Lieferengpässe und abgelehnte Erstattung durch die Kassen: Die Versorgung mit medizinischem Cannabis stockt

Christian Beneker

Interessenkonflikte

9. August 2017

Stockende Versorgung mit Cannabisblüten als Medikament: Entweder sei Cannabis nicht lieferbar, oder es sei lieferbar, werde aber nicht erstattet, erklärt der Deutsche Hanfverband. „Die Situation ist verfahren“, so Florian Rister, stellvertretender Geschäftsführer des Verbandes.

Bis zum März 2017 mussten sich z.B. Schmerzpatienten beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) per Sondererlaubnis genehmigen lassen, Cannabis aus therapeutischen Gründen zu konsumieren. Insgesamt wurden bis zu diesem Datum 1.061 Genehmigungen ausgesprochen: rund 57% an Schmerzpatienten, rund 14% an ADHS-Patienten und rund 10% an Patienten, die unter Spastiken leiden. Die übrigen Genehmigungen erhielten z.B. Patienten mit Depressionen (7%), Darmerkrankungen (3%) oder Epilepsie (2%). Das bestätigt Sabine Cibura, stellvertretende Pressesprecherin des BfArM.

Apotheken können nicht liefern, aber …

Im März 2017 kam dann das neue Cannabis-Gesetz. Nun können Ärzte ihren Patienten Cannabis verschreiben. Allerdings klagten rasch viele Patienten über Versorgungsprobleme in den Apotheken, berichtet Georg Wurth, Geschäftsführer des Deutschen Hanfverbands. Das verordnete Cannabis sei nicht verfügbar.

Nach Angaben des BfArM wird Cannabis derzeit aus Kanada und Holland eingeführt. „Wir bestätigen, dass es zu Engpässen kommt“, sagt Christian Splett, Sprecher der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA), zu Medscape. „Aber das bedeutet nicht automatisch eine medizinische Mangelversorgung der Patienten. Ärzte können alternativ andere Rezeptur-Arzneimittel mit Cannabis verordnen“, teilt die ABDA mit. In jeder Apotheke könnten mit den Wirkstoffen Dronabinol und Cannabidiol flüssige Rezeptur-Zubereitungen zum Einnehmen hergestellt werden, heißt es in einer Meldung des Deutschen Arzneimittel-Codex.

Dessen ungeachtet hat die sogenannte Cannabisagentur den Anbau und die Lieferung der Pflanze im April europaweit ausgeschrieben, um stets genug Cannabis zur Verfügung zu haben. Die Agentur arbeitet unter dem Dach des BfArM. Bis 2021 rechnet sie mit 5.500 Patienten, die Cannabis konsumieren werden. Diese Zahl sei viel zu gering angesetzt, meint jedoch Wurth vom Hanfverband. „Die 5.500 Patienten haben wir heute schon – da bin ich mir ganz sicher.“

 
Wir bestätigen, dass es zu Engpässen kommt. Christian Splett
 

Krankenkassen zahlen nur bei rund 50 Prozent der Anträge

Die Zahlen der Krankenkassen legen dies in der Tat nahe. Die Kassen haben das Recht, die Cannabis-Verschreibungen vor der Kostenerstattung zu prüfen. Das Ergebnis: Sie bezahlen nur etwa die Hälfte der Verschreibungen:

  • Bei der Barmer sind seit dem 10. März rund 1.400 Anträge auf Kostenerstattung eingegangen, davon sind etwa 750 genehmigt und 650 abgelehnt worden, erklärt die Krankenkasse auf Anfrage.

  • Die Techniker Krankenkasse teilt mit: „Bis Anfang Juli wurden von der TK 522 von 863 Anträgen auf Cannabis-Verordnung genehmigt.“

  • Von den rund 3.300 Anträgen, die bei der AOK eingegangen sind, wurden rund die Hälfte genehmigt, bestätigt die AOK.

„Die Indikation bzw. die Evidenzlage ist nicht allein entscheidend für eine Bewilligung“, erläutert Michael Bernatek, Pressereferent beim AOK-Bundesverband. „Neben dem Vorliegen einer schwerwiegenden Erkrankung müssen nach § 31 Absatz 6 SGB V weitere Voraussetzungen vorliegen, etwa ob Alternativtherapien ausgeschöpft worden sind. Die Genehmigung ist somit immer auf den vorliegenden Einzelfall abgestellt.“ Einige als nicht genehmigte Anfragen geführte Anträge seien tatsächlich noch offene und damit unentschiedene Verfahren, betonte Bernatek.

Wurth allerdings argwöhnt, dass die Kassen Geld sparen wollen und eben deshalb nur die Hälfte der Anträge genehmigen. „Bei uns kostet das Gramm Cannabis 23 bis 26 Euro. Das ist sehr teuer“, sagt Wurth. „Klar, dass die Kassen da Geld sparen wollen. In Holland bekommt man das Gramm schon für 6 bis 8 Euro.“ Vor allem für die vermutlich vielen Patienten, die ihr verschriebenes Cannabis nach Ablehnung durch die Kassen selbst bezahlen, dürften niedrigere Preise wichtig sein.

 
Die Indikation bzw. die Evidenzlage ist nicht allein entscheidend für eine Bewilligung. Michael Bernatek
 

Erstaunlich zudem: Viele Patienten, die bereits eine Sondergenehmigung des BfArM hatten, werden mit ihrem Anliegen von den Kassen gleichwohl abgelehnt. Die Linken im Bundestag haben das Problem aufgegriffen und dem Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) bereits im Juni einen offenen Brief geschrieben und zusätzlich beim Bundesgesundheitsministerium (BMG) angefragt, wie viele Sondergenehmigungen das BfArM überhaupt erteilt hat.

Aus der Antwort von Annette Widmann-Mauz, Staatssekretärin im BMG, auf die schriftliche Anfrage geht hervor, dass bis 18. Juli 2017 erst 390 der 1.061 berechtigen Patienten – wie vom BfArM erbeten – die erteilte Ausnahmeerlaubnis zurückgeschickt haben. Man muss also davon ausgehen, dass die Übrigen von den Kassen keine Genehmigung erhalten haben.

„Die geringe Quote an Rücksendungen ist ein Indiz dafür, dass das Gesetz nicht für alle funktioniert, obwohl es gerade für die Patienten mit einer Ausnahmegenehmigung gemacht wurde“, erklärt Frank Tempel, drogenpolitischer Sprecher und stellvertretender Vorsitzender der Fraktion der Linken im Bundestag.

BfArM erteilte Genehmigungen großzügiger

„Das BfArM hatte vor der neuen Gesetzgebung eine andere Grundlage für die Ausnahmegenehmigungen“, begründet Bernatek von der AOK die unterschiedliche Genehmigungspraxis. Und zwar eine ärztliche, muss man ergänzen.

 
Die geringe Quote an Rücksendungen ist ein Indiz dafür, dass das Gesetz nicht für alle funktioniert. Frank Tempel
 

Denn Maik Pommer, Sprecher des BfArM, sagt: „Wir haben uns bei den Genehmigungsverfahren auf die ärztliche Einschätzung gestützt, die die Patienten zusammen mit ihren Anträgen bei uns eingereicht haben. Die Genehmigungsquote betrug etwa 60 Prozent.“ Tendenziell hat das BfArM also großzügiger genehmigt als derzeit die Kassen. Allerdings verweist Pommer darauf, dass die Kassen heute ein ganz anderes Patientenklientel bedienen als vor der neuen Gesetzgebung das BfArM.

Wie dem auch sei. Bundesgesundheitsminister Gröhe hat den GKV-Spitzenverband (GKV-SV) damit beauftragt, „einen Bericht über die Versorgungssituation“ zu geben, wie Gröhe in seinem Antwortschreiben am 10. Juli an die Fraktion der Linken im Bundestag schrieb. Nach Angaben des GKV-SV ist der Bericht noch nicht fertig.

Kommentar

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