Penicillin-Allergien bei Kindern sind fast immer eine Fehldiagnose – Fragebogen hilft, „falsche“ Allergien auszuschließen

Nicola M. Parry

Interessenkonflikte

14. Juli 2017

Eine neue Studie zeigt: Die meisten Kinder, die laut ihren Eltern schon einmal Symptome einer Penicillin-Allergie hatten, zeigen bei einem objektiven Allergietest negative Resultate. Dr. David Vyles vom Medical College in Wisconsin, Milwaukee, USA, und seine Kollegen publizierten die Resultate dieser Untersuchung in Pediatrics [1].

Die Studie ergab: Alle Kinder, deren Risiko für eine Penicillin-Allergie auf Basis eines Fragebogens aus pädiatrischen Notaufnahmen als „niedrig“ eingestuft werden konnte, hatten in der Tat negative Ergebnisse in einem Test auf Penicillin-Allergie.

„Die Mehrheit der Kinder nannte Rötungen und Jucken als Hauptsymptome ihrer Allergien, wie unsere Studie zeigt“, schreiben die Autoren. „In Übereinstimmung mit unserer Hypothese hatten alle Kinder, bei denen man anhand solcher Symptome ein niedriges Risiko für eine IgE-vermittelte Medikamenten-Hypersensitivität vermuten durfte, in einem dreistufigen Test auf Penicillin-Allergie auch tatsächlich negative Ergebnisse.“

Häufiges Problem in pädiatrischen Notaufnahmen

Die Penicillin-Allergie ist die am häufigsten berichtete Medikamenten-Allergie. Die Art, wie sie beschrieben wird, beeinflusst die Art, wie Ärzte die davon (vermeintlich) betroffenen Patienten behandeln. Obwohl die Eltern vieler Kinder, die in einer pädiatrischen Notaufnahme vorgestellt werden, von Medikamenten-Allergien berichten, deuten die beschriebenen Symptome aber meist nur auf ein geringes Risiko für eine echte allergische Reaktion hin, so die Studienautoren.

Weil die Ärzte in den pädiatrischen Notfallzentren jedoch eine tatsächliche Penicillin-Allergie nicht schnell und sicher ausschließen können, vermeiden sie trotzdem jegliche Penicillin-Gabe bei diesen Patienten. Wegen solcher Fehldiagnosen einer „Penicillin-Allergie“ erhalten viele Kinder nicht die benötigte, für sie optimale Antibiotikatherapie.

3-stufiger Allergietest zu aufwändig

Der Goldstandard für die Diagnose einer Penicillin-Allergie umfasst einen dreistufigen Test: Auf einen perkutanen Hauttest folgt ein noch sensitiverer Intrakutan-Test und schließlich eine orale Provokation. Aber dieser Prozess ist zeitraubend und kann schmerzhaft sein, räumen die Studienautoren ein.

Deshalb untersuchten die Autoren nun, ob eine Risikostratifizierung auf Basis eines Allergie-Fragebogens helfen kann, eine Niedrigrisiko-Population zu identifizieren – eine Population, die letztlich doch Penicillin tolerieren kann, ohne eine IgE-vermittelte allergische Reaktion zu erleiden.

Um bei denjenigen Kindern, auf welche die Niedrigrisiko-Kriterien zutrafen, das Vorliegen einer Penicillin-Allergie zu überprüfen, wendeten die Wissenschaftler den dreistufigen Standardtest an. Ihre Hypothese war, dass Kinder, deren Symptome von vornherein nur auf ein niedriges Allergierisiko hindeuten, bei einem Test auf IgE-vermittelte Penicillin-Hypersensitivität negativ abschneiden würden.

Allergie-Fragebogen hilft beim Vorsortieren

Die Forscher gaben den Allergie-Fragebogen denjenigen Eltern, die ihre Kinder in einer städtischen Kinder-Notaufnahme vorstellten und (auf Nachfrage) von Symptomen einer Penicillin-Allergie berichteten. Dieser Fragebogen beinhaltete verschiedene Aspekte:

  • angefangen vom Alter, in dem die Penicillin-Allergie des Kindes erstmals diagnostiziert worden war,

  • über die Fragen, welches Antibiotikum das Kind zu diesem Zeitpunkt wegen welcher Indikation erhalten hatte,

  • bis hin zu den anschließend aufgetretenen Symptomen, die eine Allergie vermuten ließen.

In die Studie gingen die Fragebögen der Eltern von 597 Kindern im Alter von 3,5 bis 18 Jahren ein. Die Forscher nutzten die Antworten, die ihnen von den Eltern zur Verfügung gestellt wurden, um das Risikolevel einer echten Penicillin-Allergie für jedes Kind zu kategorisieren. Sie bewerteten die geschilderten Reaktionen als „Niedrigrisiko“, wenn es unwahrscheinlich war, dass diese eine schwere IgE-vermittelte Reaktion oder einen T-Zell-getriggerten Prozess beinhalteten.

 
Die Anwendung dieses Fragebogens in der pädiatrischen Notaufnahme kann den vermehrten Gebrauch Penicillin-haltiger Erstlinien-Antibiotika dort erleichtern. Dr. David Vyles und Kollegen
 

Im Gegensatz dazu ordneten sie die Reaktionen als „Hochrisiko“ ein, wenn sie wahrscheinlich IgE-vermittelt waren (etwa bei respiratorischen oder kardiovaskulären Symptomen) oder T-Zell-getriggert waren (etwa bei bullöser Hautreaktion) – wenn sie also ein hohes Risiko für künftige klinisch relevante Reaktionen auf Penicillin bedeuten.

3 Viertel als „Niedrigrisiko” eingeordnet

Laut den Autoren hatten 434 Kinder (72,6%) Symptome, die für ein niedriges Risiko einer Penicillin-Allergie sprachen. 163 (27,3%) Kinder hatten mindestens ein Symptom, das zu einem hohen Risiko für eine Penicillin-Allergie passte.

Die Eltern von 352 Kindern (81,1%) mit Niedrigrisiko-Symptomen stimmten einem Test auf Penicillin-Allergie zu. Letztlich nahmen aus praktischen Gründen aber nur 100 Kinder (33,1%) am Allergietest teil. Die am häufigsten berichteten Symptome waren Hautrötung (97%) und Jucken 63%).

In 92% der Fälle merkten die Eltern an, dass ihr Hausarzt die Allergie diagnostiziert hatte. Die Forscher kontaktierten daraufhin alle 100 Hausärzte, um sich die Allergiesymptome der Kinder bestätigen zu lassen. Dabei stellte sich heraus, dass die Ärzte nur bei 14 Kindern die Allergiesymptome selbst beobachtet hatten. Alle anderen Fälle basierten ausschließlich auf dem, was die Eltern berichtet hatten.

Negative Allergietests

Die Forscher stellten fest, dass alle 100 Kinder (100%) nach einem oralen Provokationstest mit Penicillin ein negatives Ergebnis hatten. Nur 3 der getesteten Kinder zeigten überhaupt eine positive Reaktion beim Hauttest; bei allen 3 Kinder zeigte sich jedoch bei der anschließenden oralen Provokation ein negatives Ergebnis.

Vyles und seine Kollegen merken an, dass die Niedrigrisiko-Symptome der von Eltern oftmals berichteten „Penicillin-Allergien“ ohnehin nicht zu einer echten Medikamenten-Allergie passen.

Mehr Fragebögen, weniger Labor, weniger Zurückhaltung?

Da der Fragebogen Kinder mit niedrigem Risiko einer echten Penicillin-Allergie erfolgreich identifizieren konnte, heben die Autoren sein Potenzial als eine sichere Alternative zu dem zeitraubenden, teuren, labor-intensiven Penicillin-Hauttest in der Notaufnahme hervor. „Die Anwendung dieses Fragebogens in der pädiatrischen Notaufnahme kann den vermehrten Gebrauch Penicillin-haltiger Erstlinien-Antibiotika dort erleichtern“, folgern sie.


Dieser Artikel wurde von Simone Reisdorf aus www.medscape.com übersetzt und adaptiert.



REFERENZEN:

1. Vyles D, et al: Pediatrics (online) 3. Juli 2017

Kommentar

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