Wildern in ärztlichen Gefilden? ABDA will vergütete Präventionsberatung durch Apotheker

Michael van den Heuvel

Interessenkonflikte

14. Juni 2017

Apotheker sollen stärker in die Prävention einbezogen und dafür auch vergütet werden, so die Forderung der ABDA zum „Tag der Apotheke 2017“ am 7. Juni [1]. „Wir können mehr tun, wenn die Rahmenbedingungen für Präventionsleistungen der Apotheken besser werden“, sagte ABDA-Präsident Friedemann Schmidt anlässlich eines Pressegesprächs. Dazu sei es notwendig, im Sozialgesetzbuch V eine Rechtsgrundlage für Dienstleistungsverträge zwischen Apotheken und Krankenkassen zu schaffen.

Die ABDA will, dass Apotheker in den „Leitfaden Prävention“ des GKV-Spitzenverbands mit aufgenommen werden. Zudem sollen Ärzte und Apotheker künftig gemeinsam für das Medikationsmanagement verantwortlich sein. Und natürlich sollen die zusätzlichen Leistungsangebote adäquat honoriert werden.

Wir können mehr tun, wenn die Rahmenbedingungen für Prävention in den Apotheken besser werden. Friedemann Schmidt

Apotheker im Interessenkonflikt?

Bei Ärzten stößt der Forderungskatalog auf Kritik. „Präventionsberatungen, wie sie Ärzte und andere qualifizierte Berufsgruppen durchführen, sind etwas anderes als die Beratung zu Medikamenten in den Apotheken“, erklärt Wieland Dietrich, Vorsitzender der Freien Ärzteschaft, gegenüber Medscape.

„Auch organisatorisch ist völlig unklar, wie Apotheker neben der Arzneimittelabgabe, bei der sie ja persönlich stets präsent sein müssen, auch noch Präventions- oder Lifestyle-Beratung machen wollen.“ Der Experte ergänzt: „Entweder geschieht dies am Tresen – dann findet aber gar keine Trennung zu Verkaufsgesprächen oder zur Arzneimittelberatung statt, und es fehlt der vertrauliche Raum – oder es erfolgt in einem separaten Raum, dann jedoch kann der Apotheker nicht zugleich seiner Beratungsaufgabe zu Arzneien nachkommen.“

Auch organisatorisch ist unklar, wie Apotheker neben der Arzneimittelabgabe (…) auch noch Präventionsberatung machen wollen. Wieland Dietrich

Beim Haus- und Facharzt würden entsprechende Gespräche im geschützten Raum stattfinden, aber nicht am HV-Tisch vor anderen Patienten, so Dietrich weiter. Zudem verweist er auf mögliche Interessenkonflikte bei Präventionssprechstunden. Ein Teil des Umsatzes öffentlicher Apotheken geht bekanntlich auf OTCs, Kosmetikprodukte und sonstige Artikel des Randsortiments.

ABDA-Forderungen zur Bundestagswahl 2017 – Eckpunkte:

  • Stärkung der flächendeckenden Versorgung: Ausweitung des Leistungskatalogs, z.B. in den Bereichen Prävention oder Arzneimitteltherapiesicherheit

  • Strukturschwache Regionen: Stärkere Nutzung des Potentials der Apotheken bei Prävention und Patientenversorgung

  • Medikationsmanagement künftig in gemeinsamer Verantwortung von Arzt und Apotheker

  • E-Health-Anwendungen ausbauen; stärkere Vernetzung der Versorgungsbereiche

  • Niedrigschwelliges Versorgungsangebot nutzen, z.B. zur Erhöhung der Durchimpfungsraten

  • Weiterentwicklung und Erweiterung des Honorarsystems


Forderungen der ABDA nach einer Vergütung apothekerlicher Präventionsleistungen hört die Freie Ärzteschaft nicht gerne. „Die Apotheker lehnen sich hier weit aus dem Fenster. Wollen sie die gute Koexistenz mit den Ärzten aufkündigen?“, so Dietrich weiter. Seine Drohung: „Dann könnten Ärzte umgekehrt fordern, in ihren Praxen auch Medikamente abzugeben und zu verkaufen – was beispielsweise in der Schweiz sogar gut funktioniert und den Patienten den Weg in die Apotheke erspart.“

Studie zeigt Nachholbedarf bei der Prävention

Ausgangspunkt der Kontroverse zwischen Ärzten und Apothekern war eine repräsentative Bevölkerungsstudie. Vom 12. April bis 20. Mai 2017 hat das infas Institut für angewandte Sozialwissenschaft 3.415 Konsumenten aus dem gesamten Bundesgebiet zum Thema Prävention befragt. Zielgruppe waren deutschsprachige Konsumenten ab einem Alter von 16 Jahren. Die Ergebnisse wurden mit älteren Daten verglichen. Seit 2008 ist es Schmidt zufolge kaum zu Veränderungen gekommen. „Insgesamt haben wir ein großes Gesundheitsbewusstsein in Deutschland. Aber wir verzeichnen keine dynamischen Verbesserungen.“

Die Apotheker lehnen sich weit aus dem Fenster. Wollen sie die gute Koexistenz mit den Ärzten aufkündigen? Wieland Dietrich

Die Ergebnisse im Detail: Regelmäßige Bewegung (87% Nennung), gesunde Ernährung (84%), möglichst wenig Alkohol (81%), Stressverringerung (74%) und der Nikotinverzicht (65%) sind in der Bevölkerung stabil verankert. Deutlich schlechter sieht es etwa beim Besuch von Präventionskursen aus. Nur 17% nutzten entsprechende Angebote.

Darüber hinaus zeigen sich regionale Unterschiede, aus denen die ABDA weiteren Handlungsbedarf ableitet. Nach wie vor rauchen 28% aller Befragten. Kampagnen gegen den blauen Dunst führten zu unterschiedlichen Ergebnissen: In Hessen hat sich der Anteil von 31% (2008) auf 22% (2017) verringert. Gesundheitspolitiker aus Rheinland-Pfalz und aus dem Saarland hatten hier keinen Erfolg (2008: 22%, 2017: 33%). Auch beim Thema Alkohol zeigt die Befragung, dass es Gruppen mit riskantem Konsum gibt. Bundesweit gaben 10% an, täglich oder fast täglich Alkohol zu trinken. Und nur 26% der Befragten bewegten sich täglich 30 Minuten oder mehr.

Warten auf die Wahl

In diesem Zusammenhang will Schmidt „das Potenzial der Apotheken in der Vorsorge stärker nutzen“. Entsprechende Forderungen hat die ABDA als Kernpositionen zur Bundestagswahl veröffentlicht.

Zu den Kernpositionen der Apotheker gehört nicht nur, weiterhin Leistungen auf freiberuflicher Basis zu erbringen, was einem Plädoyer gegen Apothekenketten gleichkommt. Vielmehr fordert die ABDA, zur Stärkung der flächendeckenden Versorgung den Leistungskatalog öffentlicher Apotheken zu überarbeiten. Dieser solle „in enger Abstimmung mit den weiteren Heilberufen ausgeweitet werden“, heißt es im Grundsatzpapier. Beispielhaft nennen Pharmazeuten die Bereiche Arzneimitteltherapiesicherheit, Medikationsmanagement und Prävention.

Um auch künftig Leistungen auf hohem Niveau anzubieten, müsse „das Honorarsystem der Apotheken weiterentwickelt“ und angepasst werden. Am Bundeswirtschaftsministerium läuft derzeit ein Forschungsprojekt, das Details für ein solches Honorarsystem erarbeitet. Ergebnisse liegen noch nicht vor. Das erklärt auch, warum die Standesvertreter noch keine Zahlen nennen.

Ob sich die Apotheker durchsetzen, wird sich erst nach Konstitution der nächsten Regierung entscheiden.

 

REFERENZEN:

  1. ABDA – Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände: Tag der Apotheke 2017, 07. Juni 2017

Kommentar

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