WHO-Bericht: Deutschland liegt bei Maßnahmen gegen Alkohol weit hinten, Ärzte fordern restriktivere Gesetze

Susanne Rytina

Interessenkonflikte

16. August 2017

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) stellt Deutschland in Sachen Maßnahmen und Gesetzgebung gegen schädlichen Alkoholkonsum ein schlechtes Zeugnis aus: Der neue Bericht „Policy in action. A tool for measuring alcohol policy“ zeigt, dass Deutschland europaweit häufig hintere Ränge belegt, wenn es etwa darum geht, Alkohol entsprechend teuer zu machen oder seine ständige Verfügbarkeit einzuschränken [1].

„Der Bericht macht deutlich, dass die deutsche Politik dringend Maßnahmen gegen den hohen Alkoholkonsum ergreifen muss“, reagiert der Sprecher der Deutschen Allianz Nichtübertragbarer Krankheiten (DANK), Dr. Dietrich Garlichs, in einer Pressemitteilung.

„Deutschland setzt zu wenig auf gesetzgeberische Maßnahmen gegen den schädlichen Alkoholkonsum, um die Folgeerkrankungen und die Kosten für die Gesellschaft zu reduzieren“, schließt sich auch Dr. Ute Mons, Leiterin der Stabstelle Krebsprävention am Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) in Heidelberg, der Kritik an. Das DKFZ ist ebenfalls Mitglied in der DANK, einem Zusammenschluss von 20 medizinischen Fachgesellschaften.

Rund 7,2 Millionen Menschen in Deutschland hätten einen riskanten Alkoholkonsum, die Krankheitslast sei enorm, betont Mons. „An den Folgen sterben schätzungsweise 74.000 Menschen im Jahr. Alkoholische Lebererkrankungen, Krebs, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Unfälle aufgrund von übermäßigem Alkoholkonsum kosten das Gesundheitssystem und die Volkswirtschaft aufgrund von Produktivitätsausfällen nach Schätzungen ungefähr 40 Milliarden Euro jedes Jahr.“

Auch die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS), eine Plattform für Vereine der Suchtkrankenhilfe, bemängelt die eher zurückhaltende Politik in Deutschland: „Alkohol hat bei uns eine sehr starke Lobby, in der Wirtschaft und in der Politik. Hier wird zu wenig auf wirksame Maßnahmen gepocht“, so die stellvertretende DHS-Leiterin Christina Rummel gegenüber Medscape.

 
Der Bericht macht deutlich, dass die deutsche Politik dringend Maßnahmen gegen den hohen Alkoholkonsum ergreifen muss. Dr. Dietrich Garlichs
 

Deutschland liegt bei Maßnahmen gegen Alkoholmissbrauch hinten

Da Europa laut WHO-Bericht den höchsten Alkoholkonsum und die höchste damit zusammenhängende Krankheitslast in der Welt hat, stimmten schon im Jahr 2011 insgesamt 53 europäische Länder dem WHO-Aktionsplan „European action plan to reduce harmful use of alcohol (EAPA) 2012-2020“ zu.

Schon der OECD-Bericht 2015 fiel schlecht für Deutschland aus: Wir gehören mit einem Mittelwert von 11 Litern reinen Alkohols pro Kopf im Jahr zu den Ländern mit dem höchsten Verbrauch (globaler Durchschnitt 6,2 Liter). „Politische Maßnahmen gegen Alkoholmissbrauch könnten in Deutschland jährlich mehr als 44.000 Leben retten“, lautete damals das OECD-Fazit.

Ziel des WHO-Planes ist es, dass die Länder durch konkrete Maßnahmen die Probleme verringern, die durch zu hohen Alkoholkonsum entstehen. Doch was tun die europäischen Staaten wirklich dagegen? Dies hat die WHO jetzt anhand von verschiedenen Indikatoren überprüft.

Deutschland liegt hier beim Ranking im Vergleich der Länder häufig hinten:

  • Restriktionen bei der Verfügbarkeit von Alkohol: letzter Platz von 30 Ländern (etwa durch einen limitierten Zugang im Handel, zeitliche und örtliche Restriktionen, Verkaufseinschränkungen oder Altersbeschränkungen),

  • Maßnahmen gegen Alkohol am Steuer: 26. Platz von 30 Ländern (etwa bei Promillegrenzen oder Kontrollen im Straßenverkehr),

  • Politik, Sensibilisierung und Engagement des Staates: 23. Platz von 29 Ländern (zum Beispiel Kampagnen oder adäquat finanzierte Initiativen),

  • Prävention innerhalb der Kommunen und am Arbeitsplatz: vorletzter Platz von 29 Ländern (zum Beispiel regionale Programme zur Aufklärung in den Kommunen, Betrieben und Schulen),

  • Monitoring und Surveillance (zum Beispiel durch nationale Studien): Platz 23 von 30,

  • Maßnahmen gegen illegalen Handel und Herstellung von Alkohol: Platz 52 von 53 Ländern (etwa bei Versiegelung der Produkte oder Gesetzgebung).


Lediglich im Mittelfeld liegt Deutschland bei:

  • Restriktionen für das Marketing für alkoholische Getränke, zum Beispiel Verbote von Alkoholwerbungen und Produktplatzierungen, Restriktionen der Werbung der Hersteller, Händler und Gastronomen (12 von 30),

  • Verringerung von negativen Folgen des Trinkens und Alkoholintoxikationen, etwa durch Schulungen des Ausschankpersonals, Gesundheitswarnungen auf den Labels (Rang 15 von 31).


Alkohol immer und billig verfügbar

Suchtexpertin Rummel sieht die Kernforderung der Deutschen Fachstelle für Suchtfragen, Alkohol zu verteuern, seit Jahren nicht umgesetzt: „In Deutschland ist Alkohol spottbillig und sogar kompatibel mit dem Taschengeld. Für wenige Euro bekommt man in jedem Supermarkt eine Flasche Wodka.“ Es sei längst an der Zeit, die breite Verfügbarkeit von Alkohol in Deutschland einzuschränken. „Überall ist Alkohol bei uns zu jeder Uhrzeit verfügbar. Auch nachts kann man ihn an fast jeder Tankstelle besorgen. Eine Ausnahme ist hier noch Baden-Württemberg, wo ein nächtliches Verkaufsverbot eingeführt wurde, was aber leider wieder abgeschafft werden soll,“ moniert Rummel.

 
In Deutschland ist Alkohol spottbillig und sogar kompatibel mit dem Taschengeld. Christina Rummel
 

Auch das Schalten von Alkohol-Werbung sollte ihrer Meinung in verschiedenen Medien reguliert werden. „Die hohe Präsenz von Alkohol in der Werbung zeigt, dass der Konsum bei uns als völlig normal angesehen wird“, meint sie. Alkohol sei voll akzeptiert in unserer Gesellschaft; bei jeder Gelegenheit, werde mit einem „Gläschen“ Sekt oder einem Feierabend-Bier angestoßen, so die DHS-Suchtexpertin.

Auch Mons (DKFZ und DANK) hält es für längst überfällig, Alkohol höher zu besteuern oder die Preise nach dem Alkoholgehalt der Getränke zu staffeln. „Die schädlichen Folgen von Alkohol werden bei uns zu wenig wahrgenommen, während im Bereich Tabak bereits ein Umdenken stattgefunden hat“, kritisiert sie. Das Rauchen ist mittlerweile erst ab 18 Jahren gestattet. Alkohol darf aber mit Ausnahme vom Branntwein, der erst ab 18 Jahren erlaubt ist, schon ab 16 Jahren konsumiert werden. Alkohol sollte jedoch erst ab 18 Jahren freigegeben werden, fordern DANK und DHS.

Sind höhere Steuern eine Lösung?

Für die Sprecherin der Drogenbeauftragten der Bundesregierung, Saskia Solar, ist jedoch keine einfache Lösung in Sicht. Es müsse z.B. umfassend geprüft werden, wie sich höhere Alkoholsteuern auswirkten, zumal höhere Steuern nicht unbedingt höhere Preise im Einzelhandel nach sich ziehen würden, so Solar gegenüber Medscape. Auch hätte die 2004 eingeführten Alkopopsteuer gezeigt, dass die Konsumenten auf andere alkoholische Getränke oder das Selbstmischen ausgewichen seien.

Höhere Alkoholsteuern hätten zudem auch mögliche unerwünschte Folgen, z.B. die illegale Herstellung von Alkohol, den Alkoholschmuggel und den Kauf von Alkoholika durch Privatpersonen in anderen EU-Mitgliedstaaten.

Schwerpunkt Prävention

Trotz des schlechten Abschneidens von Deutschland im WHO-Bericht hebt die Sprecherin der Drogenbeauftragten die Erfolge der deutschen Politik im Präventionsbereich hervor. So sei im vergangenen Jahr das Präventionsgesetz in Kraft getreten, in der die betriebliche Gesundheitsvorsorge gestärkt werde. Auch seien Erfolge der Alkohol-Prävention für die Zielgruppe Kinder, Jugendlichen und junge Erwachsenen zu verbuchen, nicht zuletzt aufgrund der Präventionskampagnen der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA).

Insgesamt gehe der regelmäßige Alkoholkonsum in Deutschland kontinuierlich zurück, betont Solar und zitiert aus Statistiken und Umfragen: In allen Altersgruppen werde seltener Alkohol konsumiert: In der Altersgruppe der 18- bis 25-Jährigen tranken 2016 nur noch 30,7% regelmäßig Alkohol, im Vergleich zu fast 70% im Jahr 1970. Auch die Zahl der Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die aufgrund von Alkoholintoxikationen ins Krankenhaus eingeliefert werden, sei seit 2013 wieder rückläufig, so die Sprecherin.

Allerdings sei in der Altersgruppe der 45- bis 55-jährigen die Anzahl derjenigen, die aufgrund Alkoholintoxikationen ins Krankenhaus kommen, unverändert hoch, wendet DHS-Suchtexpertin Rummel ein. Der hohe Alkoholkonsum bei Erwachsenen werde leider von der Politik eher ausgeblendet, kritisiert sie.

 
Die hohe Präsenz von Alkohol in der Werbung zeigt, dass der Konsum bei uns als völlig normal angesehen wird. Christina Rummel
 

Obwohl der WHO-Bericht Deutschland ein eher schlechtes Zeugnis im Bereich von Präventionsprogrammen am Arbeitsplatz ausstellt, hat Rummel jedoch den Eindruck, dass die Gesundheitsförderung am Arbeitsplatz in den letzten Jahren deutlich zugenommen hat: So interessierten sich auch immer mehr Unternehmen etwa für eine Teilnahme bei der regelmäßig stattfindenden Aktionswochen Alkohol, betont sie.

Bei dieser Präventionskampagne unter DHS-Trägerschaft nehmen Selbsthilfegruppen, Beratungsstellen, Fachkliniken der Suchtprävention, Ärzte, Apotheker und Bürger in Vereinen, Kirchen und Betriebe teil und bieten eigene Veranstaltungen an. Früher hätten viele Betriebe zwar Interesse bekundet, scheuten sich aber, dass ihr Name im öffentlich einsehbaren Online-Terminkalender erwähnt wird, was letztlich die Bedingung für die Teilnahme an der Aktionswoche ist. Dies habe sich nun geändert, freut sich Rummel.

„Es gibt sehr gute verhaltenspräventive Maßnahmen in Deutschland, aber die politischen Verhältnisse müssen auch verändert werden“, betont sie abschließend und unterstreicht die Forderung nach stärkerer staatlicher Reglementierung von Alkohol.



REFERENZEN:

1. WHO-Bericht: Policy in Action. A tool for measuring alcohol policy implementation, 2017

Kommentar

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