Das Vergessen aufhalten: Präventionsregister zur Alzheimer-Demenz sucht Studienteilnehmer

Ute Eppinger

Interessenkonflikte

5. September 2017

In Deutschland sind rund 1,6 Millionen Menschen an Demenz erkrankt, bis 2050 könnten es 3 Millionen sein. Heutige medikamentöse Therapien können den Krankheitsverlauf etwas verzögern, eine Heilung gibt es bislang nicht. Da sich jedoch eine Alzheimer-Demenz langsam, über 20 bis 30 Jahre, entwickelt, könnte sich dieses Zeitfenster zur Prävention nutzen lassen. Wie – das erforschen Prof. Dr. Frank Jessen und seine Kollegen mit Hilfe des Präventionsregisters zur Alzheimer-Demenz.

Gestartet ist das Projekt vor einem knappen Jahr: „Bislang haben wir rund 500 Teilnehmer, allerdings haben wir unser Register bislang nur punktuell beworben“, erklärt Jessen, Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Universitätsklinikum Köln. Mit finanzieller Unterstützung soll sich dies demnächst ändern: Die Vorbereitungen für verschiedene Präventionsstudien stehen in Köln kurz vor dem Abschluss. „Unser Ziel sind 3.000 bis 5.000 Teilnehmer“, sagt Jessen.

Register als Ressource für Studienteilnehmer

Zunächst wollen die Forscher die Kontaktdaten von an Alzheimer-Prävention interessierten Menschen im Rahmen ihres Registers sammeln und diese alle 3 Monate mit einem Newsletter über die aktuelle Forschung und neue Konzepte zur Prävention der Alzheimer-Krankheit informieren. Die Register-Teilnehmer wollen die Forscher dann für Präventionsstudien gewinnen.

Jessen: „Wir haben die Hoffnung, dass wir in der Zukunft Therapien haben, die das Auftreten einer Demenz zumindest verzögern können. In Köln werden wir uns in den nächsten Jahren intensiv mit Studien zur Alzheimer-Prävention beschäftigen. Dafür brauchen wir viele Menschen, die uns unterstützen.“

Bei den geplanten Präventionsstudien handelt es sich um mehrere Projekte, die unter anderem im Rahmen von IMI (Innovative Medicine Iniatives) durch die EU gefördert werden. Geplant sind sowohl Studien mit neuen innovativen Substanzen als auch solche mit nicht-pharmakologischen Interventionen.

„Für die Studien mit neuen innovativen Substanzen suchen wir Teilnehmer mit bestimmten genetischen Risikoprofilen und mit Amyloid-Pathologien im Gehirn. Wir planen auch Studien mit immunologischen Ansätzen“, so Jessen.

Getestet werden soll beispielsweise der Einsatz von Hemmstoffen der Beta-Sekretase (BACE1). Über diesen Weg hofft man die die Produktion kurzer Beta-Amyloid-Fragmente inhibieren zu können, die im Gehirn von Alzheimerpatienten verklumpen, aber auch in geringen Mengen ständig bei gesunden Personen entstehen. „Das sind hoch innovative pharmakologische Ansätze“, so Jessen.

 
In Köln werden wir uns in den nächsten Jahren intensiv mit Studien zur Alzheimer-Prävention beschäftigen. Prof. Dr. Frank Jessen
 

Internetbasierte Präventionsprogramme sollen getestet werden

Ein anderer Aspekt sind Studien mit nicht-pharmakologischen Interventionen. Denn es gibt Hinweise, dass Menschen seltener an Alzheimer erkranken, die sich körperlich betätigen, sich gesund ernähren, soziale Kontakte und Engagements pflegen und sich geistig fit halten.

„Wir arbeiten dabei mit der Uniklinik in Amsterdam zusammen. Die entwickeln ein Internet-basiertes Präventionsprogramm für Demenz. Es heißt ‚hello brain‘ und ist eine Art Lebensstil-Coaching“, berichtet Jessen. Teil des Programms sind Bewegung und Gedächtnistraining. „Speziell für ‚hello brain‘ suchen wird demnächst 100 Register-Teilnehmer, die 3 Monate mit diesem Programm arbeiten und uns ein Feedback geben.“

Einen leichten Dämpfer hat das Thema Lebensstiländerungen zur Demenz-Prävention allerdings durch aktuelle Studienergebnisse erhalten (wie Medscape berichtete ). In einer prospektiven Kohortenstudie waren 10.308 Menschen im Alter zwischen 35 und 55 im Schnitt 27 Jahre beobachtet worden. Doch schützte körperliche Aktivität in dieser Studie nicht vor kognitivem Leistungsabfall und senkte nicht das Demenzrisiko.

Jessen verweist darauf, dass es sich hier eben nicht um eine Interventionsstudie handelte. Er stellt klar: „Die Kohortenstudie zeigt, dass vor Beginn der Demenz die körperliche Aktivität abnimmt. Sie zeigt aber in keiner Weise, dass vermehrte körperliche Aktivität nicht auch vor Demenz schützen könnte. Das kann nur eine Interventionsstudie. Die Arbeit suggeriert ja geradezu, dass vermehrte körperliche Aktivität vor der Demenz möglicherweise einen schützenden Effekt hat.“

Er ergänzt: „Man muss berücksichtigen, dass nicht in jeder Studie positive Effekte von Lebensstiländerungen auf die Entwicklung einer Demenz gefunden werden. Insgesamt ist es aber schon so, dass es sehr klare Hinweise dafür gibt, dass regelmäßige Bewegung, regelmäßiger Sport, gesunde Ernährung und soziale Kontakte und Engagements gut für das Gehirn sind.“

 
Man muss berücksichtigen, dass nicht in jeder Studie positive Effekte von Lebensstiländerungen auf die Entwicklung einer Demenz gefunden werden. Prof. Dr. Frank Jessen
 

Ermutigend sind in diesem Zusammenhang die Ergebnisse einer Subgruppe der MAPT-Studie. Die Studie hatte den Effekt verschiedener Interventionen auf die kognitiven Funktionen von älteren Menschen untersucht. In der Gesamtauswertung erwiesen sich zwar Multidomain-Interventionen im Effekt auf das Gedächtnis als nicht signifikant wirksam, doch in einer Untergruppe von 200 Patienten, deren Amyloidplaque-Bildung zu Studienbeginn untersucht worden war, zeigte sich ein hochsignifikanter Effekt auf die Entwicklung der Plaques.

Kommentar

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