Das Opioid im Badezimmer-Schrank – US-Review sieht hohes Missbrauchsrisiko durch Opioide, die nach OP übrig bleiben

Julia Rommelfanger

Interessenkonflikte

28. August 2017

Erneut belegt ein Review den sorglosen Umgang von Patienten und auch Ärzten in den USA mit Opioid-Analgetika: Mehr als 2 Drittel aller Amerikaner, die nach einer Operation ein Rezept für opioide Schmerzmittel erhalten, nehmen die Tabletten selbst nicht ein. Der daraus resultierende Überschuss, gepaart mit unsachgemäßer Lagerung und Entsorgung sind Teil der Opioid-Krise in den USA, stellte eine US-Forschergruppe fest, die 6 Studien zur Überversorgung mit Opioid-Analgetika nach Operationen ausgewertet hat [1].

„Postoperativ verschriebene Opioide werden häufig nicht eingenommen, offen zugänglich gelagert und selten entsorgt. Das stellt ein immenses Reservoir an Opioiden für den nicht-medizinischen Gebrauch dar“, schreibt Dr. Mark C. Bicket von der Johns Hopkins University School of Medicine, Baltimore, USA, in JAMA Surgery.  

„Eine exzellente Studie, die wiederum zeigt, dass das Opioid-Problem gigantisch ist“, kommentiert Prof. Dr. Michael Zenz, Emeritus der Klinik für Anästhesiologie, Intensiv-, Palliativ- und Schmerzmedizin der Berufsgenossenschaftlichen Universitätsklinik Bergmannsheil Bochum, im Gespräch mit Medscape. Allerdings beschränke sich das Problem weitgehend auf den amerikanischen Markt, fügt er an. „In dieser Hinsicht sind Deutschland und die USA noch zwei verschiedene Welten.“

Experte: US-Ärzte verordnen viel zu viele Opioide  

Das Opioid-Problem hat in den USA inzwischen epidemische Dimensionen erreicht, wie Medscape berichtete . „Das resultiert vorwiegend aus dem Verschreibungsverhalten der Ärzte dort“, erklärt Zenz, der 1990 die erste deutsche Studie zu Opioiden bei Nicht-Tumorschmerz veröffentlicht hat. Vor allem würden zu große Packungsgrößen verordnet. Im Jahr 2015 wurden so viele Opioide verschrieben, dass jeder Amerikaner für 3 Wochen damit behandelt werden kann.

 
Postoperativ verschriebene Opioide werden oft nicht eingenommen, frei zugänglich gelagert und selten entsorgt. Sie sind ein großes Reservoir für den nicht-medizinischen Gebrauch. Dr. Mark C. Bicket
 

Geschätzte 3,8 Millionen Amerikaner nehmen monatlich Opioide für nicht-medizinische Zwecke ein; mehr als die Hälfte von ihnen erhielt die Drogen von einem Freund oder Verwandten, laut Informationen der Nationalen Studie zu Gesundheit und Drogenkonsum aus dem Jahr 2015.

In Deutschland sei die Verschreibungspraxis (noch) anders, bemerkt Zenz. „Klinikärzte verordnen den Patienten nach Operationen meist so wenig, dass die Entsorgung nicht zum Problem wird.“ Andererseits, räumt der Schmerztherapie-Experte ein, verändere sich auch hierzulande der Markt des Missbrauchs, weg von illegalen Drogen wie Heroin, hin zu zugelassenen Medikamenten wie dem Opioid Oxycodon.

Um die Zahl der nach Operationen verschriebenen, aber nicht von den Patienten zur Schmerzbehandlung eingenommenen Opioide genauer zu beziffern, haben Bicket und Kollegen 6 Studien in einem Review zusammengefasst. Die Studien haben an insgesamt 810 Patienten prospektiv eine Überversorgung mit Opioiden nach Operationen untersucht.

Jedem Patient wurde nach einer von 7 unterschiedlichen Operationen – darunter Thoraxchirurgie, sowie orthopädische, gynäkologische (Kaiserschnitt), urologische und allgemeine chirurgische Eingriffe – mindestens ein Rezept für Opioid-Analgetika ausgestellt. Das Follow-up lag bei maximal 5 Wochen.

Bevorratung ebnet Weg für Missbrauch

Die Nicht-Einnahme der Opioide war nach allen Eingriffen weit verbreitet, stellte die Studiengruppe fest. In den unterschiedlichen Studien gaben zwischen 67 und 92% der chirurgischen Patienten an, ihre Opioid-Analgetika nicht eingenommen zu haben, meistens, weil sie bereits schmerzfrei waren (71 bis 83%). Das Auftreten von oder Bedenken hinsichtlich Nebenwirkungen führten 16 bis 29% für die Nichteinnahme an.

Insgesamt wurden je nach Studie zwischen 42 und 71% der Tabletten postoperativ nicht benutzt. „Oft werden übrig gebliebene Tabletten einfach in der Familie zum nächsten weitergereicht und führen sehr schnell zur Abhängigkeit“, weiß Zenz. Besonders schnell wirksame Präparate wie Oxycodon, die im ZNS schnell anfluten, haben ein hohes und schnelles Suchtpotenzial, erklärt er. 

 
Eine exzellente Studie, die wiederum zeigt, dass das Opioid-Problem (in den USA) gigantisch ist. Prof. Dr. Michael Zens
 

Hinzu kommt: Selten werden die Tabletten weggeschlossen, geschweige denn vernünftig entsorgt, stellt das Autorenteam fest. In den beiden Studien, in denen Patienten zur Aufbewahrung und Entsorgung der Tabletten befragt wurden, gaben 73 bis 77% an, diese nicht in einem abgeschlossenen Medizinschrank oder einer verschlossenen Schublade, sondern unverschlossen aufzubewahren. „Sichere Aufbewahrung mindert die Gefahr, dass Familienmitglieder oder Mitbewohner, Jugendliche etwa, die besonders gefährdet sind, an die Medikamente gelangen und sie zu nicht-medizinischen Zwecken missbrauchen“, schreiben Bicket und Kollegen.

Die wenigsten Patienten (4 bis 30%) haben ihre nicht genutzten Tabletten entsorgt oder planten dies zu tun. Diese Bevorratung trage in hohem Maße zum Opioid-Problem in den USA bei, warnen die Forscher. In keiner der Studien hatten mehr als 9% ihre Opioide so entsorgt, wie es die Arzneimittelbehörde FDA (Food and Drug Administration) empfehlt, sprich, die Tabletten zurück zur Apotheke oder zu einem Medikamente-Rückhol-Programm zu bringen, oder sie übers Waschbecken oder die Toilette zu entsorgen. Von letztere Methoden rät das Bundesgesundheitsministerium aus Gründen des Umweltschutzes ab. Stattdessen sollten Arzneimittel hierzulande besser im Hausmüll entsorgt werden.

„Davon abgesehen werden teure Arzneimittel, die die Kasse schon bezahlt hat, einfach vernichtet“, bemerkt Zenz. Eine Möglichkeit gegen diese Verschwendung sei die Abgabe in einem Hospiz. Das funktioniere jedoch nur regional und unter Einbeziehung des Arztes, der das Präparat verschrieben habe. Denn Verbleib und Bestand von Betäubungsmitteln müssten ja laut Betäubungsmittel-Verschreibungsordnung „lückenlos nachgewiesen” werden.

 
Oft werden übrig gebliebene Tabletten in der Familie zum nächsten weitergereicht und führen sehr schnell zur Abhängigkeit. Prof. Dr. Michael Zens
 

US-Forscher: Verschreibungspraxis muss sich ändern

„Ärzten ist vielleicht gar nicht bewusst, wie häufig Opioide nicht eingenommen werden“, schreiben Bicket und Kollegen. Daher empfehlen sie, die Verschreibung dieser Schmerzmittel stärker zu kontrollieren. Das heiße jedoch nicht, die Menge der Opioid-Tabletten nach invasiven Eingriffen im Sinne einer „Einheitsgrößen-Taktik“ generell zu beschränken. Sonst bestünde das Risiko, Schmerzen nicht adäquat zu behandeln. Einzelne Staaten hätten bereits Kontrollprogramme für verschreibungspflichtige Medikamente installiert, deren Nutzen aber noch zu evaluieren sei.

Nicht-opioide Analgetika und nicht-pharmakologische Verfahren wie Bewegung, Wärme- und Kältetherapie zur Schmerzlinderung seien zudem Alternativen, auf die auch in Leitlinien hingewiesen wird, resümieren die Autoren.



REFERENZEN:

1. Bicket MC, et al: JAMA Surg (online) 2. August 2017

Kommentar

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