Den Knieschmerz im Gehirn abschalten – Transkranielle Gleichstromstimulation hilft Arthrosepatienten

Nancy A. Melville

Interessenkonflikte

29. Mai 2017

Pittsburgh – Die transkranielle Gleichstromstimulation (tDCS; transcranial Direct Current Stimulation) stößt als nicht pharmakologischer Ansatz zur Behandlung chronischer Schmerzen auf ein immer breiteres Interesse. Jetzt gibt es dazu eine neue randomisierte klinische Studie, die eine signifikante Verbesserung der Schmerzen bei der Kniegelenks-Arthrose älterer Patienten belegt. Sie wurde beim Jahreskongress der American Pain Society (APS) 2017 vorgestellt [1].

„Wir entschieden uns für die Arthrose, weil sie die führende Ursache für Schmerzen und Einschränkungen bei Personen über 45 Jahren ist“, sagte Dr. Brian Ahn vom University of Texas Health Center in Houston gegenüber Medscape. „Wir konnten zwischen Patienten, die tDCS oder eine Scheinbehandlung erhielten, einen statistisch signifikanten Unterschied im Hinblick auf das Ausmaß ihrer Schmerzen feststellen.“

Die tDCS wurde zwar bereits bei Anwendungen wie Depression, in der Schlaganfall-Rehabilitation und beim Rückgang der kognitiven Leistungsfähigkeit und bei Demenz untersucht, doch sei die vorliegende Studie die erste zur tDCS beim chronischen Schmerz, so Ahn.

40 Patienten mit tDCS oder Placebo behandelt

Die Studie umfasste 40 Erwachsene mit schmerzhafter Kniegelenks-Arthrose zwischen 50 und 70 Jahren (Durchschnittsalter 59), von denen 21 Frauen waren. Die Probanden wurden zufällig 2 Gruppen zugeteilt. Die eine Gruppe erhielt an 5 Tagen eine 20-minütige tDCS-Behandlung und die andere eine Scheinbehandlung im gleichen Ausmaß.

Da bei der tDCS ein Kribbelgefühl entsteht, gehörte zu Beginn und gegen Ende der Scheinbehandlung eine jeweils 30-sekündige tDCS dazu, um ein ähnliches Gefühl zu erzeugen. Der Strom wurde über einen Code eingespeist, sodass der tDCS-Anwender dafür verblindet war, welche Anwendung ein Patient erhielt.

 
Wir konnten zwischen Patienten, die tDCS oder eine Scheinbehandlung erhielten, einen statistisch signifikanten Unterschied im Hinblick auf das Ausmaß ihrer Schmerzen feststellen. Dr. Brian Ahn
 

Zur Behandlung wurde die Anode über dem primären motorischen Kortex kontralateral zum betroffenen Kniegelenk platziert. Die Kathode wurde ipsilateral über der supraorbitalen Region aufgesetzt.

Schmerzen gehen durch Therapiezurück

Nach den 5-tägigen Sitzungen zeigte sich in der tDCS-Gruppe ein stärkerer Rückgang beim klinischen Schmerzgrad auf einer Skala von 0-100 (18,50 ± 3,60) im Vergleich zur Kontrollgruppe (6,45 ± 2,26). Der mittlere Unterschied zwischen den Gruppen betrug 12,05 (p = 0,007; Effektstärke d = 0,90).

„Da die Teilnehmerzahl an der Studie klein war, ist es um so wichtiger, eine Effektstärke zu haben, die hoch war und die Wirksamkeit der Behandlung zeigte“, kommentierte Ahn. Die Mechanismen, über die eine tDCS ihre Wirkung entfalten könnte, könnten mit ihren neuromodulatorischen Effekten in Zusammenhang stehen, spekulierte er. „Neuere Untersuchungen zeigen, dass der Arthroseschmerz im Knie ein zentraler Schmerz ist, sodass es dort modulierende Mechanismen geben könnte.“

 
Der Gesamteffekt war groß und sehr interessant. Dr. Adam J. Woods
 

Dr. Adam J. Woods, einer der Koautoren der Studie und Oberarzt am Cognitive Aging and Memory am McKnight Brain Institute der University of Florida in Gainesville, unterstrich, dass die Ergebnisse ermutigend seien.

„Der Gesamteffekt war groß und sehr interessant“, sagte er bei der Vorstellung der Resultate. „In den meisten Medikamentenstudien sieht man Effektstärken von 0,2 oder 0,3. Wir haben hier also ein Beispiel vor uns, das zeigt, warum die tDCS als Therapieoption so vielversprechend ist.“

 
Die Platzierung der Elektroden spielt eine größere Rolle als ursprünglich angenommen. Dr. Adam J. Woods
 

Woods und seine Mitarbeiter evaluieren derzeit die tDCS in einer größeren Multi-Site-Studie (ACT-Studie, Augmenting Cognitive Training in Older Adults), die als erste Phase-3-Studie die Wirkung bei kognitiven Störungen untersucht. Auch wenn der Fokus dieser Studie nicht auf Schmerz liege, könne sie dennoch ebenfalls wichtige Erkenntnisse zu diesem Thema liefern, sagte er weiter. „Etwa 40% der älteren Erwachsenen, die an diesen Studien teilnehmen, leiden in irgendeiner Form auch unter chronischen Schmerzen und es könnte sich als nützlich erweisen, dass manche ACT-Teilnehmer unter Schmerzen leiden und andere nicht. Auch wenn wir also nicht speziell nach Schmerzen schauen, ist es doch eine gute Gelegenheit, eine Reihe von Schmerzformen zu evaluieren, die typischerweise ältere Erwachsene betreffen.“

tDCS-Behandlung bald zuhause möglich?

Zu den bereits bekannten Erkenntnissen im Hinblick auf die tDCS gehört die Beobachtung, dass bestimmte Medikamente die Wirksamkeit der Therapie beeinflussen können. Dazu zählen Natriumkanalblocker und Glutamat-Agonisten. „In Studien konnte gezeigt werden, dass Natriumkanalblocker die exzitatorischen Effekte der tDCS vollständig blockieren können. Bei Glutamat- und GABA-Agonisten ist es praktisch dasselbe, während Kalziumkanalblocker den Effekt zwar dämpfen, aber nicht vollständig blockieren.“

„Die Platzierung der Elektroden spielt eine größere Rolle als ursprünglich angenommen“, fügte Woods hinzu. „In den Anfängen der tDCS schien die Platzierung nicht wichtig zu sein, doch wissen wir jetzt, dass die Lokalisierung sich sowohl auf die neurophysiologische als auch auf die behaviorale Response auswirkt.“ „Eine Versetzung der Elektrode um lediglich 2 cm kann einen veränderten Effekt bedeuten“, ergänze er.

Woods merkte an, dass wichtige Fortschritte erzielt wurden, um auch eine häusliche Anwendung der tDCS zu ermöglichen, was ihre Anwendbarkeit für viele Patienten deutlich erhöhe. „Ein Patient mit Schmerzen ist vielleicht bereit, 2 Wochen lang für jeweils 5 Tage in die Klinik zu kommen. Doch wenn sie nur einmal kommen müssen, ihr Equipment bekommen und so über Telemedizin eine häusliche Anwendung möglich wird, könnte dies die Compliance stark erhöhen und auch dabei helfen, weitere Schmerzpatienten zu erreichen, die davon profitieren können.“


Dieser Artikel wurde von Markus Vieten aus www.medscape.com übersetzt und adaptiert.



REFERENZEN:

1. American Pain Society Annual International Meeting, 17. bis 20. Mai 2017, Pittsburgh/USA

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