Statin-Nebenwirkungen: Wer die Therapie absetzt, steigert sein kardiovaskuläres Risiko

Dr. Susanne Heinzl

Interessenkonflikte

7. August 2017

Unter einer Therapie  mit Statinen klagen relativ viele Patienten über Nebenwirkungen: Doch wird die  Behandlung beendet, kann dies schwere Folgen haben – das kardiovaskuläre Risiko  steigt hierdurch wieder an. Dies ist das Ergebnis einer retrospektiven  Kohortenstudie, die Dr. Huabing Zhang,  Abteilung für Endokrinologie, Peking Union Medical College Hospital, Peking,  und Kollegen an 2 Kliniken in Boston unternommen hat.

           

Prof. Dr. Steven Nissen

           

Patienten, die  innerhalb von 12 Monaten nach dem Auftreten einer Statin-bedingten Nebenwirkung  ihre Behandlung weiterführten, hatten danach innerhalb der nächsten 4 Jahre signifikant  um absolut 1,7% weniger kardiovaskuläre Ereignisse – wie Herzinfarkt,  Schlaganfall oder Tod – als Patienten, die die Statine absetzen (12,2% vs. 13,9%, p < 0,001), schreiben die Autoren in Annals of Internal Medicine [1].

„An dieser Studie  werden die Folgen der weit verbreiteten Leugnung der positiven Effekte einer  Statin-Therapie gut sichtbar“, kommentiert Prof.  Dr. Steven Nissen, Cleveland Clinic Ohio, im begleitenden Editorial [2].  Statine haben bekanntlich bei vielen Patienten einen schlechten Ruf. Nissen  führt dies vor allem darauf zurück, dass im Internet bizarre und unwissenschaftliche,  aber offenbar überzeugend klingende, Argumente gegen die Lipidsenker verbreitet  werden.

 
Wir verlieren den Kampf für die Herzen und Seelen unserer Patienten an Webseiten, die von Menschen mit wenig oder keiner wissenschaftlichen Expertise stammen. Prof. Dr. Steven Nissen
 

Ein zusätzliches Ereignis pro 59 Patienten, die ihre  Statintherapie absetzen

„Wir verlieren den Kampf für die  Herzen und Seelen unserer Patienten an Webseiten, die von Menschen mit wenig  oder keiner wissenschaftlichen Expertise stammen und die sich häufig für  ‚natürliche‘ oder ‚Arzneimittel-freie‘ Mittel zur Behandlung erhöhter  Cholesterinspiegel einsetzen“, so Nissen. Die Folgen für die Gesellschaft durch  diesen „Kult der Statin-Ablehnung“ hätten Zhang und Kollegen nun in ihrer  Arbeit dokumentiert. „Der Unterschied von 1,7 Prozentpunkten lässt sich in eine  Number-Needed-To-Harm von einem zusätzlichen Ereignis pro 59 Patienten, die  ihre Statintherapie abgesetzt haben, übersetzen.“

In der Studie wurden  retrospektiv die Daten von 28.266 Patienten analysiert, die zwischen den Jahren 2000 bis 2011 ein Statin verordnet bekommen und unter Nebenwirkungen gelitten  hatten, die in der Patientenaktie dokumentiert worden waren. Am häufigsten  waren Myalgie oder Myopathie sowie hepatobiliäre oder gastrointestinale  Störungen. Bei Auftreten der unerwünschten Wirkung:

  • brachen  8.277 Patienten die Behandlung ab,

  • setzten  19.989 Patienten (70,7%) aber ihre Behandlung fort,

  • von  diesen nahmen 12.385 Patienten (43,8%) dasselbe Statin weiter, 7.604 Patienten (26,9%) wechselten auf ein anderes Statin.

Die Nachbeobachtung  betrug im Durchschnitt 4,4 Jahre. Der zusammengesetzte primäre Endpunkt aus  Herzinfarkt, Schlaganfall oder Tod – trat bei 12,2% der Patienten ohne Absetzen  und bei 13,9% mit Absetzen des Lipidsenkers auf (p < 0,001). Nach 4 Jahren  waren bei weitergeführter Behandlung 5,4% der Patienten gestorben, in der  Absetzgruppe waren es 6,6% (p < 0,001). 7,6% mit weitergeführter und 8,5%  ohne Statin-Therapie hatten ein kardiovaskuläres Ereignis erlitten (p = 0,024).

 
Die Weiterführung der Statin-Behandlung nach einer Nebenwirkung dürfte aber nicht für jeden optimal sein. Dr. Huabing Zhang und Kollegen
 

„Die Weiterführung der Statin-Behandlung  nach einer Nebenwirkung dürfte aber nicht für jeden optimal sein“, räumen  die Autoren ein. Sie raten, Nutzen und Risiken der Therapie sowie Nutzen und  Risiken des Absetzens mit dem Patienten zu diskutieren.

Die Autoren weisen  außerdem darauf hin, dass in diese Studie nur Hochrisiko-Patienten aufgenommen worden  waren. Unklar sei, ob Patienten mit einem niedrigeren Risiko ebenfalls profitierten,  wenn die Therapie weitergeführt werde.

 
Das Absetzen einer Statintherapie hat schwere negative Folgen. Prof. Dr. Steven Nissen
 

Nissen sieht das  retrospektive Design der Studie ebenfalls als wichtige Limitation an. Dennoch  sei das Ergebnis überzeugend: „Das Absetzen einer Statintherapie hat schwere negative Folgen.“



REFERENZEN:

1. Zhang  H, et al: Ann Intern Med. (online) 25. Juli 2017

2. Nissen  SE: Ann Intern Med. (online) 25. Juli 2017

Kommentar

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