„Spenden oder vernichten“ – britische Medien decken auf, mit welchen Mitteln der Preiskampf um Krebsmedikamente geführt wird

Nick Mulcahy

Interessenkonflikte

26. April 2017

In einer kürzlich öffentlich gewordenen E-Mail hat ein leitender Angestellter eines großen pharmazeutischen Unternehmens erwogen, im Rahmen eines Preiskampfes mit spanischen Gesundheitsbehörden Bestände generischer Krebsmedikamente zu vernichten, wie die britische Tageszeitung The Times kürzlich berichtet hat.

Der Vorschlag kam 2014 in einem Austausch mit einem anderen Angestellten von Aspen Pharmacare zur Sprache. Das Unternehmen hat nach eigenen Angaben einen Marktwert von 10 Milliarden US-Dollar (ca. 9,3 Milliarden Euro) und vertreibt seine Medikamente weltweit.

Aspen nutzt Monopolstellung für Preiserhöhungen von bis zu 4.000 Prozent

Zu der Zeit befand sich Aspen in Verhandlungen mit dem spanischen Gesundheitsministerium über den Preis von 5 generischen Krebsmedikamenten. Aspen versuchte angeblich, die Preise um bis zu 4.000% nach oben zu treiben, nachdem es die Medikamente von GlaxoSmithKline (GSK) übernommen hatte.

Aspen habe auch damit gedroht, den Verkauf der Krebsmedikamente in Spanien einzustellen, wenn sich das Land nicht auf die Preiserhöhungen einlasse, schreibt The Independent , eine andere britische Zeitung. Die Preiserhöhungen in Spanien seien Teil der Unternehmensstrategie gewesen, die Preise für die Medikamente in ganz Europa anzuheben, heißt es in den Zeitungsberichten.

Zu den 5 Medikamenten gehörte unter anderem Busulfan (Aspen-Markenname: Myleran®), das zur Behandlung der chronisch myeloischen Leukämie (CML) und zur Konditionierungsbehandlung vor Stammzelltransplantationen eingesetzt wird. In England und Wales stieg der Preis von Busulfan 2013 von 5,20 Pfund (ca. 6,22 Euro) auf 65,22 Pfund (ca. 78,11 Euro) pro Tablettenpackung – ein Anstieg um mehr als 1.100% – dies nachdem Aspen die Kontrolle über das Produkt übernommen hatte.

Ein anderes Medikament ist Chlorambucil (Aspen-Markenname: Leukeran®), das zur Behandlung der chronisch lymphatischen Leukämie (CLL) und von Hodgkin-Lymphomen eingesetzt wird. Auch sein Preis stieg in den beiden Ländern im gleichen Jahr pro Tablettenpackung von 8,36 Pfund (ca. 10,01 Euro) auf 40,51 Pfund (ca. 48,51 Euro).

Auch Mercaptopurin (Aspen-Markenname: Puri-Nethol®) gehörte zu diesen Medikamenten. Es wird bei akuter lymphatischer Leukämie (ALL) eingesetzt. Die Aspen-Medikamente sind alle generisch, doch laut den Berichten gibt es kaum Wettbewerbsprodukte anderer Herstellern.

Aspen versuchte den Berichten zufolge auch in Italien durch künstliche Verknappung seiner Produkte oder die Androhung von Lieferstopps, die Gesundheitsbehörden zu zwingen, die erhöhten Preisforderungen zu akzeptieren. Die Kosten generischer Medikamente sind weltweit ein Problem. Im Januar berichtete Medscape , dass mehrere generische Medikamente in den letzten Jahren in Großbritannien um 1.000% teurer geworden sind.

„Spenden oder vernichten“

In Spanien verschlimmerte sich die Situation so weit, dass Aspen ab Mai 2014 die Direktlieferungen der 5 Medikamente einstellte. Etwa ein halbes Jahr später, im Oktober, fragte ein Mitarbeiter im Europa-Hauptquartier von Aspen in Dublin, was mit den übrig gebliebenen Krebsmedikamenten, die für den spanischen Markt gedacht waren, geschehen soll.

Ein leitender Angestellter meinte darauf hin, die Medikamente könnten aufgrund des Preisstreites nicht verkauft werden, und wenn das spanische Gesundheitsministerium sich nicht auf die höheren Preise einlasse, sei „die einzige Möglichkeit, den Bestand zu spenden oder zu vernichten“.

Firma dementiert Absicht hinter Lieferengpässen

Dr. Andrew Hill vom Department of Pharmacology and Therapeutics der University of Liverpool bezeichnet einige der Preiserhöhungen als „unverschämt“. Wie er erklärt, kommen die Arzneimittelhersteller jedoch mit diesen Preiserhöhungen davon, weil sie das Monopol auf ein bestimmtes Produkt haben. Der Bericht stellt auch klar, dass Aspens Busulfan, das in Indien produziert wird, dort etwa 0,03 Pfund (ca. 0,0359 Euro) pro Tablette kostet.

Aspen hat sich nicht öffentlich zu den Berichten über die Vernichtung von Arzneimitteln geäußert. In The Times sagte Dennis Dencher, Geschäftsführer von Aspen Pharma Europe, dass die Preiserhöhungen des Unternehmens „die langfristige und nachhaltige Versorgung der Patienten sichern“ sollen und sie ausgehend von einem „sehr niedrigen und unhaltbaren Ausgangswert“ erfolgt seien. Lieferengpässe der Krebsmedikamente von Aspen seien nicht vorsätzlich herbeigeführt worden, sagte er.


Dieser Artikel wurde von Nadine Eckert von www.medscape.com übersetzt und adaptiert.

Kommentar

3090D553-9492-4563-8681-AD288FA52ACE
Wir bitten darum, Diskussionen höflich und sachlich zu halten. Beiträge werden vor der Veröffentlichung nicht überprüft, jedoch werden Kommentare, die unsere Community-Regeln verletzen, gelöscht.

wird bearbeitet....