Sexualstörungen durch Diabetes sind kein Schicksal: Experten-Tipps zu Aufklärung und Therapie

Roland Fath

Interessenkonflikte

8. Juni 2017

Hamburg Je länger ein Diabetes besteht und je schlechter die Blutzuckereinstellung ist, desto höher ist das Risiko für Folgekomplikationen. Das ist bekannt. Überraschend ist: Sexualstörungen zählen nicht nur bei Männern, sondern auch bei Frauen zu den häufigsten Folgen eines Diabetes mellitus – und es wird immer noch selten darüber gesprochen. Bei der Jahrestagung der Deutschen Diabetes-Gesellschaft (DDG) in Hamburg stand das vernachlässigte Thema erstmals auf der Agenda eines eigenständigen DDG-Symposiums [1].

„Vor allem bei Diabetikerinnen werden Sexualstörungen selten thematisiert“, sagte Dr. Astrid Tombek, Diabetesberaterin am Diabetes-Zentrum Bad Mergentheim. Sie seien immer noch ein Tabuthema und es gebe auch kaum verlässliche Zahlen zur Häufigkeit. Nach Einschätzung von Tombek sind Sexualstörungen bei Diabetikerinnen häufiger als vermutet, möglicherweise als Folge einer Neuropathie oder Angiopathie, und es sei mit einer hohen Dunkelziffer zu rechnen.

Lubrifikationsstörungen häufiger

Diabetikerinnen hätten vermehrt Lubrifikationsstörungen und infolgedessen auch Schmerzen und Verletzungen beim Geschlechtsverkehr, berichtete Tombek. Mit einer Rate von rund 30% seien diese Störungen bei Diabetikerinnen etwa doppelt so häufig wie in der übrigen weiblichen Bevölkerung. Allerdings gebe es auch nur wenige Daten in der Allgemeinbevölkerung. In einer repräsentativen Umfrage in den USA im Jahr 2006 unter älteren Frauen wurde als häufigste Sexualstörung Libidomangel angegeben, gefolgt von Lubrifikationsstörungen und Problemen, einen Orgasmus zu erreichen.

 
Es lohnt sich, bei Diabetikerinnen das Thema Sexualstörungen anzusprechen. Dr. Astrid Tombek
 

Hingegen gebe es keine Hinweise dafür, dass Libidoverlust und Orgasmusstörungen bei Diabetikerinnen häufiger sind als bei Nicht-Diabetikerinnen, so Tombek weiter. Natürlich könne sich auch die seelische Einstellung zur chronischen Erkrankung Diabetes auf das Sexualleben auswirken. Einfluss haben bei Diabetikerinnen außerdem erhöhte Blutzuckerwerte, die Infektionen, Scheidenpilze und Blasenentzündungen begünstigen. Auch die Einnahme von SGLT2-Hemmern, die zu vermehrten Harnwegsinfekten führen, kann eine Rolle spielen.

Sexualstörungen offen ansprechen

„Es lohnt sich, bei Diabetikerinnen das Thema Sexualstörungen anzusprechen“, sagte Tombek. Hilfreich seien Fragebögen. Am Diabetes-Zentrum Mergentheim wurde ein eigener Fragebogen zu Sexualstörungen kreiert, der weiblichen und männlichen Patienten ausgehändigt wird.

Dann sollten Probleme offen angesprochen und den Patienten Hilfe angeboten werden. Das ist nicht immer leicht. Missempfindungen im Vulvabereich wie Brennen, Schmerzen und Juckreiz seien schwierig zu therapieren, sagte Prof. Dr. Thomas Haak, ebenfalls am Diabetes-Zentrum Mergentheim tätig.

NSAR und Opioide seien meist unwirksam, helfen könnten analgesierende Antidepressiva, auch Antikonvulsiva könnten versucht werden. Tombek nannte als wichtigste Optionen zur Behandlung von Sexualstörungen bei Frauen die Normalisierung der Blutzuckerwerte, Behandlung von Infektionen im Genitalbereich und an den Harnwegen und bei Bedarf Hormonbehandlung, Einsatz von Hilfsmitteln wie Gleitgel sowie Psychotherapie und Partnerberatung.

Auch eine Insulinpumpentherapie könne ein Problem sein. Viele Patientinnen möchten sie ablegen, hätten dann aber Angst um ihre Blutzuckereinstellung beim Beischlaf. Hier komme es vor allem darauf an, dass die Partner den richtigen Umgang mit der Pumpe fänden.

Männliche Diabetiker leiden vor allem unter einer erektilen Dysfunktion (ED). „Diabetes-spezifische Sexualstörungen gibt es nicht, sie sind bei Diabetikern aber häufiger“, sagte Dr. Frank Merfort, niedergelassener Diabetologe aus Grevenbroich. Ausnahme: Eine retrograde Ejakulation aufgrund einer autonomen Neuropathie, deren häufigste Ursache ein Diabetes ist.

Das ED-Risiko sei unter Diabetikern mehr als 3-fach höher als in der Allgemeinbevölkerung, sagte Merfort. 35 bis 50% der Diabetiker leiden darunter, in der Allgemeinbevölkerung liege die ED-Prävalenz z.B. bei 65-Jährigen bei rund einem Viertel.

 
Diabetes-spezifische Sexualstörungen gibt es nicht, sie sind bei Diabetikern aber häufiger. Dr. Frank Merfort
 

Erektile Dysfunktion schon in sehr frühen Diabetesstadien möglich

Als Ursachen für die Häufung von ED unter Diabetikern nannte Merfort vor allem neurogene und arteriell-vaskuläre Störungen. Gerechnet werden müsse mit einer ED aber bereits im sehr frühen, sogar noch unentdeckten Diabetesstadium, betonte er. In einer britischen Studie bei 129 Männern mit ED, im Mittel 58 Jahre alt, wurde in der Gruppe der Nicht-Diabetiker (n = 107) bei fast 5% ein Diabetes und weiteren 12% erhöhte Nüchternblutzuckerwerte festgestellt.

Entscheidend sei auch bei männlichen Patienten, Sexualstörungen zu thematisieren und bei positivem Befund über die Therapieoptionen aufzuklären. Unter Diabetikern mit ED entschieden sich dann 95% primär für einen PDE-5-Hemmer als Therapie.

Psychologische Aspekte sollten bei Sexualstörungen stets berücksichtigt werden, betonte Diplom-Psychologin Susan Clever aus Hamburg. So seien bei Frauen depressive Symptome, geringe sexuelle Bedürfnisse und partnerbezogene Faktoren stärkere Prädiktoren für eine sexuelle Dysfunktion als ein Diabetes. Umgekehrt können sexuelle Störungen auch Depressionen verstärken.

Nocebo-Effekt als Ursache für Sexualstörungen?

„Wenn Frauen Sex hoch bewerten, haben sie in der Regel weniger Sexualprobleme“, so Clever. Auch an einen Nocebo-Effekt sollte gedacht werden. So hätten Männer, die über die möglichen negativen Auswirkungen einer Pharmakotherapie auf die Sexualfunktion aufgeklärt worden seien, etwa im Rahmen einer BPH-Therapie mit 5-Alpha-Reduktasehemmern, häufiger Erektions-, Ejakulationsstörungen und Libidomangel als Männer mit der gleichen Therapie, die nicht aufgeklärt worden seien.

Auch Selbstbeobachtung nach einem negativen Sexualerlebnis wie Versagen der Potenz kann zu einem belastenden Faktor werden. „Der Mann ist beim nächsten Mal besorgt, dadurch wird der Sympathikus aktiviert und die Symptome werden verstärkt“, sagte Clever. In solchen Fällen könne es „aus psychischer Sicht“ auch mal sinnvoll sein, Viagra® auszuprobieren. „Normale Sexualität fällt sehr unterschiedlich aus“, sagte die Psychologin. „Es darf auch mal nicht klappen.“



REFERENZEN:

1. Diabetes Kongress 2017, 24. bis 27. Mai 2017, Hamburg

Kommentar

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