Totgesagte leben länger – Was ist dran an der Diskussion um das Ende der elektronischen Gesundheitskarte nach der Wahl?

Christian Beneker

Interessenkonflikte

9. August 2017

Die elektronische Gesundheitskarte eGK steht vor dem Ende. Das hat zumindest die Süddeutsche Zeitung unter Berufung auf die Deutsche Presseagentur (dpa) berichtet [1]. Nach der Bundestagwahl gebe es Regierungspläne, die eGK für gescheitert zu erklären, das hätten hochrangige Vertreter von Kassen und Ärzteverbänden gesagt, heißt es.

Zwar widersprach das Bundesgesundheitsministerium (BMG) auf Anfrage vehement. Aber längst, so murrt manche Kassenärztliche Vereinigung (KV), basteln Krankenkassen an eigenen Lösungen etwa für eine elektronische Patientenakte.

„ ... schlicht falsch“

Mit scharfen Worten wehrte Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) den Bericht der Süddeutschen Zeitung ab. Die „Berichte entbehren jeder Grundlage. Sie sind schlicht falsch“, so Gröhe auf Nachfrage von Medscape.

Vielmehr habe die Bundesregierung mehr Schwung in der Digitalisierung des Gesundheitswesens gebracht. Davon müssten die Patienten nun endlich profitieren. „Alle Verantwortlichen sind aufgerufen, aktiv dafür zu sorgen, dass Krankenkassen, 200.000 Ärzte, 2.000 Krankenhäuser, 21.000 Apotheken und 2,3 Millionen weitere Beschäftigte im Gesundheitswesen sowie 70 Millionen gesetzlich Versicherte endlich über ein sicheres Netz Daten austauschen können“, sagte der Bundesgesundheitsminister.

Und weiter: „Digitale Insellösungen können keine Alternative zur sicheren Telematik-Infrastruktur darstellen. Es wäre unverantwortlich, wenn jetzt Einzelne versuchen würden, das gemeinsame Projekt zu blockieren.“

Die Berichte entbehren jeder Grundlage. Sie sind schlicht falsch. Hermann Gröhe

Manche Kassen und KVen haben das Vertrauen verloren

Eine für alles – die Karte soll eine Menge Funktionen vereinen: zum Beispiel das elektronische Rezept, die elektronische Patientenakte oder den elektronischen Medikationsplan. Aber seit mehr als 10 Jahren stockt der Einführungsprozess. Bis heute ist die Karte nicht viel mehr als ein elektronischer Versichertenausweis mit Bild. Projektkosten bisher: fast 1,7 Milliarden Euro.

Die Betreibergesellschaft gematik sollte die Gesundheitskarte eigentlich längst umgesetzt haben. Seit über 10 Jahren ist sie dabei, und im Frühsommer 2017 vermeldete sie auch wichtige Fortschritte bei der Auslieferung der technischen Geräte. Trotzdem hegen manche KVen und Kassen offenbar Zweifel an dem Projekt.

„Es gibt intelligentere Lösungen, als die eGK heute bietet“, sagt etwa Detlef Haffke, Sprecher der KV Niedersachsen (KVN). Ursprünglich sollte die eGK bereits im Jahr 2006 an den Start gehen. Wie schnell seither die Technik voranschreitet, zeigt die Entwicklung des Smartphones, die seit 2007 Fahrt aufnahm. Seither tragen Millionen von Krankenversicherten ihr universales Kommunikationsgerät in der Hosentasche. Wer jetzt auf die Einführung einer eGK von 2006 setze, „führt einen veralteten Standard ein“, so Haffke. „Das muss man kritisch sehen.“

Eine Technik, die die Kommunikation zwischen den Praxen erleichtert, würde man sich wünschen, sagt auch Bayerns KV-Chef Dr. Wolfgang Krombholz. Aber: „So wie sie im Augenblick läuft, sehnen wir uns nicht danach.“

Es gibt intelligentere Lösungen, als die eGK heute bietet. Detlef Haffke

Dennoch denke man etwa in der KVN nicht daran, die eGK sterben zu lassen. „Das E-Health Gesetz legt die Einführung der Telematik-Infrastruktur fest. Wir sind daran gebunden“, sagt KVN-Sprecher Haffke.

Krankenkassen suchen eigene Lösungen

Der Verband der Ersatzkassen (vdek) unterstützt zwar weiter die Einführung der eGK. Spekulationen über ein Ende der Karte hält die vdek-Vorstandsvorsitzende Ulrike Elsner für „kontraproduktiv“ und „an der Realität vorbei“ [2].

Aber der AOK Bundesverband und die Techniker Krankenkasse starten derzeit eigene Projekte. „Die Geschichte der eGK ist ein Trauerspiel – aber ein Scheitern wäre fatal“, schreibt der AOK-Bundesverband (AOK BV) an Medscape.

Aber Martin Litsch, Vorstandsvorsitzender des AOK-Bundesverbandes, sagte der Süddeutschen Zeitung auch: „Zentrale Lösungen funktionieren nicht mehr.“ Nun hat die AOK ein eigenes, dezentrales Produkt auf den Weg gebracht. „Die AOK-Gemeinschaft arbeitet an einem digitalen Gesundheitsnetzwerk“, teilt die Kasse mit. „Im ersten Schritt wird es die bereits angesprochene digitale Patientenakte geben. Auch die Daten aus Wearables und Apps sollen auf Wunsch einfließen können.“

Die Geschichte der eGK ist ein Trauerspiel – aber ein Scheitern wäre fatal. AOK-Bundesverband

Die Daten sollen dezentral gespeichert und Patienten Herren ihrer Daten werden. Man arbeite aber an keiner Insellösung, betont die AOK – wohl Richtung BMG. „Das Gesundheitsnetzwerk der AOK wird so konzipiert, dass es sich an zukünftige Lösungen andocken lässt.“

Auch bei der Techniker Krankenkasse (TK) glaube man nicht daran, dass die eGK nach der Bundestagswahl samt ihrer Funktionen eingestampft wird, sagt TK-Sprecherin Dorothee Meusch zu Medscape.

Gleichwohl baut auch die TK vor. Sie habe IBM bereits im Februar mit der Entwicklung einer eigenen elektronischen Patientenakte nach dem Vorbild Dänemarks beauftragt. „Wir wollen 2018 eine erste Version anbieten“, so Meusch. Auch die TK-Sprecherin beteuert: „Wir wollen keinen Insellösungen, sondern die Akte auch anderen Kassen anbieten, sonst können Versicherte ja nicht die Kasse wechseln.“

Man verstehe die Akte „nicht als ‚role model‘ für andere Anwendungen“, so Meusch. Sondern man achte „auf bedienbare Schnittstellen“. Will sagen: Die TK-Akte soll mit anderen, zukünftigen Lösungen vereinbar sein.

Unterdessen fordert Maria Klein-Schmeink, gesundheitspolitische Sprecherin der Fraktion der Grünen im Bundestag, mehr Politik. „Welche Konzeption wir bei der eGK verfolgen, ist politisch leider nirgends beschrieben“, sagt Klein-Schmeink zu Medscape. Das müsse nach der Wahl nachgeholt werden, unter anderem, um den Patienten größere Kontrollrechte über ihre Daten einzuräumen.

Wenn wir die Karte kippen, dann kommen Google und andere, die uns fertige Lösungen anbieten. Maria Klein-Schmeink

Aber die Karte als solche für gescheitert zu erklären, hält Klein-Schmeink für den falschen Weg. „Wenn wir die Karte kippen, dann kommen Google und andere, die uns fertige Lösungen anbieten. Das kann nicht das Ziel sein.“



REFERENZEN:

1. Süddeutsche Zeitung vom 6. August 2017: „Elektronische Gesundheitskarte offenbar vor dem Aus“

2. Pressemitteilung des Verbandes der Ersatzkassen vom 8. August 2017: „Die Ersatzkassen stehen zur elektronischen Gesundheitskarte“

Kommentar

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