Depressive Junge – demente Alte? Besonders Depression in jungen Jahren ist mit erhöhtem Alzheimer-Risiko assoziiert

Pauline Anderson

Interessenkonflikte

1. August 2017

London – Eine Depression in jungen Jahren könnte das Risiko für eine spätere Alzheimer-Erkrankung nach oben treiben, so die Ergebnisse einer großen Längsschnittstudie. Es ist die erste Studie, die von einer solchen Assoziation berichtet. Die Studienergebnisse wurden bei der Alzheimer's Association International Conference (AAIC) 2017 in London vorgestellt [1].

Ein solcher Zusammenhang sei in früheren Studien nicht zu sehen gewesen, sagte Dr. Lena Johansson vom Institut für Neurowissenschaften und Physiologie der Sahlgrenska-Akademie an der Universität Göteborg, Schweden, gegenüber Medscape.

Mehrere Hypothesen

Zwar haben zahlreiche frühere Studien, systematische Reviews und Metaanalysen die Beziehung zwischen Demenz und Depression analysiert und fast alle diese Forschungsarbeiten haben gezeigt, dass das Demenzrisiko nach einer Depressionserkrankung ansteigt. Doch: „Die vorherigen Studien hatten kürzere Nachbeobachtungszeiträume und untersuchten vorwiegend ältere Populationen. Die Assoziationen zwischen Depression und Demenz könnte in diesen Fällen dem kognitiven Abbau und leichter kognitiver Beeinträchtigung geschuldet gewesen sein“, erklärte sie. Die neue Studie deute jedoch darauf hin, dass „Depression nicht die Folge einer beginnenden Demenz ist“, sagte Johansson.

Zur Erklärung des Zusammenhanges zwischen Depression und Demenz existieren laut ihren Angaben mehrere Hypothesen. Eine davon lautet, dass die Depression ein Prodromalstadium der Demenz sein könnte. Eine andere Hypothese geht davon aus, dass die beiden Erkrankungen eine gemeinsame Pathophysiologie haben.

Es sei auch möglich, dass die Depression eine psychologische Reaktion auf den kognitiven Abbau sei. Und wenn die Depression Einfluss auf die Konzentrationen von Stresshormonen und verschiedenen Neurotransmittern wie Serotonin, Dopamin und Glutamat habe, dann könnten diese das Gehirn schädigen und so das Risiko für Demenz erhöhen.

Studiendaten reichen bis zu 50 Jahre zurück

Für die aktuelle Studie verwendeten die Autoren Daten der Prospective Population Study of Women in Gothenburg, Schweden, die vor fast 50 Jahren begonnen hatte. Im Jahr 1968 bestand die Studienpopulation aus 800 Frauen, die zwischen 1914 und 1930 geboren worden waren (Durchschnittsalter 46 Jahre).

Im 1. Studieninterview wurden die Teilnehmerinnen gefragt, ob sie aktuell an einer Depression litten oder in der Vergangenheit schon einmal eine Depression hatten. Nachuntersuchungen fanden 1974, 1980, 1992, 2000, 2009 und 2012 statt. Auch während dieser Kontrolltermine wurden die Frauen nach Depressionen gefragt.

Zusätzlich fanden neuropsychiatrische Untersuchungen statt und die Wissenschaftler verwendeten Informationen aus Gesprächen mit Angehörigen, aus medizinischen Akten und aus dem Schwedischen Krankenhausentlassungsregister.

Zur Feststellung der Diagnose Depression und zur Ermittlung des Schweregrades – minor oder major – verwendeten die Wissenschaftler die Kriterien des Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders in der 3. Auflage (DSM-III). Etwa 67% der Studienteilnehmerinnen erfüllten zu einem oder mehreren Zeitpunkten die Kriterien für eine leichte oder eine Major Depression. Im Schnitt waren die Teilnehmerinnen bei der Diagnose einer ersten depressiven Episode 42 Jahre alt.

Zur Demenzdiagnose verwendeten die Wissenschaftler das DSM-III-R (inhaltlich revidierte Version des DSM-III). Anhand von Kriterien des Institute of Neurological and Communicative Disorders and Stroke und der Alzheimer's Disease and Related Disorders Association identifizierten die Wissenschaftler 133 Patientinnen, die eine Alzheimer-Erkrankung entwickelt hatten.

Es ist wahrscheinlich wichtig, schwere depressive Episoden zu vermeiden. Dr. Lena Johansson

Demenz-Risiko besonders hoch bei Depression vor dem 20. Lebensjahr

Im Vergleich zu Frauen ohne Depression in der Anamnese hatten Frauen, die im Laufe ihres Lebens an einer Depression erkrankten, ein erhöhtes Risiko für eine Alzheimer-Erkrankung (Hazard Ratio: 1,75; 95%-Konfidenzintervall: 1,15-2,66) nach Berücksichtigung von Alter, Bildungsstand, Hypertonie und APOE4-Genstatus. Für die Major Depression war die Assoziation stärker ausgeprägt als für die leichte Depression.

Verglichen mit Frauen ohne Depression erkrankten Frauen, die vor dem 20. Lebensjahr eine Depression entwickelten, später 3-mal häufiger an Alzheimer (adjustierte HR: 3,41; 95%-KI: 1,78-6,54).

Das Alzheimer-Risiko war auch bei Teilnehmerinnen erhöht, die zwischen 20 und 49 Jahren an einer Depression erkrankten (HR: 1,65). Lag der Beginn der Depression dagegen zwischen dem 50. und 69. Lebensjahr gab es keine Assoziation mit dem Alzheimer-Risiko (HR: 1,02). Ab dem 70. Lebensjahr stieg das Alzheimer-Risiko bei Depressionserkrankungen wieder an (HR: 2,11). Assoziationen zwischen Depression und vaskulärer Demenz oder anderen Demenzformen zeigten sich nicht.

Eine Limitation der Studie ist, dass sie keine Informationen zur Depressionstherapie enthält. „Deshalb wissen wir nicht, ob antidepressive Medikation oder Psychotherapie eine Rolle gespielt haben“, sagte Johansson. Doch da Major Depressionen in der Studie mit dem höchsten Demenzrisiko assoziiert gewesen seien, „ist es wahrscheinlich wichtig, schwere depressive Episoden zu vermeiden“, sagte sie. Eine weitere Limitation der Studie ist, dass die Wissenschaftler keine Informationen zur Zahl der depressiven Episoden hatten.

Die Botschaft: Depressionen ernst nehmen und behandeln

„Weitere Forschungsarbeiten sollten sich diese Dinge, aber auch Faktoren wie den sozioökonomischen Status, die körperliche Aktivität und die Einnahme von Medikamenten anschauen, um diese Assoziationen weiter zu entschlüsseln“, sagte Johansson.

Die wichtigste Botschaft der neuen Studie sei, dass Ärzte Depressionen als ernsthafte Erkrankungen ansehen und eine Therapie verschreiben sollten, darunter Gesprächstherapie und wenn notwendig Antidepressiva, ergänzte sie.

Es gebe keinen Grund anzunehmen, dass die Assoziation zwischen Depression und Demenz bei Männern in irgendeiner Form anders sein sollte, merkte Johansson an.

Nach der Präsentation der Studie bat ein Kongressteilnehmer Johansson, die hohe Depressionsprävalenz in der Studienpopulation – fast 70% – zu erklären. Sie betonte, dass es sich dabei um die Lebenszeitprävalenz von Depressionen handele und dass die Daten vergleichbar mit denen anderer epidemiologischer Forschungsarbeiten seien.

Ein anderer Kongressteilnehmer zeigte sich überrascht, dass sich in der Studie kein Zusammenhang zwischen Depression und vaskulärer Demenz gezeigt habe. Johansson meinte dazu, dass dies an methodischen Problemen gelegen haben könnte. Die Tatsache, dass nur wenige Teilnehmerinnen eine vaskuläre Demenz entwickelt hätten, habe die statistische Power verringert. „Möglicherweise haben Depressionen aber auch keinen so großen Effekt auf vaskuläre Faktoren wie auf das Gehirn“, sagte Johansson. „Weitere Studien müssen diese Assoziation näher analysieren.“


Dieser Artikel wurde von Nadine Eckert aus www.medscape.com übersetzt und adaptiert.



REFERENZEN:


1. Alzheimer's Association International Conference (AAIC) 2017, 16. bis 20. Juli 2017, London/Großbritannien

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