Botox gegen Migräne unter „Real-World“-Bedingungen: Wirksam und sicher, aber nicht jeder will es und nicht jedem hilft es

Pauline Anderson

Interessenkonflikte

25. Juli 2017

Amsterdam – Bei Patienten mit chronische Migräne ist Onabotulinumtoxin A auch unter „Real-World“-Bedingungen  wirksam und sicher, so das Ergebnis einer Studie, die beim Kongress der European Academy of Neurology (EAN) 2017 präsentiert worden ist. Allerdings beendete  fast ein Drittel der Patienten die Studie vorzeitig – über die Hälfte von ihnen  wegen mangelnder Wirksamkeit.

Onabotulinumtoxin A (Botox®,  Allergan) ist für die Therapie der chronischen Migräne  zugelassen. Zu dieser Indikation liegen Daten aus klinischen Studien vor. Zu  den Anwendungsmustern und zur Therapiesicherheit in der täglichen Praxis gebe es  jedoch bisher nur begrenzte Daten, so Dr. Manjit Matharu von der Kopfschmerz-Gruppe des Instituts für Neurologie am  National Hospital for Neurology and Neurosurgery, London, Großbritannien.

„Die Frage, die von den Regulierungsbehörden  gestellt wurde, war, welche Daten zum Gebrauch von Botulinumtoxin und seiner  Sicherheit unter realen Bedingungen vorliegen“, sagte er. „Es ging darum, diese Erfahrungen  den Daten aus klinischen Studien – die ja ein eher artifizielles Design haben –  gegenüberzustellen.“

Anwendung  bei chronischer Migräne standardisiert

An chronischer Migräne leiden weltweit etwa 1%  bis 2% der Erwachsenen. Sie beeinträchtigt die Lebensqualität erheblich. Das  empfohlene Therapieregime mit Botox® bei chronischer Migräne basiert auf 2 Multicenterstudien im Rahmen des PREEMPT(„Phase 3 Research Evaluating Migraine Prophylaxis Therapy“)-Studienprogramms. Jede  von ihnen umfasste eine 24-wöchige randomisierte doppelblinde Phase, gefolgt  von einer 32-wöchigen offenen Phase.

Das empfohlene Vorgehen umfasst:

  • 155 U Onabotulinumtoxin A,

  • mindestens 31 Injektionsstellen an 7 spezifischen Hals- und  Nackenmuskeln,

  • bis zu weitere 40 U gemäß dem Schmerzkontrollprotokoll (bis zu 195 U und 39 Stellen, gemäß der Entscheidung des Arztes)

  • Verwendung einer 30-Gauge-/0,5-Zoll-Nadel,

  • Wiederbehandlung alle 12 Wochen.


Real-World-Analyse

An der neuen prospektiven Beobachtungsstudie  nahmen 85 Ärzte aus 58 Zentren in Großbritannien, Deutschland und Schweden  teil, die vom Hersteller unterstützte Trainingseinheiten absolviert hatten.  Bedingung war, dass sie eine ausreichende Zahl erwachsener Patienten mit  chronischer Migräne hatten, die bereit waren, in den nächsten 3 bis 6 Monaten entsprechende  Injektionen zu erhalten und ihre Daten elektronisch dokumentierten zu lassen.

 
Es ging darum, diese Erfahrungen den Daten aus klinischen Studien – die ja ein eher artifizielles Design haben – gegenüberzustellen. Dr. Manjit Matharu
 

Die Forscher sammelten Behandlungsdaten über  bis zu 52 Wochen und Sicherheitsdaten über bis zu 64 Wochen. Die Analyse  schloss die Daten von 1.160 Patienten ein, die mindestens eine  Behandlungssitzung hatten. Ihr mittleres Alter lag bei 46,6 Jahren. 84,2% der  Studienteilnehmer waren Frauen.

Jeder 2. Patient bereits vorbehandelt

Die Patienten berichteten, dass sie vor  Therapiebeginn nur an durchschnittlich 7,7 Tagen pro Monat keine Kopfschmerzen  hatten. Etwa die Hälfte von ihnen (50,6%) hatten schon zuvor Botulinumtoxin  gegen ihre Migräne erhalten.

Die mediane Zahl an Injektionsstellen lag bei 31. Diese Zahl war über alle 5 Sitzungen ausgewogen und in allen Ländern ähnlich.  Das passe zu den Empfehlungen, so Matharu. Die mediane Dosis lag bei 155 U.  Matharu merkte an, dass es nur sehr wenige „Ausreißer“ gegeben habe. Dies gelte  ebenso für die Gesamtdosis – auch hier sei nur ein kleiner Anteil an Patienten „aus  dem empfohlenen Behandlungsschema herausgefallen“. Die meisten Patienten, etwa 75%, wurden mit der 0,5-Zoll-Nadel behandelt.

Keine  bisher unbekannten Nebenwirkungen

Bei den meisten Teilnehmern betrug die mittlere  Zeit zwischen den aufeinanderfolgenden Behandlungszyklen etwa 14 Wochen. Das  sei etwas länger als die empfohlenen 12 Wochen. „Schweden schnitt hier mit 12,6 Wochen sehr gut ab, während es in Großbritannien mit 15 Wochen etwas schlechter  lief“, berichtete Matharu. Insgesamt hätten die meisten Patienten die  empfohlene Behandlungszahl in der korrekten Dosis erhielten, ergänzte er.

Zur Therapiesicherheit: Behandlungsbezogene  unerwünschte Ereignisse wurden von 25% der Patienten berichtet. In Spanien  waren derartige Ereignisse mit 11,2% besonders selten und in Großbritannien mit 32,7% besonders häufig. „Es  wurden keine zuvor unbekannten Nebenwirkungen beobachtet und die  Nebenwirkungsraten waren in dem von uns erwarteten Bereich“, sagte  Matharu.

Es gab allerdings einige Unterschiede. So kam  z.B. Nackenschmerz – die häufigste unerwünschte Wirkung der Therapie – bei 4,4%  der Patienten in der aktuellen Studie vor, verglichen mit 7,7% in der  PREEMPT-Studie.

Die Zulassungsbehörden waren insbesondere an  4 möglichen Nebenwirkungen interessiert:

  • Schluckstörungen wurden von 0,3% der Patienten in der Studie  vermerkt, sie waren in allen Fällen selbstlimitierend und erforderten keine  Behandlung,

  • bei 4% verschlechterte sich die Migräne,

  • bei weiteren 0,4% blieb die Migräne therapieresistent und

  • bei 0,9% gab es Überempfindlichkeitsreaktionen. Dazu gehörten  vorübergehende Erytheme ebenso wie Jucken an der Injektionsstelle.

Matharu bemerkte,  dass die meisten Patienten, die solche Nebeneffekte erlebten, die Injektionen  trotzdem weiterhin erhalten wollten.

 
Es wurden keine zuvor unbekannten Nebenwirkungen beobachtet und die Nebenwirkungsraten waren in dem von uns erwarteten Bereich. Dr. Manjit Matharu
 

3 von 4  Patienten waren mit der Injektionstherapie zufrieden

Etwa 30% der Patienten verließen die Studie  vorzeitig. Dies geschah in mehr als der Hälfte der Fälle wegen mangelnder  Wirksamkeit und bei 4,4% wegen unerwünschter Wirkungen, weitere 2,9% konnten  nicht bis zum Studie nende nachverfolgt werden. Etwa 2,4% der Patienten  berichteten, dass die Behandlung zwar erfolgreich war, dass sie sie aber  trotzdem nicht fortsetzen wollten, weil der Kopfschmerz nur episodisch  aufgetreten sei und keiner weiteren Aufmerksamkeit bedürfe.

Alles in allem waren die meisten Patienten  (74,4%) mit der Behandlung zufrieden oder extrem zufrieden. „Diese Zahl könnte  allerdings einen Bias beinhalten“, räumte Matharu ein. „Man würde erwarten,  dass diejenigen, die die Therapie bereits zuvor erhalten haben und darauf  respondierten, diese dann auch gern fortsetzen.“ Tatsächlich waren in der  Subgruppe derjenigen, die schon mit Botulinumtoxin vorbehandelt waren, sogar 83% zufrieden.

„Interessanter ist die Gruppe der  therapie-naiven Patienten“, meinte Matharu. 65,1% der Patienten dieser  Subgruppe gaben an, dass sie mit der Behandlung zufrieden oder sehr zufrieden  waren. 12,9% des Gesamtkollektivs waren unzufrieden oder extrem unzufrieden und  12,7% waren weder zufrieden noch unzufrieden.


Dieser Artikel wurde von Simone Reisdorf aus www.medscape.com übersetzt und adaptiert.



REFERENZEN:

1. Kongress der  European Academy of Neurology (EAN), 24. bis 27. Juni 2017, Amsterdam/Niederlande

Kommentar

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