Tumortherapie „alternativ“ statt konventionell: In punkto Prognose keine gute Entscheidung – mit einer Ausnahme

Nick Mulcahy

Interessenkonflikte

16. August 2017

Es ist zwar selten, aber es kommt vor: Ein Patient mit einer behandelbaren Krebserkrankung lehnt die konventionelle Medizin ab und entschließt sich gleich von Anfang an, nur alternative Behandlungen in Anspruch zu nehmen. Krebsforscher der Yale University School of Medicine in New Haven, USA, zeigen nun, dass diese Entscheidung mit einem um das 2,5-Fache höheren Sterberisiko assoziiert ist als eine schulmedizinische Krebstherapie. Die Studie wurde am im Journal of the National Cancer Institute publiziert [1].

Das Team um Dr. Skyler Johnson vom Department of Therapeutic Radiology der Yale School of Medicine, New Haven, USA, musste Einträge aus 10 Jahren (2004-2013) in der National Cancer Database durchforsten, um 280 Krebspatienten im Frühstadium (Brust-, Prostata-, Lungen- oder Darmkrebs) zu finden, deren Behandlung mit dem Code „andere/unbewiesene Krebsbehandlung durch nicht-medizinisches Personal“ versehen war.

Johnson definiert Alternativmedizin so: „Es handelt sich dabei um Therapien von unbewiesener Wirksamkeit, die anstelle von Standardtherapien verabreicht werden. Bei Krebserkrankungen können dies Kräuter/botanische Wirkstoffe, Vitamine und Mineralien, Homöopathie und Naturheilkunde, spezielle Diäten, Gebete, Meditation, Akupunktur sowie chiropraktische oder osteopathische Techniken sein.“

Die Gruppe von Patienten, die nur alternative Therapien erhalten hatten, wurde dann mit 560 Patienten gematcht, die die gleichen Krebserkrankungen gehabt hatten und konventionell mit Bestrahlung, Chemotherapie, Operation oder Hormontherapie behandelt worden waren.

Anstieg des Sterberisikos bei fast allen Krebsarten

Die Wissenschaftler, die die statistischen Analysen getrennt nach Krebsart durchführten, berichten, dass die Alternativmedizin – im Vergleich zur konventionellen Behandlung – mit einem Anstieg des Sterberisikos bei Brustkrebspatientinnen um fast das 6-Fache assoziiert gewesen sei. Bei Darmkrebspatienten stieg das Risiko zu sterben bei alleiniger Alternativbehandlung um das 4,5-Fache und bei Lungenkrebspatienten um das 2-Fache.

Die alternativmedizinische Behandlung war zudem mit einer signifikant schlechteren 5-Jahre-Überlebensrate assoziiert als die konventionelle Therapie: Brustkrebs 58,1% versus 86,6% (p < 0,001), Lungenkrebs 19,9% versus 41,3% (p < 0,001) und Darmkrebs 32,7% versus 79,4% (p < 0,001). Median wurden die Patienten 66 Monate nachbeobachtet.

Auffällig war, dass die Alternativmedizin in der 4. untersuchten Untergruppe, nämlich bei den Prostatakrebspatienten, keinen Nachteil darstellte. Sie war im Vergleich zur konventionellen Behandlung nicht mit einem signifikant erhöhten Sterberisiko assoziiert. Und die 5-Jahres-Überlebesrate war ähnlich (86,2% vs 91,5%; p = 0,36). Doch die Wissenschaftler hatten das schon kommen sehen: „Dieses Ergebnis kommt nicht unerwartet angesichts der langsamen natürlichen Progression von Prostatakarzinomen und der kurzen medianen Nachbeobachtung.“

Warum verweigern Patienten Schulmedizin?

Johnson ist sich recht sicher, dass es seinem Team gelungen ist, aus der Datenbank tatsächlich Patienten herauszufiltern, die ausschließlich auf alternative Behandlungsstrategien gesetzt haben. Der Datenbank-Code für Alternativmedizin sei „seltsam spezifisch“, sagt er. Er unterscheide sich außerdem von den Codes, die für Patienten verwendet werden, die keine Therapie erhalten oder eine Therapie verweigert haben.

 
Fakten sind weit weniger einflussreich als das Vertrauen und der Respekt zwischen Arzt und Patienten. Dr. Skyler Johnson
 

Die Studienautoren betonen, dass viele Krebspatienten zusätzlich zur konventionellen Krebstherapie alternative Methoden in Anspruch nähmen, doch über die Patienten, die sich nur alternativ behandeln lassen, sei wenig bekannt. Im Vergleich zu Patienten, die sich konventionell behandeln ließen, waren Patienten, die ganz auf Alternativmedizin setzten, jünger und häufig Brustkrebspatientinnen. Sie hatten weniger Begleiterkrankungen und ein höheres Krebsstadium, verdienten mehr und waren gebildeter.

Johnson rät Ärzten, Patienten, die zögerlich erscheinen, mit der Behandlung zu beginnen, auszuhorchen. „Möglicherweise denken sie gerade darüber nach, eine unbewiesene Therapie auszuprobieren, von der sie im Internet gelesen haben oder die ihnen von Freunden oder Familie zugetragen wurde“, sagt er.

Auf Patienten, bei denen gerade eine Krebserkrankung diagnostiziert wurde, prasseln „große Mengen an Informationen nieder, und einige davon sind falsch. Es ist alles nicht leicht“, ergänzt er.

Vertrauen aufbauen und Patienten aufklären

Johnson empfiehlt, ein Vertrauensverhältnis aufzubauen. „Fakten sind weit weniger einflussreich als das Vertrauen und der Respekt zwischen Arzt und Patienten“, sagt er.

Dr. Paula H. Finestone von der Division of Psychiatry am Fox Chase Cancer Center, Philadelphia, USA, bestätigte, wie wichtig für Krebspatienten im Therapieentscheidungsprozess Unterstützung und Beratung seien. „Trotz der gewaltigen Fortschritte bei Diagnose und Therapie von Krebserkrankungen in den letzten 20 Jahren löst es bei den Patienten noch immer große Angst aus, wenn sie das erste Mal die Worte ‚Sie haben Krebs‘ hören“, sagt Finestone, die selbst nicht an der Studie beteiligt war.

„Ich sehe selten Patienten, die nach alternativen Therapiemethoden für ihre Krebserkrankung Ausschau halten“, erklärt Finestone im Gespräch mit Medscape. Fox Chase sei ein konventionelles Krebstherapiezentrum und ziehe dementsprechend Patienten an. Doch es gebe Patienten, die Verwandte oder Freunde haben, die „schlimme Erfahrungen“ mit der konventionellen Krebstherapie gemacht hätten und „die Vorteile ‚ganz natürlicher‘ Behandlungsmethoden“ ins Gespräch brächten, sagt sie.

Finestone klärt ihre Patienten dann auf. Sie weist z.B. darauf hin, dass sowohl Vincristin als auch Paclitaxel pflanzenbasierte konventionelle Therapeutika sind. Doch hauptsächlich weist sie ihre Patienten darauf hin, dass die schlechten Erfahrungen von Freunden oder Familienangehörigen „Einzelerfahrungen sind und dass sich konventionelle Krebstherapien in den letzten 20 Jahren drastisch weiterentwickelt haben“.


Dieser Artikel wurde von Nadine Eckert aus www.medscape.com übersetzt und adaptiert.



REFERENZEN:

1. Johnson SB, et al: Journal of the National Cancer Institute (online) 10. August 2017

Kommentar

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