Schlaganfall-Reha zu Pferd: Selbst Jahre danach sind mit Reit- und Musiktherapie noch Besserungen zu erzielen

Nadine Eckert

Interessenkonflikte

29. Juni 2017

Eine Reit-  oder eine Musiktherapie kann auch Jahre nach einem Schlaganfall noch zu  relevanten Funktionsverbesserungen bei den Patienten führen. Eine randomisierte  Studie aus Schweden zeigt, dass sich durch das Reiten und die Musik sowohl die  Selbsteinschätzung der Patienten als auch objektive Parameter wie Griffstärke  und Gleichgewicht verbessern lassen.

           

Prof. Dr. Christian Grefkes

           

„Es gab lange Zeit die Ansicht – und viele Leute  vertreten diese heute noch –, dass man spätestens ein bis zwei Jahre nach einem  Schlaganfall nichts mehr erreichen kann“, berichtet Prof. Dr. Christian Grefkes im Gespräch mit Medscape. Der Neurologe an der Universitätsklinik Köln sowie Leiter  der Arbeitsgruppe „Rehabilitation kognitiver Störungen“ am Institut für  Neurowissenschaften und Medizin des Forschungszentrums Jülich weiter: „Diese Studie zeigt, dass  dem nicht so ist und auch  nach mehreren Jahren noch relevante Verbesserungen erzielt werden können –  insbesondere mit multimodalen Therapieverfahren, die mehrere Körpersinne  gleichzeitig ansprechen.“

Die Therapien  müssen „motivierend und umfassend“ sein und in einem „stimulierenden  körperlichen und sozialen Umfeld stattfinden, um die Gehirnaktivität und  Genesung zu fördern“, schreiben die Autoren um Dr. Lina Bunketorp-Käll vom Center for Brain Repair and Rehabilitation der  Universität Göteborg.

Reiten, Musik oder keine Therapie

Bunketorp-Käll  und ihre Kollegen untersuchten 123 schwedische Männer und Frauen im Alter von  50 bis 75 Jahren, die 10 Monate bis 5 Jahre zuvor einen Schlaganfall erlitten  hatten. Sie wurden randomisiert einer Musiktherapie, einer Reittherapie oder  der Kontrollgruppe ohne Therapie zugeteilt. Die Therapien fanden 12 Wochen lang  zweimal wöchentlich statt.

 
Diese Studie zeigt, dass … auch nach mehreren Jahren noch relevante Verbesserungen erzielt werden können – insbesondere mit multimodalen Therapieverfahren. Prof. Dr. Christian Grefkes
 

Als primären  Endpunkt wählten die Forscher die Selbsteinschätzung der Patienten. Auf einer  visuellen Analog-Skala von 0 (keine Verbesserung) bis 100 (vollständige  Genesung) mussten sie angeben, wie sie den Effekt der Therapien einschätzten. „Die  Eigenbeurteilung der Patienten ist ein Parameter, der in Wissenschaft und  Forschung immer mehr Beachtung findet“, sagt Grefkes. „Die Patienten  entscheiden dabei selbst, ob ihnen die Therapie etwas gebracht hat.“

Patienten spüren dauerhafte  Verbesserungen

Während in  der Kontrollgruppe nur 17% der Patienten nach Ablauf der 12 Wochen eine  Verbesserung angaben, waren es in der Gruppe mit Reittherapie 56% und in der  Gruppe mit Musiktherapie 38%. Der Effekt der Therapien erwies sich zudem als  anhaltend: „Auch 3 Monate sowie 6 Monate nach Therapieende war die  Eigeneinschätzung der Patienten weiterhin verbessert“, schreiben die  Wissenschaftler um Bunketorp-Käll.

Bei der  Reittherapie bewegen sich die Patienten in einer multisensorischen Umgebung. Die  dreidimensionalen Bewegungen des Pferderückens schaffen zudem eine sensorisches  Erlebnis, dass dem menschlichen Gang ähnelt und so dem Schlaganfall-Patienten  zugutekommt.

Bei der  Musiktherapie hören die Patienten Musik, während sie rhythmische, kognitiv  anspruchsvolle Hand- und Fußbewegungen auf visuelle und auditorische Reize hin  ausführen.

Verbesserung objektiver Parameter

Die  Wissenschaftler stellten fest, dass die beiden Therapieverfahren auch die  objektiven, sekundären Endpunkte der Studie verbesserten: Auch das  Gleichgewicht beim Gehen, die Griffstärke und kognitive Parameter wie das  Arbeitsgedächtnis hatten sich in den beiden Therapiegruppen verbessert.

 
Am weitaus effektivsten war die Reittherapie und damit das zeitlich aufwendigere Therapieverfahren. Prof. Dr. Christian Grefkes
 

„Am weitaus effektivsten war die  Reittherapie und damit das zeitlich aufwendigere Therapieverfahren“, so  Grefkes. „Jedoch stellt sich auch die kritische Frage, wie spezifisch das  Reiten die Verbesserungen hervorgerufen hat, und in wieweit die intensivere  Zuwendung, die die Patienten im Therapiezeitraum erfahren haben, ebenfalls zum  Therapieerfolg beigetragen hat.“

Psychologischer Effekt durch  vermehrte Zuwendung?

Üblicherweise  erhalten Patienten nach einem Schlaganfall nur in der subakuten Phase, also den  ersten Wochen nach dem Ereignis, eine rehabilitative Maßnahme. „Nach Abschluss der Therapiemaßnahmen in der  Rehaklinik fallen Patienten mit weiterhin bestehenden Defiziten nicht selten in  ein therapeutisches Loch“, berichtet Grefkes. „Danach gibt es kaum einen  systematischen Reha-Plan. Viele Patienten erhalten auch keine Krankengymnastik  mehr und können sich durch die Inaktivität leider auch wieder verschlechtern. Heute  wissen wir, dass ein  dauerhaftes, in der Regel lebenslanges Training nötig ist, damit  Schlaganfall-Patienten mit körperlichen Einschränkungen das für sie bestmögliche  Funktionsniveau erreichen.“

Grefkes schließt nicht aus, dass die  Therapiemaßnahmen in der Studie einen starken psychologischen Effekt gehabt  haben könnten, insbesondere weil der Therapieeffekt gegen eine Gruppe von  Patienten getestet wurde, die keine Therapien erhalten haben. „Allerdings  können eine vermehrte Zuwendung und dadurch entstehende psychologische Effekte  für Patienten ebenso wichtig sein wie objektiv messbare  Funktionsverbesserungen“, betont er.

„Das patientenzentrierte Vorgehen der Studie mit  der Eigeneinschätzung als primärem Endpunkt macht den Wert der Studie aus, kann  aber auch als Kritikpunkt gesehen werden, vor allem weil die Kontrollgruppe  keine Therapie erhalten hat“, so Grefkes. Auch war die Studie nicht geeignet,  um Unterschiede zwischen der Reit- und Musiktherapie aufzudecken.

„Am Ende muss der Nutzen dieser Therapieverfahren  klar in Beziehung gesetzt werden zu dem Aufwand und den Kosten, die vor allem  bei der Reittherapie nicht unerheblich sind“, gibt Grefkes zu bedenken.  Letztlich zeige die Studie erfolgversprechende Therapieverfahren auf, die aber  noch in einer deutlich größeren randomisierten Studie bestätigt werden müssten.

 
Es ist ein dauerhaftes, in der Regel lebenslanges Training nötig, damit Schlaganfall-Patienten … das für sie bestmögliche Funktionsniveau erreichen. Prof. Dr. Christian Grefkes
 

Therapien auch für Patienten mit leichterem Behinderungsgrad?

Interessant wäre zudem, in weitere Studien auch  Patienten mit geringerem Behinderungsgrad aufzunehmen, betont Grefkes. Die  Patienten in der Studie von Bunketorp-Käll und ihren Kollegen  wiesen einen Behinderungsgrad von 2 bis 3 auf der modifizierten Rankin-Skala  auf, waren also „schwerer betroffen“, so Grefkes.

Leicht betroffene Patienten,  die nur geringe Einschränkungen haben, wurden nicht untersucht. Doch  wahrscheinlich würden diese ebenfalls profitieren, denn, so Grefkes, „wir  wissen aus früheren Untersuchungen, dass die funktionelle Reserve des Gehirnes  eine wichtige Rolle spielt für den Wiedergewinn von motorischen und kognitiven  Fähigkeiten. Und sie ist bei Patienten mit kleinen Schlaganfallschädigungen in  der Regel besser ausgeprägt als bei Patienten mit einem schweren Schlaganfall.“



REFERENZEN:

1. Bunketorp-Käll L, et al:  Stroke 2017;48:1916-1924

Kommentar

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