Plötzlicher Herztod beim Sport: Diese Warnzeichen sollten Sie Ihren Patienten mit auf den (Lauf-)Weg geben

Simone Reisdorf

Interessenkonflikte

7. September 2017

Barcelona – Ein plötzlicher Herzstillstand (sudden cardiac arrest, SCA) beim oder nach dem Sport kündigt sich in der Zeit vor dem Ereignis fast immer durch Warnsymptome an und meistens liegt eine unentdeckte koronare Herzerkrankung (KHK) zugrunde. Das belegen Daten des Sudden Death Expertise Center in Paris, die auf dem Jahreskongress der European Society of Cardiology (ESC) in Barcelona vorgestellt worden sind [1].

„71 Prozent der Patienten in unserer Studie hatten vor dem Ereignis bereits kardiovaskuläre Symptome. Davon hatten 80 Prozent Thoraxschmerzen. Viele litten auch an Palpitationen oder hatten bereits Synkopen erlebt“, erklärt Erstautorin Dr. Nicole Karam von der Abteilung Kardiologie am Hôpital Européen Georges-Pompidou in Paris gegenüber Medscape.

Dies seien „Warnzeichen, die der Arzt dem Patienten nennen muss. Treten sie auf, sollte der Patient nicht einfach weiter machen wie bisher, wie es leider oft passiert. Er sollte den Sport unterbrechen und baldmöglichst die Arztpraxis aufsuchen, um die Ursachen abzuklären.“

Ein plötzlicher Herzstillstand im Zusammenhang mit sportlicher Betätigung ist ein sehr seltenes Ereignis. Eine prospektive Studie aus Frankreich nennt – je nach Lebensalter – 3 bis 8 Fälle pro 100.000 Personen pro Jahr. Berichte über junge Profisportler, etwa Fußballspieler, die durch plötzlichen Herztod gestorben sind, finden jedoch ein großes Echo und halten manchen davon ab, einen Freizeitsport zu beginnen oder fortzuführen.

Der Arzt kann seine sportwilligen Patienten aber beruhigen und darüber aufklären, dass Herzstillstände durch körperliche Bewegung sehr selten sind. Allerdings: Treten bei einem Patienten kardiovaskuläre Beschwerden auf, so sollten diese zügig abgeklärt werden.

Was soll man den Patienten mit auf den (Lauf-)Weg geben?

„Wir Ärzte sollten unseren Patienten auf jeden Fall empfehlen, Sport zu treiben!“ bestätigt auch Prof. Dr. Gerhard Hindricks, Chefarzt der Abteilung Rhythmologie am Herzzentrum Leipzig, im Gespräch mit Medscape. Dies sei eine wichtige Aufgabe insbesondere des Hausarztes, der die häufigsten Praxiskontakte mit Patienten jüngeren oder mittleren Alters habe.

Prof. Dr. Gerhard Hindricks

Der Hausarzt sollte allerdings jeden Patienten, der mit dem Sport beginnen möchte, auf mögliche Warnzeichen für unerkannte kardiovaskuläre Erkrankungen hinweisen, unterstreicht Hindricks. Neben den von Karam erwähnten Symptomen wie Brustschmerz, Palpitationen und Synkopen nennt er auch Schwindel und Dyspnoe als Warnzeichen: Treten sie während oder kurz nach der körperlichen Betätigung auf, könnten sie ebenfalls „Red Flags“ für verborgene Herzerkrankungen sein.

„Patienten mit mehreren kardiovaskulären Risikofaktoren oder bekannter Herzerkrankung müssen – in Absprache mit dem Kardiologen – vor Beginn ihrer sportlichen Aktivitäten möglicherweise eine Stress-Echokardiografie erhalten“, empfiehlt Hindricks weiter. „Ähnliches gilt auch für Leistungssportler, sie müssen vorab besonders gründlich untersucht werden.“ In Vereinen, in denen dies bereits Standard ist, sei das Risiko, einen plötzlichen Herztod zu erleiden, extrem gering, selbst für Profisportler, die bis an ihre Grenzen gingen.

Sportassoziierter Herzstillstand bei Frauen selten

Diese Empfehlungen werden durch die bisher ausgewerteten SDEC-Daten von Karam und Kollegen zu 18.306 SCA-Fällen im Großraum Paris (seit 2011) gestützt; 15.216 ereigneten sich außerhalb von Krankenhäusern. 13.400 Patienten waren erwachsen (18 bis 89 Jahre alt) und theoretisch in der Lage, Sport zu treiben. Aber nur bei 154 von ihnen (1,1%) gab es einen zeitlichen Zusammenhang des SCA zu sportlicher Betätigung.

 
71% der Patienten hatten vorher kardiovaskuläre Symptome, davon 80% Thoraxschmerzen. Dr. Nicole Karam
 

Die Studienautoren nutzten die fast lückenlosen Unterlagen der Rettungskräfte und Krankenhäuser, um die Charakteristika und den Outcome der SCA-Patienten mit vs. ohne sportliche Betätigung zur Zeit des Ereignisses zu ermitteln. Jedem Patienten mit sportassoziiertem SCA wurden in einem Matching-Verfahren 3 Patienten mit SCA ohne Sportbezug zugeordnet. Unabhängig davon werteten sie Koronar-Angiografien aus, die bei 71% der Patienten mit sportassoziiertem SCA und bei 61% der Patienten mit nicht-sportassoziiertem SCA angefertigt worden waren.

Das Ergebnis: Patienten mit sportassoziiertem SCA waren im Durchschnitt jünger (51 vs. 70 Jahre) und überwiegend männlich (96% vs. 4%). Nur 6 der 154 Patienten mit sportbezogenem SCA waren Frauen. Bei nicht-sportassoziiertem Herzstillstand betrug der weibliche Anteil dagegen 36%. „Frauen, die einen Freizeitsport betreiben möchten, kann man in dieser Hinsicht weitgehende Entwarnung geben“, betont Karam gegenüber Medscape.

 
Frauen, die Freizeitsport betreiben möchten, kann man in dieser Hinsicht weitgehende Entwarnung geben. Dr. Nicole Karam
 

Kollaps in der Öffentlichkeit – Wiederbelebungs-Chancen erhöht

Sportassoziierte SCA traten mit größerer Wahrscheinlichkeit in der Öffentlichkeit auf als nicht-sportassoziierte SCA (91% vs. 20%). Deshalb war auch die Wahrscheinlichkeit einer kardio-pulmonalen Wiederbelebung durch Ersthelfer höher (79% vs. 39%).

Patienten mit sportassoziiertem Herzstillstand hatten häufiger einen initialen schockbaren Herzrhythmus (78% vs. 20%). Bei ihnen war zudem seltener eine Herzerkrankung bekannt (17% vs. 34%) oder eine KHK diagnostiziert worden (7% vs. 19%).

Fast immer Koronarläsionen nachweisbar

Die zugrunde liegenden Veränderungen am Herz waren in beiden Gruppen sehr ähnlich:

  • Signifikante Koronarläsion bei 69% vs. 68% der SCA-Patienten mit bzw. ohne Bezug zu sportlichen Aktivitäten

  • Mehrgefäßerkrankung bei 46% vs. 54%

  • Chronischer Koronarverschluss bei 16% vs. 21%

  • Culprit lesion: Sie wurde etwas häufiger bei Patienten mit sportassoziiertem Herzstillstand diagnostiziert (55% vs. 42%) und war in 93% vs. 91% der Fälle mit einer KHK assoziiert.

Die Expertin verwies auf den hohen Anteil nicht diagnostizierter KHK-Patienten unter den Sportlern: „Obwohl 58% der Patienten mit sportassoziiertem SCA mindestens einen bekannten kardiovaskulären Risikofaktor hatten, war nur bei 7% eine KHK bekannt.“

 
Obwohl 58% der Patienten mit sportassoziiertem Herzstillstand mindestens einen bekannten Risikofaktor hatten, war nur bei 7% eine KHK bekannt. Dr. Nicole Karam
 

Patienten mit sportbezogenem Herzstillstand hatten eine höhere Überlebensrate, berichtete die Wissenschaftlerin: 80% vs. 23% der Patienten waren bei der Klinikeinlieferung noch am Leben und 39% vs. 5% wurden lebend entlassen. Das könne an ihrem niedrigeren Lebensalter und ihrer besseren körperlichen Verfassung liegen oder auch an der Tatsache, dass sie meistens in der Öffentlichkeit kollabiert waren.

In der Diskussion ihres Vortrags in Barcelona betonte Karam, dass die Angst vor einem möglichen Herzstillstand beim Sport keinesfalls dazu führen sollte, dass die Patienten ängstlich jede körperliche Bewegung vermeiden. „Das wäre ein ganz falsches Signal und das Gegenteil von dem, was ich Ihnen nahebringen möchte.“



REFERENZEN:

1. Jahrestagung der European Society of Cardiology (ESC), 26. bis 30. August 2017, Barcelona/Spanien

Kommentar

3090D553-9492-4563-8681-AD288FA52ACE
Wir bitten darum, Diskussionen höflich und sachlich zu halten. Beiträge werden vor der Veröffentlichung nicht überprüft, jedoch werden Kommentare, die unsere Community-Regeln verletzen, gelöscht.

wird bearbeitet....