Viel Lärm um nichts? Homöopathie-kritischer Review erhitzt die Gemüter

Ute Eppinger

Interessenkonflikte

18. Mai 2017

An der Homöopathie scheiden sich die Geister. Aktuell hat sich der Streit wieder einmal verschärft. Stein des Anstoßes ist ein Review des staatlichen australischen Forschungsrats NHMRC (Australian National Health and Medical Research Council), der bereits im März 2015 erschienen ist. Die Forscher des NHMRC kamen in ihrem Statement zu einem für die Homöopathie unvorteilhaften Schluss: Für kein einziges der 61 geprüften Krankheitsbilder sei die Wirksamkeit einer homöopathischen Therapie zweifelsfrei erwiesen, stellten die Wissenschaftler unter dem Vorsitz von Prof. Dr. Paul Glasziou von der Bond University in Australien fest.

Die Homöopathie-Befürworter wehren sich: Eine „Täuschung der Öffentlichkeit“ beklagt das Londoner Homeopathy Research Institut (HRI). Bereits im August 2016 hat es Beschwerde gegen den Review beim australischen Ombudsmann eingelegt.

Von einem „Forschungsskandal“, der auch im Film „Just one drop“ thematisiert werde, berichtet das alternative Onlinemedium Nexus im April 2017, das auch gerne Jim Humble, der mit seinem Bleichmittel MMS Aids, Hepatitis, Tuberkulose und Krebs kurieren will, ein Forum bietet.

Von einem „handfesten Skandal“, so sich der Verdacht erhärte, spricht Cornelia Bajic, die Vorsitzende des Deutschen Zentralvereins homöopathischer Ärzte (DZVhÄ) ebenfalls im April dieses Jahres.

Mangelhafte Qualität oder zu kleine Studien

Um was geht es? Der Review beruht auf 176 Studien, die im 1. Durchgang detailliert begutachtet und ausgewertet wurden. Ergänzt wurde die Datenbasis um weitere, nachgereichte 49 Arbeiten der australischen Homöopathieverbände, so dass insgesamt 225 Einzelstudien ausgewertet werden konnten.

Der NHMRC-Review zeigt aber, dass es keine qualitativ gute Evidenz gibt, die die Behauptung stützt, Homöopathie wirkt besser als Placebo. Prof. Dr. Warwick Anderson

Das NHMRC hatte sich bemüht, die gesamte vorliegende Evidenz klinischer Studien zu sichten, entsprechend umfangreich ist der Bericht ausgefallen: Auf knapp 1.000 Seiten ist bis ins Detail dokumentiert, wie man zu der Schlussfolgerung kam. Ein Problem war offenbar die Qualität der Studien. Sie wiesen eine zu geringere Teilnehmerzahl auf, das Studiendesign entsprach nicht den Kriterien eines RCT und/oder der Studienverlauf war nicht ausreichend dokumentiert.

So bilanziert Prof. Dr. Warwick Anderson von der University of Sydney und NHMRC-Vorstandsmitglied: „Die Wirksamkeit aller medizinischen Therapien und Interventionen sollte durch verlässliche Evidenz belegt werden können. Der NHMRC-Review zeigt aber, dass es keine qualitativ gute Evidenz gibt, die die Behauptung stützt, Homöopathie wirkt besser als Placebo.“

Die „korrekte Studienlage einfach verschwiegen“?

Das HRI wollte das so nicht stehen lassen, legte beim Ombudsmann der australischen Regierung Beschwerde gegen den Review ein und begann mit einer Untersuchung. Dr. Alexander Tournier, Direktor des HRI, teilt dazu mit: Die Ungenauigkeiten im Bericht des NHMRC seien „so extrem, dass wir uns dazu entschlossen haben, eine gründliche Untersuchung durchzuführen, die die Hintergründe aufdeckt“. Und Rachel Roberts, Vorstandsvorsitzende des HRI nennt den NHMRC-Review „schlechte Wissenschaft“.

Unwillen erregt der NHMRC-Review auch beim Deutschen Zentralverein homoeopathischer Ärzte. „Es ist ungeheuerlich, dass mit derart verzerrten Daten weltweit politische Meinungsbildung betrieben wird“, kritisiert Bajic. Durch die Studienergebnisse sei der deutschen Öffentlichkeit, universitären Einrichtungen und den politischen Entscheidungsträgern suggeriert worden, die Homöopathie sei eine Placebo-Medizin. Bajic: „Die korrekte Studienlage, die deutlich die Wirksamkeit der homöopathischen Therapiemethode belegt, wird einfach verschwiegen.“

Es ist ungeheuerlich, dass mit derart verzerrten Daten weltweit politische Meinungsbildung betrieben wird. Cornelia Bajic

Die Österreichische Gesellschaft für homöopathische Medizin (ÖGHM) hatte schon im Juni 2015 eine Kritik am Review veröffentlicht. Der DZVhÄ hat jetzt sowohl die Kritikpunkte des HRI als auch der ÖGHM aufgegriffen und schreibt dazu:

  • Der Review wurde 2-mal durchgeführt, was der Öffentlichkeit bisher unbekannt war.

  • Der NHMRC habe geschrieben, dass der Review auf mehr als 1.800 Studien basiere. Tatsächlich wurden jedoch nur 176 Studien begutachtet. Von diesen 176 Studien wurden 171 vom Review ausgeschlossen. Gründe dafür waren, dass sie entweder nicht in englischer Sprache verfasst waren oder weniger als 150 Teilnehmer hatten. Es blieben letztlich nur 5 Studien, auf denen der Review basiert.

  • Diese Kriterien sind nicht nachvollziehbar und wurden vom NHMRC bei keinem anderen Review angewendet.

  • Der Vorsitzende des NHMRC-Ausschusses, der den Review verantwortet, ist Mitglied der politischen Lobby-Gruppe „Friends of Science in Medicine“ (FSM), die sich aktiv gegen die Homöopathie einsetzt. Trotzdem unterzeichnete der Vorsitzende eine „Declaration of Interest“, die besagt, dass er nicht mit einer Organisation verbunden sei, „die sich für oder gegen die Homöopathie einsetzt“.

  • Es wurde bei der Erstellung des Reviews gegen die NHMRC-eigenen Regeln verstoßen, auch gegen die, dass zumindest ein Experte – in diesem Fall ein Homöopathie-Experte – dem Ausschuss angehören müsse.

Bleibt die Kritik von HRI und DZVhÄ an der Oberfläche?

„Es ist bemerkenswert, dass die vorgebrachte Kritik sehr an der Oberfläche bleibt und nicht aufgezeigt wird, wie sich die Kritikpunkte auf das Ergebnis des Reviews ausgewirkt haben sollen“, sagt dazu Dr. Norbert Aust. Er ist Mitglied im Homöopathie-kritischen Informationsnetzwerk Homöopathie und hat sich die Vorbehalte von HRI und DZVhÄ genauer angeschaut. Er meint: „Die vom HRI und der ÖGHM vorgebrachten Kritikpunkte sind einfach zu widerlegen, indem man die Berichte zum Review liest.“ Aust zählt auf:

  • Die Untersuchung fußt in der Summe auf der Analyse von 225 Einzelstudien, die nicht nur in Englisch, sondern auch in vielen anderen Sprachen veröffentlicht wurden. Die kleinste Teilnehmerzahl einer Studie betrug 4 Probanden.

  • Die Bewertung der Studien erfolgte nach einem Verfahren (GRADE), das auch von der WHO empfohlen wird.

  • Beim Vorsitzenden der Arbeitsgruppe lag kein Interessenkonflikt vor. Die Person, die einen Interessenkonflikt erklärte, war eines von 7 Mitgliedern der Arbeitsgruppe. Teil der Arbeitsgruppe war auch eine Apothekerin, die einen universitären Forschungsbereich zur Komplementärmedizin leitet, also eine gewisse Affinität zur Alternativmedizin aufweist.

  • Die Beteiligung eines Homöopathen war nach den Regeln des Beirats nicht erforderlich.

  • Selbst wenn es Vorversionen zu diesem Review gab, ist dies für die Methodik und das Ergebnis des vorliegenden Reviews belanglos.

  • In diesem Review wurden die gleichen Ergebnisse erzielt wie in vielen anderen zuvor, darunter auch den beiden Arbeiten von R. T. Mathie von 2014 und 2017, der eine Zugehörigkeit zum HRI angibt.

„Die Behauptung des HRI, das NHMRC habe sich auf 5 Studien beschränkt, ist, schlicht nicht korrekt“, stellt auch Prof. Dr. Edzard Ernst, emeritierter Leiter der Komplementärmedizin an der University of Exeter, Großbritannien,  auf seinem Blog klar. „Der Bericht fand 57 systematische Reviews die 176 Einzelstudien enthielten, nicht 5.

Diese 176 Studien deckten 61 Erkrankungen ab und bildeten das Evidenzgerüst des NHMRC-Berichts“, erklärt Ernst. „Durch die Verwendung von systematischen Reviews, die alle Studien für die individuellen Erkrankungen miteinander kombinieren, reduziert sich das Risiko für falsch positive Ergebnisse“, fügt Ernst hinzu. Die vom DZVhÄ erwähnten 1.800 Studien sind die, die die NHMRC-Forscher zum Thema homöopatische Therapie gefunden hatten.

Meinungsmache statt wissenschaftlicher Auseinandersetzung?

„Die Kritik der Homöopathen ist anscheinend weniger auf eine wissenschaftliche Auseinandersetzung gerichtet, sondern zielt wohl eher darauf ab, dass dem in diesen Dingen unkundigen potenziellen Patienten vorgegaukelt wird, das Ergebnis des Reviews sei durch fragwürdige Einflussnahme dunkler Mächte zustande gekommen“, erklärt Aust.

Die Wahrheit ist, dass das Cochrane Center … festgestellt hat, dass die Schlussfolgerungen des Reviews auf der vorliegenden Evidenz basieren und deshalb begründet sind. Prof. Dr. Edzard Ernst

Die Homöopathen seien mit ihrer Kritik des NHMRC nicht alleine, so das HRI und hebt hervor, auch Australiens Cochrane Center habe moniert, dass die Schlussfolgerungen des NHMRC keine akkurate Reflektion der Evidenz spiegelten. Dazu stellt Ernst klar: „Die Wahrheit ist, dass das Cochrane Center, das eine unabhängige Prüfung während des Prozesses des NHMRC-Reviews durchgeführt hatte, festgestellt hat, dass die Schlussfolgerungen des Reviews auf der vorliegenden Evidenz basieren und deshalb begründet sind.“

„Man hat den Eindruck, dass die meisten Beteiligten den Review überhaupt nicht gelesen haben oder schlichtweg nicht verstehen, was sie gelesen haben“, kommentiert Prof. Dr. Gert Antes, der Direktor des deutschen Cochrane Centers in Freiburg, die Reaktionen auf das Review.

Glasziou und Kollegen fanden nicht nur keinen Wirksamkeitsnachweis. Sie betonten in ihrem Statement auch: „Eine homöopathische Therapie sollte nicht eingesetzt werden bei chronischen und schweren Erkrankungen und bei Erkrankungen, die sich zu einem schwerwiegenden Stadium entwickeln können.“ Patienten die sich für Homöopathie entscheiden, riskierten möglicherweise ihre Gesundheit, wenn sie Therapien ablehnten oder verzögerten, für die es eine gute Evidenz zur Sicherheit und Wirksamkeit gebe.

„Menschen, die in Erwägung ziehen sich homöopathisch behandeln zu lassen sollten sich davor von einem Allgemeinmediziner beraten lassen. Diejenigen, die Homöopathie nutzen, sollten das ihrem Hausarzt mitteilen und die ihnen verschriebenen Medikamente einnehmen“, so die Empfehlungen der NHMRC-Forscher.

Kommentar

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