Nach Infarkt oder Insult ans Steuer? Eine Formel kanadischer Kardiologen hilft, die Fahrtüchtigkeit zu beurteilen

Sonja Böhm

Interessenkonflikte

27. April 2017

Mannheim – Die Bevölkerung wird immer älter – und die Autofahrer auch. Für ältere Menschen mit kardiovaskulären Erkrankungen ist Autofahren häufig ein wesentlicher Aspekt ihrer noch erhaltenen Lebensqualität. Für den Arzt kreiert dies aber ein Dilemma: Welche Empfehlungen soll und kann man einem Patienten geben, der bereits einen Infarkt oder einen Schlaganfall erlitten hat? Ist er noch fahrtüchtig? Oder ist die Gefährdung für andere Verkehrsteilnehmer zu groß? Praktische Tipps und eine nützliche Berechnungsformel dazu gab es beim Kardiologenkongress.

Eigentlich trägt der Patient selbst die Verantwortung. „Wenn etwas passiert, ist er dran“, stellte der Berliner Neurologe Prof. Dr. Peter Marx in Mannheim klar. Doch: „Als Arzt sind Sie verpflichtet, ihn aufzuklären. Tun Sie das nicht, kann der Patient Sie in Regress nehmen.“

Kanadische „Risk-of-Harm“-Formel hilft bei der Einschätzung

Doch wie soll man aufklären? Die kanadische kardiovaskuläre Gesellschaft (Canadian Cardiovascular Society) hat sich mit diesem Problem schon seit den 90er Jahren beschäftigt und eine sogenannte „Risk of Harm“-Formel aufgestellt. Dr. Hermann H. Klein, ehemaliger Chefarzt der Kardiologie Klinikum Idar-Oberstein und Mit-Autor des DGK-Pocket-Positionspapiers „Fahreignung bei kardiovaskulären Erkrankungen“, stellte die Formel und deren praktische Anwendung anhand von Beispielen bei der Tagung vor. 

Mögliche kardiovaskuläre Ursachen einer plötzlichen Fahrunfähigkeit sind Durchblutungsstörungen des Gehirns (bei langsamem Herzschlag/Herzstillstand oder Kammertachykardien/Kammerflimmern oder Synkopen) sowie eine ausgeprägte Schwäche und dadurch mangelnde Kraft oder Konzentration (bei Herzinsuffizienz oder nach größeren OPs).

Laut der kanadischen Formel ist das „Risk of Harm“ (RH) direkt proportional zu 4 Faktoren:

  • der Zeit am Steuer (TD)

  • dem Fahrzeug-Typ (V): Privatfahrzeug bis 3,5 Tonnen (Gruppe 1) oder LKW, gewerblicher Personentransport wie Taxe, Krankenwagen, Bus (Gruppe 2),

  • dem Risiko einer plötzlichen Fahrunfähigkeit (SCI)

  • und der Wahrscheinlichkeit, dass ein Unfall mit schweren Verletzungen oder Tod einhergeht (Ac). 

Die Formel lautet dementsprechend: RH = TD x V x SCI x Ac.

Als internationale Grenze gilt ein Risiko von 1% pro Jahr für plötzlichen Kontrollverlust

Als Grenze für das Risiko, bei dem man noch von einer Fahrtüchtigkeit ausgehen kann, wird international (unter anderem von der EU) ein stabiler Zustand nach Herzinfarkt angenommen: Hier beträgt das Risiko eines plötzlichen Kontrollverlustes etwa aufgrund von plötzlichem Herztod, Synkope oder Schlaganfall etwa 1% pro Jahr (SCI = 0,01).

 
Als Arzt sind Sie verpflichtet, ihn aufzuklären. Tun Sie das nicht, kann der Patient Sie in Regress nehmen. Prof. Dr. Peter Marx
 

Weitere Annahmen für die Berechnung lauten: Berufsfahrer verbringen etwa 25%, Privatfahrer nur 4% der Zeit am Steuer (TD 0,25 für Berufs- und 0,04 für Privatfahrer). Laut der kanadischen Daten sind zudem LKW-Fahrer in 2% der Unfälle, aber in 7,2% der tödlichen Unfälle verwickelt. Klein: „Bei unseren Verhältnissen hier sind LKWs eher noch gefährlicher.“ Um diese Risikodiskrepanz zu beschreiben, wird in der Formel V für LKWs gleich 1 gesetzt, für PKWs beträgt sie 0,28. Und schließlich führen nach (allerdings alten) Daten nur rund 2% aller Fälle eines solchen plötzlichen Kontrollverlustes auch tatsächlich zu schweren Unfällen (Ac = 0,02) 

Klein erläuterte, wie sich die Formel nutzen lässt, am Fall eines Berufsfahrers – Bus oder LKW – mit stabilem Zustand nach Herzinfarkt: Sein Risiko, andere Verkehrsteilnehmer zu gefährden (RH) beträgt 0,25 (TD) x 1 (V) x 0,01 (SCI) x 0,02 = 0,00005. Oder anders ausgedrückt: 1 zu 20.000 pro Jahr. Das heißt: Bei 20.000 LKW-Fahrern mit stabilem Zustand nach Myokardinfarkt muss pro Jahr mit einem schweren Unfall eventuell mit Todesfolge aufgrund eines solchen Vorfalls gerechnet werden.

Um dieses Risiko anschaulicher zu machen, stellte Klein eine andere Zahl gegenüber: Im Jahr 2006 gab es in der Altersgruppe der 18- bis 20-Jährigen rund einen unfall-bedingten Todesfall auf 1.000 zugelassene PKW. „Bei den jungen Autofahrern sind wir, was das Risiko angeht, viel großzügiger.“

Kommentar

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