MEINUNG

Kleine Seelen in Not: Wie Kinderärzte psychisch belasteten Flüchtlingskindern helfen können

Laurie Scudder, DNP, NP

Interessenkonflikte

24. Mai 2017

Die American Academy of Pediatrics (AAP) antwortet in einem Statement auf den Immigrantenerlass von US-Präsident Trump und bekräftigt ihre Unterstützung für Immigrantenkinder und deren Familien. Die AAP betont dabei ihre Unparteilichkeit und dass sie vor allem im Interesse der Kinder handele.

Medscape sprach mit der Co-Vorsitzenden der AAP Immigrant Health Special Interest Group und Kinderärztin in Winston-Salem, North Carolina, Dr. Julie M. Linton über die gesundheitlichen Auswirkungen der aktuellen politischen Lage sowie über praktische Strategien für Kinderärzte, die in ihren Praxen Flüchtlingskinder (registrierte und unregistrierte) behandeln.

Medscape: Was wissen wir über die Folgen von Stress für Flüchtlingskinder, vor allem wenn er mit dem Flüchtlingsstatus in Zusammenhang steht?

Dr. Linton: Als Co-Vorsitzende der Immigrant Health Special Interest Group höre ich Kinderärzte aus allen Teilen des Landes über dieses Thema sprechen. Wir sehen alle diese Familien und hören die gleichen Geschichten über Ängste, Unsicherheit, Diskriminierung und die möglichen Folgen für die Gesundheit der Kinder. Kinder sollten niemals in Angst leben müssen, und als Kinderärztin und Mutter bin ich wegen der Ängste und Unsicherheiten und der möglichen gesundheitlichen Auswirkungen auf die Kinder und ihr Wohlergehen zutiefst besorgt.

Die Kinder verstehen nicht, warum ihr Leben in einem solchen Aufruhr ist, aber sie spüren die Angst ihrer Eltern und das überträgt sich auf sie. Wir wissen, dass Angst und Stress die Entwicklung des Gehirns beeinflusst und sowohl kurz- als auch langfristig negative gesundheitliche Folgen hat, vor allem wenn es sich um einen lang anhaltenden, belastenden Stress handelt, den wir als toxischen Stress bezeichnen.

Besonders gut lassen sich die unmittelbaren Veränderungen beobachten, die dem Stress folgen: Veränderungen etwa beim Schlafen, Essen und Körperpflege, Verhaltensänderungen wie Distanzierung, Ängstlichkeit oder Schreckhaftigkeit sowie Lern- und Entwicklungsprobleme, Wutanfälle, Gedächtnisstörungen. Dazu kommen Kopfschmerzen, Übelkeit und andere neurologische Symptome. Mit der Zeit erhöht toxischer Stress das Risiko für schwere Krankheiten wie Herzerkrankungen, Diabetes und Depression.

Medscape: Wie kann der Arzt vor Ort im Umgang mit Zuwanderungskindern die betroffenen und gefährdeten Kinder erkennen? Die Familien scheuen sich vielleicht auch vor dem Kinderarzt, ihren Status als Flüchtlinge offenzulegen. Welche Fragen sollte man stellen und welche vielleicht nicht? Und wie kann der Arzt dennoch dem Bedürfnis nach Privatsphäre der Familien Rechnung tragen?

Dr. Linton: Eine Versorgung, die von Beginn an den kulturellen Background berücksichtigt, ist entscheidend bei Familien, die die einheimische Sprache nicht ausreichend beherrschen. Ganz wichtig ist es, einen erfahrenen Dolmetscher zur Verfügung zu haben, um direkt mit den Familien kommunizieren zu können.

Eigene etwaige Sprachkenntnisse sollte man am besten evaluieren lassen, um sicherzustellen, dass eine Kommunikation ohne Missverständnisse möglich ist. Verschiedene  Der Krankenversicherer Kaiser Permanente bietet z.B. das Clinician Cultural and Linguistic Assessment an, mit dem mehrsprachige Ärzte ihre Kenntnisse im Hinblick auf eine sichere und effektive Kommunikation mit Patienten und Familien ohne Hilfe von Dolmetschern beurteilen lassen können.

Ein klares Verstehen ist ganz entscheidend, wenn es um Gesundheitsfragen geht und erst recht, wenn dabei sensible Fragen berührt werden. Wenn wir eine Familie nach der Belastung durch die Immigration fragen, ist es sehr wichtig, dass die Familie versteht, dass wir diese Fragen im Hinblick auf die Gesundheit ihrer Kinder stellen. Ich sage häufig so etwas wie: ‚Ich werde Ihnen jetzt ein paar persönliche Fragen stellen, um die Reise Ihrer Familie nachvollziehen zu können. Viele der Kinder und Familien, um die ich mich kümmere, leiden unter chronischem Stress, der ihre Gesundheit beeinträchtigt. Ich möchte verstehen, wie der Stress Ihr Kind belastet und wie wir Ihnen vielleicht helfen können.‘

Medscape: Die wichtigste Frage ist hier: Was kann getan werden, wenn ein solches Kind unter den negativen gesundheitlichen Folgen des erlittenen Stresses leidet? Wie geht man am besten vor?

Dr. Linton: Zuallererst müssen die Kinder bei Angst und Stress von liebevollen Eltern oder Helfern aufgefangen werden und dort Rückhalt finden. Wir wissen, dass den Kindern dabei eine dauerhafte, unterstützende Beziehung zu Betreuern hilft, den Stress zu bewältigen und gesunde Gehirne zu entwickeln. Für viele Einwanderungskinder, die ich in der Klinik sehe, fangen die stützenden familiären Beziehungen die anhaltende Stressbelastung auf.

Als Kinderärzte spielen wir eine entscheidende Rolle bei der Unterstützung von Familien in der Versorgung ihrer Kinder. Zu den Dingen, die wir dabei fördern können, gehört etwa die Verbesserung der Interaktionen mit den Kindern, welche die Hirnentwicklung stützt und stimuliert. Das bedeutet, auf die Bedürfnisse der Kinder angemessen zu reagieren, mit den Kindern zu lesen, zu reden und zu singen, Ruhezeiten miteinander zu verbringen und sich auf die Gespräche einzulassen, welche die Fragen der Kinder auf einem angemessenen Niveau beantworten.

Medscape: Was ist mit den Freuden der Kinder und den Familien in verschiedenen Gemeinschaften, die Angst um ihre Freunde und Nachbarn haben?

Dr. Linton: Ein wichtiges Thema! Kinder sorgen sich, wenn ihren Freunden etwas Schlimmes passiert. Wir sind alle miteinander verbunden und je besser wir die Kinder im Umgang mit Angst und Unsicherheit unterstützen können, desto wahrscheinlicher ist es, damit auch eine positive Hirnentwicklung anzustoßen.

Medscape: Wie sieht es mit der Dokumentation aus? Ist es in Ordnung, den Status eines Kindes in der Krankenakte einzutragen?

Dr. Linton: Die Frage nach der geeigneten Dokumentation solcher Gespräche in der Krankenakte sollten Juristen beantworten, aber ich kann Ihnen sagen, wie ich mit dem Thema umgehe. In den AAP's-Immigrant-Health-Infomaterialien finden Sie dann weitere Antworten zu rechtlichen Aspekten. Noch aktuellere Informationen zu rechtlichen Fragen bei Immigrantenfamilien stellt das National Immigration Law Center (NILC) zur Verfügung, das in dieser Hinsicht für Helfer und Familien eine hervorragende Quelle ist. Die Informationen richten sich eher an Juristen und Anwälte, doch lassen sich die Angaben auch auf den Gesundheitssektor übertragen. Ich nutze das NILC häufig, da sie ihre Informationen häufiger als andere Gruppen aktualisieren und recht genau die Rechtsfragen berührt, die diese Population betreffen.

Wenn die Ausländerbehörde von einem Kinderarzt Auskunft verlangt, sollte sich der Arzt an seine umfassende Schweigepflicht erinnern, die auch alle medizinischen Informationen einschließlich der Dokumentationen umfasst. In den USA ist dies über den Health Insurance Affordability and Accountability 1996 (HIPAA) Act von 1996 geregelt. Es kann nützlich sein, sich der Dienste der Rechtsabteilung der medizinischen Einrichtung zu bedienen oder als Praxisinhaber den eigenen Rechtsbeistand zu kontaktieren.

Die Staatsangehörigkeit spielt für die Gesundheit eine Rolle und Ärzte wollen diese Gespräche in den vertraulichen Krankenakten dokumentieren. Die AAP ist unbedingt der Auffassung, dass medizinische Krankenakten in Vollzugsfragen des Einwanderungsrechts nicht verwendet werden sollten. Dies gehört zu unseren Grundsätzen in Bezug auf die Gesundheit von Kindern mit Migrationshintergrund aus dem Jahre 2013.

Dieses Interview wurde von Markus Vieten aus www.medscape.com übersetzt und adaptiert.

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