Broken-Heart-Syndrom: Unterschätzt, zu selten erkannt und langfristig so riskant wie ein akutes Koronarsyndrom

Roland Fath

Interessenkonflikte

4. Mai 2017

Mannheim – Die Tako-Tsubo-Kardiomyopathie (TAK), auch bekannt als Broken-Heart-Syndrom, ist vermutlich häufiger als gedacht und hat auch langfristig erheblichen Einfluss auf die Prognose. Laut Daten des internationalen TAK-Registers liegt die 5-Jahres-Mortalität bei über 60% und damit in einer ähnlichen Größenordnung wie bei Patienten mit akutem Koronarsyndrom (ACS).

Die TAK wurde erstmals 1991 von dem japanischen Arzt Dr. Hikaru Sato beschrieben. Während einer Koronarangiographie wurden bei dem Patienten Koronarspasmen und eine linksventrikuläre Dysfunktion dokumentiert, aber keine relevanten Stenosen gefunden. Einige Tage nach dem Eingriff war die linksventrikuläre Funktion wieder normal, und der Patient hatte sich auch weitgehend erholt.

Bei vielen Patienten ist emotionaler Stress der Auslöser der Kardiomyopathie. Als typische Patienten gelten ältere Frauen nach Verlust ihres Partners, deshalb die Bezeichnung Broken-Heart-Syndrom oder auch Stress-Kardiomyopathie. Mindestens ebenso häufig werden aber auch physische Triggerfaktoren identifiziert – z.B. akute Luftnot, eine Operation oder neurologische Erkrankungen wie ein epileptischer Anfall, berichtete Prof. Dr. Christian Templin vom Universitären Herzzentrum Zürich beim Symposium „Herz und Hirn“ während der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie (DGK) in Mannheim [1].

Gute Prognose scheint ein Irrtum zu sein

Lange Zeit glaubten die Kardiologen, dass die Patienten, wenn sie das potenziell lebensbedrohliche Akutereignis überleben, eine gute Prognose hätten. Schließlich erholen sich die meisten wieder rasch und vollständig. Diese Einschätzung scheint aber ein Irrtum zu sein. Patienten mit TAK haben laut neuen Daten auch langfristig eine ungünstige Prognose. Zudem wird die Häufigkeit des Syndroms unterschätzt und bei vielen das Syndrom vermutlich auch gar nicht diagnostiziert, wie der Schweizer Kardiologe sagte.

 
Nach den Erfahrungen am Zürcher Universitätsklinikum haben rund 2 Prozent aller Patienten mit Verdacht auf ein akutes Koronarsyndom ein Tako-Tsubo-Syndrom. Prof. Dr. Christian Templin
 

„Nach den Erfahrungen am Zürcher Universitätsklinikum haben rund 2 Prozent aller Patienten mit Verdacht auf ein akutes Koronarsyndrom ein Tako-Tsubo-Syndrom“, sagte Templin, einer der Mitinitiatoren des internationalen TAK-Registers. Bei Frauen liege der Anteil mit rund 6% noch höher – und es sei eine deutliche Zunahme zu verzeichnen.

Die Ursachen des Syndroms sind nicht eindeutig geklärt. Nach Daten des weltweiten TAK-Registers wurden bei 36% der Patienten physische Trigger, bei 27% emotionale Trigger wie Trauer, Wut/Frustration oder persönliche Konflikte und bei 8% beides gefunden.

„Wahrscheinlich wird das Syndrom durch eine Mikrozirkulationsstörung ausgelöst“, sagte Templin. Von Bedeutung seien auch erhöhte Stresshormonspiegel wie Katecholamine und die Aktivierung des Sympathikus. Im Rahmen einer TAK kann es zu lebensbedrohlichen Arrhythmien kommen, theoretisch kann auch ein Herzinfarkt getriggert werden, warnte der Kardiologe.

Ein Tako-Tsubo-Syndrom ist oft kein einmaliges Ereignis. Bei 5 bis 10% kommt es zu einem Rezidiv, bei rund 2% innerhalb eines Jahres. Unterschieden werden nach der Ejektionsfraktion und dem angiographischem Bild des linken Ventrikels 4 Typen von TAK, von denen der apikale Typ (apikales „ballooning“ des linken Ventrikels) mit einem Anteil von über 80% laut Registerdaten deutlich am häufigsten ist. An zweiter Stelle steht der midventrikuläre Typ (15%), gefolgt von basalem (2,2%) und fokalem Typ (1,5%).

Die überraschendsten Erkenntnisse aus dem Register betreffen aber die langfristig schlechte Prognose der Patienten. Die 5-Jahres-Mortalität beträgt demnach 65%, berichtete Templin. Aufgeschlüsselt worden sind die Daten aber noch nicht nach Begleiterkrankungen der Patienten – wie neurologischen Erkrankungen, die bei einer ungünstigen Prognose eine große Rolle spielen könnten.

 
Wer mit Stress besser umgehen kann, hat ein geringeres Risiko, einen plötzlichen Herztod zu erleiden. Prof. Dr. Dr. Karl-Heinz Ladwig
 

Deutsche Registerdaten: Einer von 10 Patienten überlebt das erste Jahr nicht

Bestätigt wird aber das hohe Mortalitätsrisiko durch Ergebnisse einer deutschen Arbeitsgruppe um PD Dr. Ingo Eitel vom Herzzentrum Lübeck, die den Verlauf bei 286 TAK-Patienten untersuchte und ihre Daten bei der DGK-Tagung ebenfalls vorstellten. Die Ein-Jahres-Mortalität lag hier bei 10%, die 4-Jahres-Mortalität bei 25%.

Das Tako-Tsubo-Syndrom ist bekanntlich nicht das einzige Beispiel für die Bedeutung von Stress und anderen negativen emotionalen Faktoren als unabhängige kardiovaskuläre Risikofaktoren. In verschiedenen Studien wurden bereits Wut, Ärger und Aggressivität mit einem erhöhten Risiko für kardiovaskuläre Komplikationen und einem plötzlichen Herztod korreliert, erinnerte der Psychosomatiker Prof. Dr. Dr. Karl-Heinz Ladwig vom Helmholtz Zentrum München-Neuherberg. Dabei sind aber nicht alle Menschen gleichermaßen gefährdet. Ladwig: „Wer mit Stress besser umgehen kann, hat ein geringeres Risiko, einen plötzlichen Herztod zu erleiden.“



REFERENZEN:

1. 83. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie (DGK), 19. bis 22. April 2017, Mannheim

Kommentar

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