Depression in jungen Jahren ist offenbar kein Demenz-Risiko – im Alter aber schon

27. Juni 2017

Wer im frühen oder mittleren Lebensalter an Depressionen erkrankt, hat im Alter kein erhöhtes Risiko, demenzkrank zu werden. Das ist das Ergebnis einer Arbeit der Epidemiologin Dr. Archana Singh-Manoux vom Hopital Paul Brousse in Villejuif Cedex, Frankreich, die jetzt in JAMA Psychiatry erschienen ist [1]. Wer dagegen im Alter erst Depressionen entwickelt, der bekommt auch häufiger eine Demenz. Unklar ist, ob die Depression hier Vorbote oder Begleiterscheinung der Demenz ist. Die Studie liefert auch Anhaltspunkte dafür, dass Depressionen und Demenz eine gemeinsame biologische Ursache haben.

„Die Ergebnisse der Studie, die Zahl der eingeschlossenen Probanden und die Länge der Studiendauer über 28 Jahre sind eindrucksvoll. Beruhigend an den Ergebnissen ist, dass weder Depressionen in jungen Jahren noch die Häufigkeit von depressiven Episoden einen Risikofaktor für eine spätere Demenz darstellen“, betont Prof. Dr. Vjera Holthoff-Detto, Chefärztin der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik am Berliner Alexianer Krankenhaus Hedwigshöhe.

„Die Arbeit von Singh-Manoux zeigt, dass Depression kein direkter Risikofaktor für eine spätere Demenz ist. Das ist eine gute Nachricht speziell für Patienten, die in jungen oder mittleren Jahren wiederholt an depressiven Episoden erkranken oder deren Depression chronisch wird“, sagt auch Prof. Dr. Richard Dodel, Lehrstuhlinhaber für Geriatrie am Universitätsklinikum in Essen. „Eine weitere Studie, die dieses Ergebnis bestätigt, wäre jedoch wünschenswert. Bis dahin sollte man mit der Einschätzung vorsichtig sein“, fügt er hinzu.

Denn ob eine Depression ein Vorbote für eine Demenz sein könnte oder ob es sich beim gehäuften Auftreten von Depressionen und Demenz um eine Wechselbeziehung ohne kausalen Zusammenhang handelt, das wird noch immer diskutiert. „Was wir nicht wissen, ist ja: Was passiert, wenn ich einen 55-jährigen depressiven Patienten intensiv behandle? Verhindert eine solche Therapie dann auch eine Demenz?“, gibt Dodel zu bedenken.

Unterschiede in der Früh-und der Spätphase der Studie

Singh-Manoux und Kollegen hatten die Daten von 10.189 Probanden ausgewertet, die 1985 im Alter von 35 bis 55 Jahren für die Whitehall II Kohorte rekrutiert worden waren. Das Follow-up endete 2015. Die finale Datenanalyse fand von Oktober bis Dezember 2016 statt. Während des Follow ups wurde die mentale Gesundheit der Probanden zwischen 1985 und 2012 mehrmals mittels einer Kurzform des General Health Questionnaire (GHQ-30) erfragt. Zwischen 1985 und 2015 fanden sich dabei 322 Fälle von Demenz. 6.838 der 10.189 eingeschlossenen Patienten waren Männer (67%).

Teilnehmer, die schon in jungen Jahren depressive Symptome hatten (erfasst im Jahr 1985 – mittleres Follow up 27 Jahre), war in der Cox-Regression das Demenzrisiko nicht signifikant erhöht (Hazard Ratio: 1,21; 95%-KI: 0,95-1,54). Bei Probanden, die erst 2003 (also in der späteren Studienphase) depressive Symptomen aufwiesen (mittleres Follow up 11 Jahre) sah das anders aus: Ihr Risiko war signifikant erhöht (HR: 1,72, 95%-KI: 1,21-2,44).

Auch bei wiederkehrenden depressiven Episoden oder chronischen Depressionen waren die Ergebnisse ähnlich.Traten diese bei Probanden in der frühen Studienphase (mittleres Follow up 22 Jahre) auf (an 2 von 3 Messzeitpunkten), war das Risiko für eine spätere Demenz ebenfalls nicht erhöht: HR: 1,02; 95%-KI: 0,72-1,44. Erkrankten die Probanden hingegen in der Spätphase der Studie (mittleres Follow up 11 Jahre) wiederholt an Depressionen, korrelierte das mit einem höheren Demenzrisiko (HR: 1,67, 95%-KI: 1,11-2,49).

„Depressive Symptome in der Frühphase der Studie – also im mittleren Lebensalter der Probanden – erhöhen das Demenzrisiko nicht, selbst wenn sie wiederkehrend auftreten oder chronisch sind“, resümiert das Studienautorin Singh-Manoux.

 
Die Arbeit von Singh-Manoux zeigt, dass Depression kein direkter Risikofaktor für eine spätere Demenz ist. Prof. Dr. Richard Dodel
 

Sind Depressionen bei Älteren ein prodromales Syndrom der Demenz?

Allerdings zeigten sich in der retrospektiven Analyse der depressiven Verläufe über 28 Jahre doch Unterschiede. So wiesen Menschen mit Demenz im Vergleich zu Probanden, die keine Demenz entwickelten, bereits 11 Jahre vor der Demenz-Erstdiagnose Unterschiede hinsichtlich der Schwere depressiver Symptome auf, repräsentiert durch die Unterschiede im GHQ-30-Score (Differenz: 0,61; 95%-KI: 0,09-1,13; p = 0,02).Und es zeigte sich auch, dass diese Symptome im Jahr der Demenz-Erstdiagnose 9-mal stärker waren als in den Jahren zuvor (Differenz: 5,81; 95%-KI: 4,81–6,81; p < 0,001).

Singh-Manoux schreibt dazu: „Unsere Ergebnisse liefern Hinweise darauf, dass depressive Episoden – vor allem wenn sie bei älteren Menschen auftreten – ein prodromales Syndrom einer Demenz sein könnten oder dass beide gemeinsame Ursachen haben.“

Dass Depressionen und Demenz bei älteren Menschen eine „komplizierte Beziehung aufweisen”, hebt Dr. David Carl Steffens vom Department of Psychiatry der University of Connecticut in Farmington, USA, in seinem begleitenden Editorial hervor [2]. „Kognitive Veränderungen treten häufig mit Depressionen auf und Stimmungsschwankungen wiederum sind häufige Begleiterscheinungen kognitiver Erkrankungen. Diese Komorbidität stellt für Kliniker eine echte Herausforderung dar, Patienten mit Stimmungserkrankungen und kognitiven Störungen richtig zu beurteilen.“

Steffens erinnert daran, dass die Studienautoren vermuten, dass Depression und Demenz durch einen gemeinsamen Risikofaktor entstehen, und sich dabei zuerst eine Depression zeigt.

Bei der Demenz-Erstdiagnose treten häufiger auch Depressionen auf

Die Arbeit zeigt zwar, dass Depressionen in jüngerem und mittlerem Alter kein Risikofaktor für die Entwicklung einer Demenz sind. „Dennoch treten Depressionen im Umfeld der Erstdiagnose bei Demenz häufiger auf. Das zeigt, dass Depressionen und Demenz gemeinsame biologische Grundlagen haben könnten. Und diese gemeinsame biologische Grundlage – die noch nicht näher bekannt ist – hat klinisch eine hohe Relevanz“, betont Holthoff-Detto, die auch das Referat Gerontopsychiatrie der Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie (DGPPN) leitet.

 
Das zeigt, dass Depressionen und Demenz gemeinsame biologische Grundlagen haben könnten. Prof. Dr. Vjera Holthoff-Detto
 

Das bedeute eben nicht, dass jeder Depression eine Demenz folge, doch gebe es Überschneidungen. „Wenn beispielsweise ein 70-jähriger Patient an schwerer Depression erkrankt, ist häufig auch sein Arbeitsgedächtnis stark in Mitleidenschaft gezogen. Das kann noch zum Krankheitsbild der Depression gehören oder schon ein Frühzeichen einer Demenz sein. Beides wird unterschiedlich behandelt“, erklärt Holthoff-Detto.

Patienten, die in fortgeschrittenem Lebensalter an Depressionen erkranken, entwickelten generell häufig kognitive Symptome. Bessere sich dann die Depression, blieben die kognitiven Beeinträchtigungen oft bestehen: Die Kognition erhole sich nicht vollständig. Das wiederum erhöhe die Gefahr, dass die Depressionen zurückkehren.

„Klinisch folgt daraus, dass kognitive Störungen infolge einer Depression intensiv behandelt werden müssen. Es ist sehr wichtig, genau zwischen Depression und Demenz zu unterscheiden. Kognitive Störungen sind direkt und intensiv zu behandeln. Dabei zeigt sich zum Beispiel die Problemlöse-Therapie als sehr erfolgversprechend“, betont Holthoff-Detto.

Depressionen im hohen Lebensalter – noch immer unterdiagnostiziert

Depressionen bei alten Menschen würden häufig nicht erkannt, warnt Holthoff-Detto. Eine hohe Ängstlichkeit im Alter und sozialer Rückzug entsprächen nicht dem normalen Verhalten im Alter. Beides könnten Symptome einer Depression sein, betont die Expertin. Die Suizidrate in hohem Lebensalter gerade unter alleinstehenden alten Männern ist sehr hoch, höher als in der Pubertät – und die Suizidversuche dieser Patienten sind häufiger final angelegt. „Depressionen spielen dabei ursächlich eine sehr wichtige Rolle.“

Die Ergebnisse der Arbeit von Singh-Manoux unterstrichen die Bedeutung einer möglichst frühen Diagnostik, sagt Dodel. Bisher würden ältere Patienten mit Depressionen oder Demenz noch immer unterdiagnostiziert. „Ich sehe viele Patienten mit mittelgradigen Depressionen, die an Alzheimer-Demenz leiden und die nicht behandelt werden, keine Antidepressiva erhalten oder zu selten Psychotherapie bekommen“, berichtet Dodel.

Er erinnert an den Schauspieler Robin Williams. In Neurology hat Williams´ Ehefrau Susan Schneider Williams bewegend geschildert, wie der Schauspieler zunächst als manisch-depressiv, dann als schizophren, dann als an Parkinson erkrankt diagnostiziert wurde. Tatsächlich aber litt Williams an einer Demenz mit Lewy-Körpern und entwickelte darüber schwere Depressionen. „Williams wurde erst spät antidepressiv behandelt. Womöglich hätte ihn eine frühere antidepressive Therapie vor dem Suizid bewahren können“, sagt Dodel.

 
Klinisch folgt daraus, dass kognitive Störungen infolge einer Depression intensiv behandelt werden müssen. Es ist sehr wichtig, genau zwischen Depression und Demenz zu unterscheiden. Prof. Dr. Vjera Holthoff-Detto
 

Steffens sieht in den Ergebnissen der Arbeit gute Chancen dafür, die Beziehung zwischen Depression und späterer Demenz neu auszuloten. „Das zwingt uns dazu mechanistischer zu denken: Wir sollten den zugrundeliegenden pathophysiologischen Prozess untersuchen, der in der Dekade vor Ausbruch der kognitiven Symptome abläuft und wir sollten nach Gemeinsamkeiten von Depressionen und Demenz suchen.“



REFERENZEN:

1. Singh-Manoux A, et al: JAMA Psychiat. (online) 17. Mai 2017

2. Steffens CD: JAMA Psychiat. (online) 17. Mai 2017

Kommentar

3090D553-9492-4563-8681-AD288FA52ACE
Wir bitten darum, Diskussionen höflich und sachlich zu halten. Beiträge werden vor der Veröffentlichung nicht überprüft, jedoch werden Kommentare, die unsere Community-Regeln verletzen, gelöscht.

wird bearbeitet....