Mamma- und Ovarialkarzinom: Erstmals umfangreiche prospektive Daten zum Lebenszeitrisiko bei BRCA1/2-Mutationen

Dr. Susanne Heinzl

Interessenkonflikte

24. Juli 2017

Frauen mit Mutationen in den Genen BRCA1 (Breast Cancer) oder BRCA2 haben ein hohes Lebenszeitrisiko, an einem Mamma- oder Ovarialkarzinom zu erkranken. Dies ist schon länger bekannt, wurde jetzt aber erstmals anhand der Daten umfangreicher prospektiver Kohortenstudien errechnet. Die Ergebnisse wurden federführend von Dr. Karoline Kuchenbaecker, Wellcome Trust Sanger Institute, Universität von Cambridge, im Journal of the American Medical Association publiziert [1].

„Das kumulierte Risiko für ein Mammakarzinom bis zum Alter von 80 Jahren betrug 72% für BRCA1-Trägerinnen und 69% für BRCA2-Trägerinnen. … Das kumulierte Risiko für ein Ovarialkarzinom bis zum Alter von 80 Jahren lag bei 44% für BRCA1- und bei 17% für BRCA2-Trägerinnen“, so die Autoren.

Die Krebsrisiken unterschieden sich nach Krebserkrankungen in der Familienanamnese und Position der Mutationen. Dies weist nach Meinung der Autoren auf die Bedeutung der Familienanamnese und der Lokalisierung der Mutation in der Risikobeurteilung hin.

Bisher vorwiegend retrospektive Daten

Nach den Ergebnissen retrospektiver Studien beträgt das kumulierte Brustkrebsrisiko bei Frauen mit BRCA1-Mutation bis zum Alter von 70 Jahren 40 bis 87%, bei BRCA2-Mutation 27 bis 84%. Die entsprechenden Werte für das Ovarialkarzinom lagen in retrospektiven Untersuchungen bei 16 bis 68% bzw. 11 bis 30%.

Exakte Risikoberechnungen aus retrospektiven Untersuchungen sind kaum möglich und/oder werden durch zahlreiche Faktoren erschwert. Für präzise Aussagen sind prospektive Studien mit großen Kohorten erforderlich, in denen die Mutationsträger aufgrund ihres Mutationsstatus aufgenommen sind und über lange Zeit beobachtet werden.

Kuchenbaecker und ihre Kollegen verwendeten die Daten von Patientinnen aus 3 Konsortien, und zwar aus:

  • International BRCA1/2 Carrier Cohort Study (IBCCS): 7.666 Frauen,

  • Breast Cancer Family Registry (BCFR): 1.570 Frauen und

  • Kathleen Cuningham Foundation Consortium for Research Into Familial Breast Cancer (kConFab): 620 Frauen.

Untersucht wurde das Risiko, an Brustkrebs, an Ovarialkarzinom und an einem kontralateralen Brustkrebs zu erkranken. Die Brustkrebsanalyse basierte auf den Daten von 3.886 Frauen, die Ovarialkarzinom-Analyse auf den Daten von 5.066 Frauen und das Risiko für ein kontralaterales Mammakarzinom auf den Daten von 2.213 Frauen.

Unter den 9.856 erfassten Frauen waren 6.036 Trägerinnen von BRCA1-Mutionen und 3.820 Trägerinnen von BRCA2-Mutationen. Die mittlere Nachbeobachtungszeit beträgt mittlerweile 5 Jahre. In dieser Zeit erkrankten 426 Frauen an einem Mammakarzinom, 109 Frauen an einem Ovarialkarzinom und 245 an einem kontralateralen Brustkrebs.

 
Das kumulierte Risiko für ein Mammakarzinom bis zum Alter von 80 Jahren betrug 72% für BRCA1-Trägerinnen und 69% für BRCA2-Trägerinnen. Dr. Karoline Kuchenbaecker und Kollegen
 

Familiäre Belastung und Lokalisation der Mutation von Bedeutung

Das kumulierte Risiko, bis zum Alter von 80 Jahren an einem Mammakarzinom zu erkranken, lag:

  • bei BRCA1-Trägerinnen bei 72% (95%-KI: 65 bis 79%) und

  • bei BRCA2-Trägerinnen bei 69% (95%-KI: 61 bis 77%).

Die Inzidenz des Mammakarzinoms stieg bei BRCA1-Mutation rasch bis zum Alter von 30 bis 40 Jahren, bei BRCA2-Mutation bis zum Alter von 40 bis 50 Jahren. Die Inzidenz blieb dann in beiden Gruppen bis zum Alter von 80 Jahren mit 20 bis 30/1.000 Personenjahren konstant.

Das kumulierte Risiko für ein Ovarialkarzinom bis zum Alter von 80 Jahren betrug:

  • bei BRCA1-Trägerinnen 44% (95%-KI: 36 bis 53%) und

  • bei BRCA2-Trägerinnen 17% (95%-KI: 11 bis 25%).

Das kumulierte Risiko, 20 Jahre nach der Brustkrebsdiagnose an einem kontralateralen Mammakarzinom zu erkranken, betrug

  • bei BRCA1-Mutation 40% (95%-KI: 35 bis 45%) und

  • bei BRCA2-Mutation 26% (95%-KI: 20 bis 33%).

Das Brustkrebsrisiko nahm bei BRCA1- und BRCA2-Trägerinnen weiter zu, je mehr direkte Familienangehörige ebenfalls an einem Mammakarzinom erkrankt waren.

Das Brustkrebsrisiko war zudem um 46% höher, wenn die Mutation bei BRCA1 außerhalb des Bereichs c.2282 bis c.4071 lag. Es war bei BRCA2-Mutation um 93% höher, wenn die Mutation außerhalb von c.2831 bis c.6401 lag. „Diese prospektive Analyse validiert retrospektive Analysen; sie zeigt, dass das Krebsrisiko in Abhängigkeit von der Lokalisierung der Mutation auf den BRCA1- und BRCA2-Genen variiert“, so die Autoren.

Bei Betrachtung der Ergebnisse ist zu berücksichtigen, dass aus Mangel an Daten die Häufigkeit einer Hormontherapie nicht berücksichtigt wurde, die zu Prävention eines Mammakarzinoms eingesetzt worden war. Auch die Größe der Familie konnte nicht berücksichtigt werden, weil die Daten von nicht betroffenen Familienmitgliedern nicht systematisch erfasst wurden.



REFERENZEN:

1. Kuchenbaecker KB, et al: JAMA 2017;317:2402-2416

Kommentar

3090D553-9492-4563-8681-AD288FA52ACE
Wir bitten darum, Diskussionen höflich und sachlich zu halten. Beiträge werden vor der Veröffentlichung nicht überprüft, jedoch werden Kommentare, die unsere Community-Regeln verletzen, gelöscht.

wird bearbeitet....