Neue EBM-Ziffern zur Versorgung Sterbender – kommt es zum Streit um die Palliativpatienten?

aktualisiert

Christian Beneker

Interessenkonflikte

16. August 2017

 

Hausarztverband sieht Betreuung durch vertrauten Hausarzt am Lebensende gefährdet

Ulrich Weigelt, Bundesvorsitzender des Deutschen Hausärzteverbandes, fordert in seinem offenen Brief nachdrücklich dazu auf, die gefällten Beschlüsse zu überdenken. Die geforderten Nachweise von Zusatzqualifikationen für die Abrechnung hausärztlicher Leistungen im Bereich der Palliativmedizin seien „realitätsfremd“, beklagt er.
„Die hier beschlossenen Regelungen sind nichts anderes als eine systematische und intendierte Ausgrenzung der Hausärztinnen und Hausärzte aus der palliativmedizinischen Versorgung. Den Patienten wird die notwendige und bewährte Betreuung durch ihren/ihre vertraute/n Hausarzt/Hausärztin erschwert.“

Dies stelle nicht nur eine Missachtung der hausärztlichen Kompetenzen dar, sondern schade der Qualität der Patientenversorgung und fördere die weitere Zersplitterung der ohnehin schon chaotischen Versorgungsstrukturen im kollektivvertraglichen Bereich.

Als Folge der Beschlüsse befürchtet Weigelt, dass hochbetagte und/oder schwerstkranke Patienten in ihrer letzten Lebensphase nicht von ihrem vertrauten Hausarzt versorgt werden können, sondern im Zweifel verschiedene Gebietsfachärzte konsultieren müssen. „Es ist nicht nachvollziehbar, weswegen hier bewährte Versorgungsstrukturen aufgebrochen und in diesem Zuge die häufig Jahrzehnte andauernden Beziehungen zwischen Patienten und ihren Hausärztinnen und Hausärzten gefährdet werden“, so Weigelt.


Bekommt die spezialisierte ambulante Palliativversorgung (SAPV) Konkurrenz? Palliativmediziner begrüßen zwar die neuen EBM-Abrechnungsziffern zur Versorgung Sterbender. Zugleich fürchten sie, dass statt der gewünschten Kooperation, etwa von Hausärzten und SAPV-Teams, ein Streit um die Patienten beginnt. „Wir befürchten, dass die neuen EBM-Ziffern auch dort bei Patienten abgerechnet werden, die durch SAPV-Teams besser versorgt wären“, sagt Prof. Dr. Lukas Radbruch, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin (DGP) zu Medscape.

Ende Juli hat der Bewertungsausschuss aus Krankenkassen und Kassenärztlicher Bundesvereinigung (KBV) die Vergütung der besonders qualifizierten und koordinierten palliativmedizinischen Versorgung festgelegt [1]. Sie soll Haus- und Fachärzten mehr Geld einbringen, wenn sie ihre sterbenden Patienten versorgen. Anfang des Jahres hatten die KBV und der GKV-Spitzenverband eine entsprechende Vereinbarung als Anlage 30 zum Bundesmantelvertrag-Ärzte geschlossen.

 
Wir befürchten, dass die neuen EBM-Ziffern auch dort bei Patienten abgerechnet werden, die durch SAPV-Teams besser versorgt wären. Prof. Dr. Lukas Radbruch
 

Wer die Leistungen abrechnen will, muss allerdings eine Reihe von Voraussetzungen erfüllen: eine mindestens 2-wöchige Hospitation, z.B. in einem SAPV-Team. Außerdem wird vorausgesetzt, dass im Laufe der vergangenen 3 Jahre mindestens 15 Sterbende betreut wurden. Vor allem verlangt die Regelung einen 40-stündigen Weiterbildungskurs nach dem Musterkursbuch der Bundesärztekammer. Bereits absolvierte Fortbildungen, etwa der „geriatrischen Grundversorgung“ oder der „speziellen Schmerztherapie“, können angerechnet werden.

Die neuen Leistungen

Insgesamt werden 8 Leistungen neu honoriert. Sie werden zum 1. Oktober 2017 im Abschnitt 37.3 in den Leistungskatalog aufgenommen und damit noch in diesem Jahr abrechnungsfähig:

  1. die Palliativmedizinische Ersterhebung mit 41,28 Euro (GOP 37300: 392 Punkte),

  2. die Koordination palliativmedizinischer und pflegerischer Leistungen vor allem in Zusammenarbeit mit Hospizen, SAPV-Teams und Palliativdiensten mit einem Zuschlag auf die Grundpauschale von 28,96 Euro (GOP 37302: 275 Punkte),

  3. 150,05 Euro (GOP 37317/ 1425 Punkte) als einmalige Vergütung für die Rufbereitschaft,

  4. Längere Telefonate etwa mit den Angehörigen oder dem Bereitschaftsdienst mit 22,43 Euro (GOP 37318: 213 Punkte),

  5. Zuschlag zum Hausbesuch oder Mitbesuch von 13,05 Euro (GOP 37305: 124 Punkte),

  6. Zuschlag zu einem dringenden Hausbesuch von 13,05 Euro (GOP 37306/124 Punkte).

  7. Zuschläge zu den Besuchen sowie Fallkonferenzen von 6,74 Euro (GOP 37320, 64 Punkte).

  8. Konsiliarärztliche Pauschale von 11,16 Euro (GOP 37314: 106 Punkte).

Nach Ansicht von Cora Schulze, der stellvertretenden Geschäftsführerin des Palliativ-Care- Teams Ostfriesland in Leer, profitieren bei der Neuregelung vor allem alte moribunde Patienten, die im Heim leben. Sie können im Sterbeprozess vom Haus- oder Facharzt bisher nur unter größeren Schwierigkeiten versorgt werden. „Denn die Hausärzte sind knapp und diese Patienten können aus dem Pflegeheim nicht mehr in die Praxen kommen.“ Die Folge, wenn kein Hausarzt greifbar ist: Die Sterbenskranken kommen bei Krisen ins Krankenhaus. Und die Pflegenden sind machtlos.

 
Die Pflegenden im Heim dürfen nicht einmal Paracetamol ohne ärztliche Anweisung verordnen. Cora Schulze
 

„Die Pflegenden im Heim dürfen nicht einmal Paracetamol ohne ärztliche Anweisung verordnen“, sagt Schulze. Hier greift die Neuregelung ein. Der behandelnde Arzt kann für seinen sterbenden Heimpatienten über die neue Koordinationsziffer einen Therapieplan und Notfallplan erstellen, das regelt die Anlage 30. So können die Pflegenden, etwa im Falle von Luftnot oder Schmerzen beim Patienten, auf diesen Plan zurückgreifen und selbstständig handeln. „Wenn die Pflegenden einen Fahrplan haben, müssen die Patienten nicht ins Krankenhaus“, sagt Schulze.

Streit um die Sterbenden?

Die Anlage 30 fordert Netzwerkarbeit, also die Kooperation der besonders qualifizierten und koordinierten palliativmedizinischen Versorger mit den SAPV-Teams, den Hospizen und Pflegeheimen. Aber mit den SAPV-Teams könnte es Probleme geben. Sie sind zuständig für den relativ kleinen Teil der besonders schwer zu versorgenden ambulanten Palliativpatienten. Die Frage ist, wie diese Patienten vom Palliativ-Klientel der Haus- und Fachärzte abzugrenzen sind.

Hausärzte hätten in der Regel viele der für die Abrechnung in Frage kommenden Patienten, meint Radbruch. „Das ist ein nennenswerter Posten“, sagt er. Die ausgelobten Honorare könnten sie nun dazu verlocken, über die neuen Ziffern auch solche Patienten versorgen zu wollen, die bei der SAPV viel besser aufgehoben wären.

Tatsächlich könnte es zur Konkurrenz um die Sterbenden kommen, weil Patienten der SAPV nicht mehr von Haus- und Fachärzten über die neuen Ziffern versorgt werden dürfen, wie die Anlage 30 ausdrücklich vermerkt – mit Ausnahme einer Leistung: der Beratung.

 
Bei der neuen Versorgung muss eine Qualitätskontrolle mit rein! Prof. Dr. Lukas Radbruch
 

Schulze fürchtet nun, dass die Haus- und Fachärzte bei manchem ihrer sterbenden Patienten so lange warten könnten, bis wirklich die SAPV nötig wird. „Dann müssten wir als Back-Up einspringen und z.B. wie ein Notdienst zum Patienten fahren. Aber dazu haben wir erstens keine Kapazitäten und zweitens dürfen ja nur die Beratungsleistungen der SAPV parallel zu den neuen Ziffern abgerechnet werden“, so Schulze. „Das würde die meisten SAPV-Teams nicht mitmachen.“

Palliativmediziner Radbruch sieht auch von Seiten der Kassen unter Umständen schwerere Zeiten auf die SAPV-Teams zukommen. „Der Medizinische Dienst der Krankenkassen könnte ganz genau hinsehen und fragen, warum anstelle der Versorgung nach EBM die teurere SAPV verschrieben wurde“, mutmaßt Radbruch. Um zu zeigen, welchen qualitativen Unterschied die SAPV zur neuen qualifizierten und koordinierten palliativmedizinischen Versorgung bietet, fordert Radbruch deshalb: „Bei der neuen Versorgung muss eine Qualitätskontrolle mit rein!“



REFERENZEN:

1. Kassenärztliche Bundesvereinigung: Pressemitteilung, 27. Juli 2017

Kommentar

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