichten, wurden im Studienjahr 2015/2016 bei den 20.496 Studenten der University of Iowa 259 Fälle von Mumps diagnostiziert. Vor dem Ausbruch waren 98,1% der Studenten mindestens zweimal gegen MMR geimpft worden. Während des Ausbruchs erhielten 4.783 Studenten eine 3. Impfung.

Der Schutz vor einer Mumps-Infektion nimmt trotz Impfung mit den Jahren ab

Es zeigte sich, dass die Infektionsrate unter den dreifach geimpften Probanden mit 6,7 Fällen pro 1.000 Studenten geringer war als die unter den zweifach geimpften mit 14,5 Fällen pro 1.000 Studenten.

Zudem stellte sich heraus, dass die Immunität gegen Mumps offenbar mit der Zeit nachlässt: Teilnehmer, bei denen die 2. MMR-Impfung 13 bis 15 Jahre zurücklag, hatten ein 9,1-mal so hohes Risiko, an Mumps zu erkranken, wie Probanden, die ihre 2. Impfung erst in den vergangenen 2 Jahren erhalten hatten. Lag die 2. Impfung 16 oder mehr Jahre zurück, war das Risiko sogar 14,3-mal so hoch.

28 Tage nach der Impfung hatten diejenigen Studenten, die auf diese Weise bereits ihre 3. Dosis erhalten hatten, ein um 78,1% niedrigeres Risiko, am Mumps zu erkranken, als Probanden, die im Rahmen der Kampagne erst zum 2. Mal geimpft worden waren.

Die Ergebnisse zeigten, dass die Impfkampagne geholfen habe, den Mumps-Ausbruch des Studienjahrs 2015/2016 zu kontrollieren, und dass die nachlassende Immunität gegen Mumpsviren womöglich dazu beigetragen habe, dass es überhaupt zu einem solchen Ausbruch habe kommen können, schreiben Cardemil und ihr Team. 

 
Unser vorrangiges Ziel sollte es daher sein, die Rate der zweifach geimpften Kleinkinder zu optimieren und insbesondere Impflücken … zu schließen. Prof. Dr. Ulrich Heininger
 

Primäres Ziel hierzulande ist es, die Rate der zweifach geimpften Personen zu erhöhen

Generell befürworten möchte der DAKJ-Experte Heininger eine 3. MMR-Impfung dennoch nicht. „Die Studie zeigt ja nur, dass die 3. Dosis einen Mumps-Ausbruch in einem Kollektiv bekämpfen kann, das zu großen Teilen schon zweimal geimpft ist“, sagt er. Zudem seien selbst bei dem beschriebenen Ausbruch 2015/2016 nicht einmal 1,5% der Studenten an Mumps erkrankt: „Das zeigt doch, dass auch 2 Dosen des Impfstoffs bereits effektiv sind.“

„Unser vorrangiges Ziel sollte es daher sein, die Rate der zweifach geimpften Kleinkinder zu optimieren und insbesondere Impflücken bei älteren Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen zu schließen“, betont Heininger.

Zurzeit liegt die Durchimpfungsrate in Deutschland für die 1. MMR-Impfung bei 97% und für die 2. bei knapp unter 95%. Allerdings existieren erheblich regionale Unterschiede. Insbesondere in Bayern und Baden-Württemberg sind die Durchimpfungsraten niedriger als in den restlichen Bundesländern. Ältere Jahrgänge sind zudem seltener geimpft als jüngere, weswegen bei einem Mumps-Ausbruch insbesondere junge Erwachsene erkranken.

Vor der Impfpflicht kommt die Beratungspflicht, etwa an Schulen und Universitäten

Auch Heininger sieht das Problem der schwindenden Immunität: „Die Studie von Cardemil und ihren Kollegen legt nahe, dass der Impfschutz bei Mumps mit der Zeit nachlässt“, sagt er. Dies sei bei Masern und Röteln höchstwahrscheinlich anders. „Unsere inzwischen 40-jährige Impferfahrung lässt vermuten, dass der Impfschutz bei diesen Erkrankungen sehr lange – vielleicht  ein Leben lang – anhält.“ Auch aus diesem Grund bleibe man bei der Empfehlung, nur zweimal gegen MMR zu impfen. Mit dieser Strategie werde Mumps vielleicht nicht optimal, aber dennoch gut verhindert.

 
Die Studie von Cardemil und ihren Kollegen legt nahe, dass der Impfschutz bei Mumps mit der Zeit nachlässt. Prof. Dr. Ulrich Heininger
 

Eine Impfpflicht, wie sie in den USA existiert, kann sich Heininger zum jetzigen Zeitpunkt nicht vorstellen. „Zwar gibt es gute Gründe dafür, sie einzuführen“, sagt er. Doch seines Erachtens bedeute das, den 2. Schritt vor dem ersten zu tun. „Für sinnvoll würde ich es zunächst halten, eine Beratungspflicht an Schulen und Universitäten einzuführen“, sagt er. Denn viele Erwachsene hierzulande wüssten nicht einmal, ob sie gegen Masern, Mumps und Röteln geimpft seien oder nicht.



REFERENZEN:

1. Cardemil C, et al: NEJM 2017;377:947-956

Kommentar

3090D553-9492-4563-8681-AD288FA52ACE
Wir bitten darum, Diskussionen höflich und sachlich zu halten. Beiträge werden vor der Veröffentlichung nicht überprüft, jedoch werden Kommentare, die unsere Community-Regeln verletzen, gelöscht.

wird bearbeitet....