Steigt das Lungenkrebsrisiko unter hoch dosierter Vitamin B6- und B12-Einnahme? Beobachtungstudie liefert Hinweise

Zosia Chustecka

Interessenkonflikte

29. August 2017

Ist die Langzeitanwendung hoch dosierter Vitamin-B6- und B12-Präparate mit einem erhöhten Lungenkrebsrisiko assoziiert? Möglicherweise ja, wie aktuelle Beobachtungsdaten zeigen. Männer, die hohe Dosen über 10 Jahre hinweg eingenommen hatten, zeigten ein 2- bis 4-fach erhöhtes Risiko für Lungenkrebs im Vergleich zu Männern ohne entsprechende Nahrungsergänzung. Bei Rauchern war das Risiko besonders stark erhöht. Allerdings wurde bei Frauen kein Risikoanstieg festgestellt.

Diese Beobachtungen stammen aus der Kohortenstudie Vitamins and Lifestyle (VITAL), die online im Journal of Clinical Oncology publiziert worden ist [1]. „Unsere Daten zeigen, dass die Einnahme hoher Dosen von Vitamin B6 und B12 über längere Zeit zu einem Anstieg der Lungenkrebsinzidenz bei männlichen Rauchern beitragen kann“, kommentierte der Erstautor Dr. Theodore Brasky vom Ohio State University Comprehensive Cancer Center, Columbus in einem Statement. „Das ist eine Sorge, der wir sicherlich noch genauer nachgehen sollten.“

Er räumte allerdings ein, dass die Dosen, um die es dabei ging, deutlich über den Tagesdosen der Vitamine in Multi-Vitamintabletten lagen. „Solche Mengen an Vitamin B6 und B12 können nur durch die Anwendung hochdosierter Vitaminpräparate aufgenommen werden, deren Vitamingehalt um ein Mehrfaches über den in den USA empfohlenen Tagesdosen liegen.“ Das betonten auch andere Experten, die nicht in die Studie involviert waren.

Das National Institutes of Health Office of Dietary Supplements empfiehlt Männern ab 51 Jahren eine Tagesdosis von 1,7 mg und Frauen eine Tagesdosis von 1,5 mg Vitamin B6 (Pyridoxin). Die empfohlene Tagesdosis an Vitamin B12 (Cobalamin) liegt für alle Erwachsenen bei 2,4 Mikrogramm (2,4 µg).

In der jetzt publizierten Studie hatten die Männer, die ein zweifach erhöhtes Lungenkrebsrisiko im Vergleich zu Nichtanwendern hatten, viel höhere Dosen eingenommen: Sie hatten über 10 Jahre täglich bis zu 20 mg Vitamin B6 und 55 Mikrogramm Vitamin B12 konsumiert.

Studiendesign

77.118 Personen im Alter von 50 bis 76 Jahren nahmen an der VITAL-Studie teil. Sie wurden zwischen Oktober 2000 und Dezember 2002 in die Studie eingeschlossen. Die Studienpopulation wurde mit entsprechenden Registern verlinkt, etwa mit bevölkerungsbasierten Krebsregistern. Für die aktuelle Auswertung konzentrierten sich Brasky und Kollegen auf die 808 Teilnehmer, die einen invasiven primären Lungenkrebs entwickelt hatten und die deshalb in den Krebsregistern auftauchten. Mehr als die Hälfte der 808 Patienten waren Männer (n = 449).

Das Forscherteam untersuchte nun bei diesen Studienteilnehmern mit Lungenkrebs den Konsum an Vitaminpräparaten. Dazu verwendeten sie Fragebögen, in denen die Teilnehmer neben der Nutzung von Vitaminpräparaten auch über ihre Ernährungsgewohnheiten und gegebenenfalls über ihren Tabakkonsum berichteten.

Studienergebnisse

Die Forscher fanden einen Zusammenhang zwischen hoch dosierter Vitamin-B-Supplementierung und Lungenkrebs bei Männern, jedoch nicht bei Frauen. Es stellte sich heraus, dass die Männer mit dem höchsten Vitamin-B-Konsum ein etwa doppelt so hohes Lungenkrebsrisiko hatten wie Männer, die keine hochdosierte Nahrungsergänzung eingenommen hatten.

Die Daten zeigen, dass hohe Dosen von Vitamin B6 und B12 über längere Zeit zu einem Anstieg der Lungenkrebsinzidenz bei männlichen Rauchern beitragen kann. Dr. Theodore Brasky

Männer, die hohe Vitamin-B6-Dosen nahmen und Raucher waren, hatten sogar ein 3-fach erhöhtes Lungenkrebsrisiko. Und bei männlichen Rauchern mit hohen Vitamin-B12-Dosen war das Risiko um das 4-Fache erhöht.

Die Analyse wurde hinsichtlich zahlreicher Confounder adjustiert. Dazu zählten Tabakkonsum, Alter, Ethnie, Bildungsstand, Körpergröße, Alkoholkonsum, chronische Lungenerkrankungen oder Lungenkrebs in der Vorgeschichte, Familienanamnese hinsichtlich Lungenkrebs sowie die Anwendung antiinflammatorischer Medikamente.

„Nach Berücksichtigung und Angleichung all dieser Einflussfaktoren hatten wir einen Effekt der Langzeiteinnahme von Vitamin B6 und B12, der nur noch wenig durch potenzielle Störgrößen beeinträchtigt war“, so Brasky.

Warum sind Frauen weniger betroffen?

Die Forscher wollen sich nun mit der verblüffenden Tatsache beschäftigen, dass dieser Zusammenhang nur bei Männern beobachtet wurde und nicht bei  Frauen, die doch mit 44% der Gesamtstudienpopulation einen beachtlichen Anteil ausmachten.

„Männer und Frauen sind unterschiedlich anfällig für tabakinduzierten Lungenkrebs, und die Einnahme hochdosierter Vitamin-B6- und -B12-Präparate könnte ein schnelleres Zellwachstum fördern und die Karzinogenese in den bereits mutierten Zellen rauchender Männer noch verstärken“, schrieben sie in der Diskussion zur Studie.

Der Androgen-Signalweg reguliert Schlüsselenzyme des Ein-Kohlenhydrat-Stoffwechsels (eines Stoffwechselweges, der für die DNA- und RNA-Synthese bedeutsam ist). Deshalb könnte der höhere Androgenspiegel oder die höhere Androgenaktivität bei Männern den Effekt der beiden Vitamine verstärken.

Derzeit läuft eine weitere Studie, die diese Beobachtungen bei Männern bestätigen soll und die zeigen soll, ob es vielleicht auch bei postmenopausalen Frauen einen solchen Zusammenhang gibt.

Verbraucherwarnung

„Die Hälfte der US-amerikanischen Bevölkerung konsumiert eines oder mehrere Nahrungsergänzungsmittel“, geben die Wissenschaftler in ihrem Kommentar zu bedenken.

„In unserer Studie fand sich ein erhöhtes Lungenkrebsrisiko bei Konsumenten hochdosierter Vitamin-B6- und -B12-Präparate, insbesondere bei rauchenden Männern“, fassen sie ihre Erkenntnisse zusammen.

 
Patienten müssen sich vermutlich keine Sorgen machen. Dr. Jennie Jackson
 

„Betrachtet man das im Zusammenhang mit früheren Studiendaten, die eine Steigerung des Lungenkrebsrisikos auch bei anderen Vitaminpräparaten gezeigt hatten, so folgt daraus, dass man keine hochdosierten Vitamin-B6- oder Vitamin-B12-Präparate zur Lungenkrebsprävention einnehmen sollte, sondern dass diese stattdessen sogar das Risiko bei Männern erhöhen können“, warnen sie.

Der Council for Responsible Nutrition (CRN), eine 1973 gegründete Vereinigung der Hersteller von Nahrungsergänzungsmitteln und Functional Food in den USA, hat schnell auf die Schlagzeilen reagiert, die einen schädlichen Einfluss von Vitaminsupplementen nahelegten. Denn die Studie hatte in der Publikumspresse weite Verbreitung und ein großes Echo gefunden, und auch CNN hatte darüber berichtet.

„Wir ermahnen die Verbraucher, der Versuchung zu widerstehen, sich durch die Schlagzeilen der Sensationspresse in ihrem Vitamin-B-Konsum beeinflussen zu lassen“, so der Kommentar der Handelsorganisation. Zugleich betonten sie die „gut belegten“ Vorteile der B-Vitamine, etwa die Verbesserung von Kognition, Herzgesundheit und Energie.

Die Vereinigung kritisierte, dass es eine bedeutende Schwachstelle der Studie sei, sich auf die Angaben in Fragebögen der Studienteilnehmer zu verlassen. Zudem stünden die Ergebnisse der Studie „im Widerspruch zu den Ergebnissen früherer Studien, einschließlich einer randomisierten, kontrollierten Studie, sowie zweier Studien, in denen erhöhte Vitamin-B6-Spiegel mit einem verringerten Lungenkrebsrisikos assoziiert waren.“

„Wahrscheinlich kein Grund zur Sorge“

Mit Bezug auf die Ergebnisse der aktuellen Studie erklärte Dr. Jennie Jackson, Dozentin für Humanernährung und Diätetik an der Glasgow Caledonian Universität in Großbritannien, dass Patienten „sich vermutlich keine Sorgen machen müssen.“ Sie schrieb dazu ein Posting in ihrem Blog  auf The Conversation, einer Website, die mit „akademischer Sorgfalt und journalistischem Gespür“ wirbt und die von mehreren Wohlfahrtsorganisationen und 65 britischen Universitäten begründet wurde.

Jackson betonte, dass dies eine Beobachtungsstudie war, und dass sie daher „keinen ursächlichen Zusammenhang beweisen kann. Für das Krebsrisiko können noch ganz andere Faktoren eine Rolle spielen, die irgendwie mit der Supplementeinnahme zusammenfallen.“ Und weiter: „Obwohl die Forscher ihr Bestes gegeben haben, um bekannte Einflussfaktoren des Krebsrisikos zu berücksichtigen, etwa das Alter und die Anamnese der Teilnehmer hinsichtlich Lungenerkrankungen, könnte es noch andere, bislang unentdeckte Einflussgrößen geben.“

„Um zu beweisen, dass diese Vitamine direkt für Krebserkrankungen verantwortlich sind, würde man ein experimentelles Studiendesign benötigen, etwa eine randomisierte, kontrollierte klinische Studie“, stellte sie klar. „Und wenn stark überhöhte Dosen einzelner Vitaminpräparate mit B6 und B12 tatsächlich Krebs fördern sollten, so wäre dies nicht das erste Mal, dass Überdosierungen einen schädlichen Einfluss haben.“

Nahrungsbestandteile, die in alltäglichen Nahrungsmitteln zur Krebsprävention beitragen, könnten als aufgereinigte, konzentrierte Supplemente womöglich Schaden anrichten.

Als ein bekanntes Beispiel nannte sie Beta-Carotin, das in vielen Obst- und Gemüsesorten enthalten ist: „Viel Beta-Carotin-haltiges Obst und Gemüse zu essen, hilft bei der Krebsvorbeugung, aber eine hochdosierte Einnahme von Beta-Carotin-Supplementen ist mit einem Anstieg von Lungenkrebs bei Rauchern assoziiert.“


Dieser Artikel wurde von Simone Reisdorf aus www.medscape.com übersetzt und adaptiert.



REFERENZEN:


1. Brasky TM, et al: JCO 2017 (online) 22. August 2017

Kommentar

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