„Family Affair“: Bei frühem plötzlichem Herztod lohnt es, auch symptomlose nahe Verwandte per Gentest zu screenen

Simone Reisdorf

Interessenkonflikte

5. Mai 2017

Mannheim – Während bei Hypertonie, Herzinsuffizienz und koronarer Herzkrankheit neben dem Lebensstil viele verschiedene Gene eine Rolle spielen, ist für Kardiomyopathien oft nur ein einziges Gen verantwortlich – aber nicht bei jedem Patienten das gleiche. Weil die Träger dieser Genveränderungen ein hohes Risiko haben, frühzeitig und ohne Warnsymptome einen plötzlichen Herztod zu erleiden, lohnt sich die Suche nach der jeweils „verantwortlichen“ Mutation auf jeden Fall. Denn sie bietet die Chance auf maßgeschneiderte Prävention.

Prof. Dr. Hugo Katus

Beim Kardiologenkongress in Mannheim forderte der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie (DGK) und (Mit-) Tagungspräsident Prof. Dr. Hugo Katus deshalb die Kollegen auf, häufiger Gentests zu veranlassen [1]. Patienten mit dilatativer, hypertropher oder arrhythmogener Kardiomyopathie sowie Personen, die nach Herzstillstand erfolgreich wiederbelebt werden konnten, sollten auf riskante Genvariationen untersucht werden, empfahl er.

„Wichtig ist außerdem, das familiäre Umfeld von Personen zu screenen, die am plötzlichen Herztod gestorben sind“, ergänzte Katus im Gespräch mit Medscape. Dies gelte erst recht, wenn eine Autopsie durchgeführt wurde und beim gestorbenen Indexpatienten eine der bekannten Mutationen für Kardiomyopathien, Ionenkanalerkrankungen oder Laminopathien gefunden wurden. Denn die „Chance“, dass nahe Verwandte des Indexpatienten die Risikomutation ebenfalls aufweisen, beträgt bei diesen autosomal-dominant vererbten Erkrankungen 50%.

Er empfahl, dann zeitnah alle erstgradigen Verwandten zu ermitteln, aufzuklären und zu testen. „Keinesfalls dürfen wir bei den Angehörigen auf strukturelle Veränderungen oder Symptome warten, denn viele Patienten überleben die Erstmanifestation ihrer Krankheit nicht“, warnte Katus.

Risikofaktoren und Warnzeichen für den plötzlichen Herztod

Klinische Hinweise auf ein erhöhtes Risiko für den plötzlichen Herztod gibt es allenfalls bei einigen Patienten mit hypertropher Kardiomyopathie, aber auch bei ihnen sollte man nicht auf solche Warnzeichen warten.

 
Keinesfalls dürfen wir bei den Angehörigen auf strukturelle Veränderungen oder Symptome warten, denn viele Patienten überleben die Erstmanifestation ihrer Krankheit nicht. Prof. Dr. Hugo Katus
 

Prof. Dr. Paul Elliott, Imperial College London, Großbritannien, nannte als Risikomarker unter anderem ein junges Lebensalter, eine bereits entdeckte Genvariation (z.B. für Troponin T), eine positive Familienanamnese, eine bereits eingetretene schwere Herzinsuffizienz (NYHA III/IV), geringe körperliche Belastbarkeit, ausgeprägte Linksherzhypertrophie, Ischämie, Vorhofflimmern, erlebte Synkopen, temporäre oder induzierbare ventrikuläre Tachykardien oder diastolische Dysfunktion. Einige dieser Risikofaktoren sind in einen validierten Score eingegangen.

Gentest für alle Menschen mit Kardiomyopathien empfohlen

Prof. Dr. Stefan Kääb, Klinikum der Universität München, nannte aktuelle Zahlen einer eigenen Studie. Die Inzidenz des plötzlichen Herztodes sei in der untersuchten Region in Niedersachsen über die Jahre 2002 bis 2009 mit jeweils etwa 81 pro 100.000 Einwohner „weitgehend gleich geblieben“, berichtete er. „13,2% der Gestorbenen waren jünger als 40 Jahre und 24,6% jünger als 50 Jahre; in diesen Altersgruppen betrug die Inzidenz 11,8 bzw. 20,4 pro 100.000 Einwohner.“

Bei den jüngeren Patienten spielten Genveränderungen, die mit Ionenkanalstörungen und/oder Arrhythmien verbunden sind, eine besonders große Rolle, so Kääb. „Hat ein Patient ein Long-QT-Syndrom, eine catecholaminerge polymorphe ventrikuläre Tachykardie (CPVT), eine arrhythmo­gene rechtsventrikuläre Dysplasie (ARVC) oder eine hypertrophe Kardiomyopathie, dann sollten wir einen Gentest machen“, riet er. „Das sind heute Routinetests, die von unserem Gesundheits­system erstattet werden.“ Bei 50% bis 80% dieser Personen werde man eine Genveränderung finden und dann sollten deren Angehörige gescreent werden.

 
Wir müssen uns bereit machen, auch in der Herzmedizin die genetische Veranlagung von Patienten besser zu erfassen. Prof. Dr. Hugo Katus
 

Auch die anderen Referenten des Joint-Symposiums der deutschen und finnischen Kardiologen zur Risikostratifizierung des plötzlichen Herztodes teilten diese Einschätzung. So antwortete Elliott auf die Frage, ob bei allen Personen mit Kardiomyopathien ein Gentest gemacht werden sollte: „Die Zeit ist reif dafür.“

Medikamente oder Defibrillatoren zur Prävention

Die Konsequenzen einer entdeckten kardialen Genmutation sind unterschiedlich. Oft genügen vergleichsweise einfache Maßnahmen, um die Patienten weitgehend vor dem plötzlichen Herztod zu schützen. So profitieren viele Patienten mit dilatativen Kardiomyopathien von Medikamenten wie ACE-Hemmern, Betablockern und Mineralokortikoid-Rezeptorantagonisten.

Patienten mit einer Mutation des Gens für Lamin – eines Proteins in der Kernmembran der Kardiomyozyten – entwickeln oftmals eine Herzinsuffizienz, haben aber zugleich ein besonders hohes Risiko, tachykarde ventrikuläre Arrhythmien zu erleiden und daran zu sterben. „Bei Nachweis einer solchen Mutation ist immer ein implantierbarer Defibrillator dringend angezeigt“, so Katus gegenüber Medscape.

Die Chance auf Prävention dürfe man nicht verpassen, betonte er bei der DGK-Pressekonferenz. Alle Risikopatienten sollten zur detaillierten Diagnose einschließlich Gentest in spezialisierte Zentren überwiesen werden: „Wir müssen uns bereit machen, auch in der Herzmedizin die genetische Veranlagung von Patienten besser zu erfassen.“



REFERENZEN:

1. 83. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie (DGK), 19. bis 22. April 2017, Mannheim

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