„Medikationsfehler sind grundsätzlich vermeidbar“ – Experten diskutieren, welche Maßnahmen notwendig sind

Susanne Rytina

Interessenkonflikte

26. April 2017

Bonn – Wie können Medikationsfehler vermieden werden? Welche Strategien sind geeignet, um die Medikationssicherheit zu verbessern? Auf dem „Patient Safety Summit“ in Bonn diskutierten 300 nationale und internationale Experten Aspekte der Arzneimitteltherapie-Sicherheit [1].

Prof. Dr. Wolf-Dieter Ludwig

Die Kernbotschaft an die Politik lautete, sie möge die personellen Voraussetzungen im ambulanten und stationären Bereich bereitstellen, um Fehler zu vermeiden. Zum Beispiel könnte die Medikationssicherheit im Krankenhaus bei der Einweisung und Entlassung verbessert werden, indem Pharmakologen eingebunden werden.

Medikationsfehler im gesamten Prozess

„Medikationsfehler sind grundsätzlich vermeidbar. Sie können im gesamten Medikationsprozess von der Verordnung bis zur Verabreichung von Arzneimitteln auftreten“, sagte der Vorsitzende der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft (AkdÄ), Prof. Dr. Wolf-Dieter Ludwig, der den Workshop zur Arzneimitteltherapie-Sicherheit leitete. Rund 3 bis 5% der Krankenhauseinweisungen erfolgen aufgrund von Fehlern bei der Arzneimitteltherapie, so Ludwig, Chefarzt der Klinik für Hämatologie, Onkologie und Tumorimmunologie, Helios Klinikum Berlin-Buch.

„Wir müssen die Ursachen für Medikationsfehler noch besser analysieren“, forderte er. „Wenig zielführend ist es, sich auf die individuellen Fehler beim Arzt zu konzentrieren, sondern wir sollten auf die Systemebene schauen und dort die Rahmenbedingungen verbessern.“

 

 
Medikationsfehler sind grundsätzlich vermeidbar. Prof. Dr. Wolf-Dieter Ludwig
 

Die Arzneimitteltherapiesicherheit sei leider noch nicht in notwendigem Umfang in die Medizinerausbildung in Deutschland integriert worden. „Das Absurde ist, dass die Medizinstudenten in unserem System sehr genau wissen, wie zum Beispiel Arzneimittel Signalwege molekularbiologisch und genetisch in der Zelle beeinflussen. Aber sie werden nicht ausreichend darüber informiert, wie Medikationsfehler vermieden und die Arzneimitteltherapie-Sicherheit im praktischen Alltag gewährleistet wird“, kritisierte Ludwig.

Aktionsplan des BMG

Ludwig präsentierte auf dem „Patient Safety Summit“ Lösungsansätze aus deutscher Sicht im Zuge des Aktionsplanes des Bundesministeriums für Gesundheit (BMG), um die Arzneimitteltherapiesicherheit zu verbessern.

  • Verschiedene Initiativen des Aktionsplans des BMG versuchen, verstärkt zu informieren – wie das Bulletin zur Arzneimittelsicherheit mit Informationen des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM ) und des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI ) oder das mit dem Blaue-Hand-Logo versehene offizielle Schulungsmaterial für Ärzte und Patienten zur sicheren Anwendung einzelner Arzneimittel.

  • Hierzu zählen auch Projekte, die gemeinsam mit dem Aktionsbündnis Patientensicherheit durchgeführt werden: z.B. Empfehlungen, wie besonders riskante Arzneimittel sicher angewendet werden können – in Anlehnung an eine Initiative des Institute for Safe Medication Practise (ISMP) mit seiner High Alert Medication List .

  • Ein weiteres Projekt ist die Online-Datenbank embryotox,de – Arzneimittelsicherheit in Schwangerschaft und Stillzeit: Hier sind über 400 Wirkstoffe und über 800 Produktnamen in einer Datenbank alphabetisch aufgelistet.


Aufgrund des demografischen Wandels entstünden durch die Polypharmazie immer mehr Risiken, sagte Ludwig. In Deutschland ist daher der Medikationsplan verpflichtend eingeführt worden für Patienten, die 3 oder mehr Medikamente bekommen. „Ich halte den Medikationsplan für unverzichtbar, aber wir müssen den Plan auch den Patienten verständlich erklären“, so der AkdÄ-Vorsitzende.

Medikationsplan – was versteht der Patient?

Prof. Dr. Martin Schulz von der Arzneimittelkommission der Deutschen Apotheker stellte in seiner Präsentation dar, dass viele Patienten den Medikamentenplan nicht verstehen. Die Hauptgründe für Fehler in der Hausarztpraxis liegen laut Schulz in den Organisationsabläufen, in der Dokumentation, aber auch in der Selbstmedikation durch den Patienten. Auch Interaktionen zwischen den Medikamenten und die fehlende Adhärenz seien eine Bedrohung für die Medikationssicherheit.

 
Wenig zielführend ist es, sich auf die individuellen Fehler beim Arzt zu konzentrieren, sondern wir sollten auf die Systemebene schauen und dort die Rahmenbedingungen verbessern. Prof. Dr. Wolf-Dieter Ludwig
 

Generell seien Fehler zwischen den verschiedenen Informationsquellen – Arzt, Apotheker und Patient – eher die Regel als die Ausnahme. Nur in 7 bis 24% der Fälle passierten keine Fehler. Was laut Schulz am häufigsten vorkommt: Der Patient nimmt eine Medikation zusätzlich, die abernicht dokumentiert ist.

Der Medikationsplan stellt eine Hilfe für Patienten dar, die dazu tendieren, etwas zu vergessen oder die Informationen des Arztes falsch zu verstehen. Künftig müsse es das Ziel sein, den Plan ständig zu aktualisieren und auf potenzielle Sicherheitsrisiken zu checken – und dies nicht nur in Papierform, sondern auch elektronisch, so Schulz

Erfolgskritische Faktoren und Lösungsansätze

Welche Faktoren stehen der Medikamentensicherheit im Wege? Prof. Dr. Daniel Grandt von der AkdÄ, Chefarzt der Klinik für Innere Medizin am Klinikum Saarbrücken, beschrieb in seiner Präsentation die erfolgskritischen Faktoren. Vor allem Verschreibungsfehler seien eine wesentliche Ursache für vermeidbare Nebenwirkungen der Medikamentenbehandlung.

Fehler passieren auf 3 Ebenen:

1. Ebene Gesundheitssystem:
 • nötige Informationen über den sicheren Gebrauch von Arzneien fehlen
 • minderwertige oder gefälschte Arzneien
 • fehleranfällige Bedingungen: ähnlich verpackte Medikamente mit unterschiedlicher Wirkung, ähnlich klingende Medikamente, Prozessabläufe und Ressourcen
 • Medikamente sind nicht verfügbar oder zu teuer

2. Ebene der Behandler:
 • inadäquates Verschreiben: Unkenntnis über das Medikament, mangelnde Informationen über den Patienten, Mangel an medizinischem Wissen
 • fehlendes Follow-up
 • fehlendes Erkennen von Nebenwirkungen

3. Ebene des Patienten:
 • fehlende Adhärenz


Eine bessere Medikamentensicherheit erfordert nach Ansicht von Grandt unter anderem ein Barcode-System für Medikamente, Inhaltsstoffe, Dosierung und Laborergebnisse – idealerweise als internationaler Standard. Als weitere Maßnahmen empfiehlt er einen jährlichen systematischen Medikamenten-Review. Das deutsche Sozialrecht sollte explizit das Recht des Patienten auf Medikamentensicherheit festschreiben, forderte Grandt.

 
Medizinstudenten werden nicht ausreichend darüber informiert, wie Medikationsfehler vermieden und die Arzneimitteltherapie-Sicherheit im praktischen Alltag gewährleistet wird. Prof. Dr. Wolf-Dieter Ludwig
 

Informationssysteme besser verknüpfen und Apotheker einbinden

„Nicht einzelne Maßnahmen greifen, sondern nur die Kombination verschiedener Interventionen, die die Arzneimitteltherapie-Sicherheit verbessern, führen zum Erfolg“, erläuterte Ludwig. Es brauche auch künftig mehr wissensbasierte Systeme und Instrumente, die helfen – etwa im Rahmen der Multimedikation – Wechselwirkungen zu entdecken bzw. die Dosierung von Arzneimitteln an eine eingeschränkte Nieren- oder Leberfunktion anzupassen.

Solche Systeme gebe es bereits in deutschen Kliniken, doch sie hätten nur einen Sinn, wenn sie mit dem Krankenausinformationssystem verknüpft seien, so Ludwig. Diese Informationssysteme müssten jedoch so konzipiert sein, dass sie die Arbeit des Arztes erleichtern: etwa die aktuelle Medikation und konkrete Empfehlungen zur Einnahme der Arzneimittel am Ende automatisch in den Arztbrief einfügen.

 
Kein Arzt kann bei bis zu 5 oder sogar mehr Medikamenten, die der Patient nimmt, genau wissen, welche Wechselwirkungen es geben kann. Prof. Dr. Wolf-Dieter Ludwig
 

„Wenn etwas durch klinische Studien gut belegt und evidenzbasiert ist, dann ist es die Einbindung von Krankenhausapothekern in die klinische Betreuung der Patienten während des stationären Aufenthaltes. Dies entlastet die Ärzte und verbessert die Arzneimitteltherapiesicherheit erheblich“, betonte Ludwig. „Kein Arzt kann bei bis zu 5 oder sogar mehr Medikamenten, die der Patient nimmt, genau wissen, welche Wechselwirkungen es geben kann“ sagt er.

WHO-Kampagne „Medication without harm“

Die WHO eröffnete in Bonn im Rahmen des Workshops den nächsten Schritt ihrer seit Jahren geführten Kampagne zur Patientensicherheit, speziell im Bereich der Medikamentensicherheit, mit dem Titel „Medication without harm“.

Die WHO verfolgt mit ihrer Kampagne „Medication without harm“ das Ziel, in den nächsten 5 Jahren weltweit 50% der Medikationsfehler zu vermeiden. Sie werde Strategien entwickeln, um die weltweite Herausforderung zu meistern, wie in einer Präsentation von Dr. Neelam Dhingra (WHO) dargestellt wurde. Dazu werden verschiedene Arbeitsgruppen eingerichtet, die sich auf die Themen Patienten, Gesundheitspersonal, System und Praktiken beziehen.

Vor allem geht es darum, Aufmerksamkeit und Bewusstsein für das Thema zu schaffen und entsprechendes Schulungsmaterial zu entwickeln. Außerdem sollen Länderprogramme zur Medikationssicherheit entwickelt und implementiert werden, vor allem mit den Schwerpunkten riskante Situationen, Polypharmazie und Versorgungsschnittstellen.



REFERENZEN:

1. Patient Safety Summit. Pressemitteilung des BMG vom 31. März 2017

Kommentar

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