HIV bei Migranten: Angebote zu Diagnose und Therapie erreichen viele nicht – Experten kritisieren Fehler bei der Versorgung

Michael van den Heuvel

Interessenkonflikte

21. April 2017

München – Die bundesweit steigende Zahl an HIV-Neuinfektionen  geht teilweise auf Flüchtlinge zurück, die sich im Heimatland, auf der Flucht  oder in Deutschland infizieren. Das verdeutlichen aktuelle Zahlen, die auf dem  Symposium „Migration und Gesundheit“ im Rahmen der 7. Münchner AIDS- und Hepatitiswerkstatt  vorgestellt wurden [1]. Alle Diskutanten forderten gezielte Angebote zu  Diagnose, Therapie und Prävention für Flüchtlinge, insbesondere für Frauen, die  häufig Missbrauch und sexuelle Gewalt erfahren.

„Das Robert Koch-Institut (RKI)  führt vermehrte  HIV-Diagnosen seit 2013 auf die stärkere Migration aus Subsahara-Afrika nach  Deutschland zurück“, erläuterte Prof. Dr. August Stich, Chefarzt der Fachabteilung für importierte und seltene  Infektionskrankheiten, Gesundheitsberatung vor Fernreisen und Migrantenmedizin  am Klinikum Würzburg Mitte. Migrantinnen verdienen laut Stich als Risikogruppe  besondere Beachtung: „Viele  Frauen berichten von Gewalt, Missbrauch und Zwangsprostitution. Hinzu kommt die  Prostitution aus einer finanziellen Notlage heraus.“

Warum greifen die Angebote zu Diagnostik  und Therapie nicht?

Doch Ärzte  erreichten diese Frauen kaum mit etablierten Angeboten zu Diagnostik oder  Therapie. „Dass etwa Patientinnen eine Therapie vielleicht ablehnen, hat  unterschiedliche Gründe“, erklärte Ulrike  Sonneberg-Schwan vom FrauenGesundheitsZentrum  München. „Sie sehen Gefahren für sich und – im Falle einer Schwangerschaft  – für ihr Kind.“

 
Das Robert Koch-Institut führt vermehrte HIV-Diagnosen seit 2013 auf die stärkere Migration aus Subsahara-Afrika nach Deutschland zurück. Prof. Dr. August Stich
 

Darüber  hinaus gelte HIV gerade bei Afrikanerinnen als gesellschaftliche Stigmatisierung,  so Sonneberg-Schwan. „Bewährt hat sich der Einsatz von Multiplikatoren, also  Peers, aus einem ähnlichen Kulturkreis.“ Diese könnten Aufklärung leisten oder  Hilfsangebote vermitteln.

Infektionswege nach Regionen verschieden

Ende  2015 lebten rund 84.700 Menschen mit einer HIV-Infektion in Deutschland. Unter  ihnen befanden sich 11.300 (15%) Personen aus Drittstaaten, die sich auch im  Ausland mit HIV angesteckt hatten. Bei den ca. 5.900 in Afrika erworbenen  Infektionen (52%) ließen sich vor allem Übertragungswege über heterosexuelle  Kontakte eruieren.

Die  2.700 in anderen Ländern Europas erworbenen Infektionen (24%) standen verstärkt  mit Männern, die Sex mit Männern haben (MSM) und mit intravenös applizierten  Drogen in Zusammenhang. Und die ca. 1.900 in Asien erworbenen Infektionen (17%)  gingen sowohl auf heterosexuell erworbene Infektionen als auch auf Infektionen  bei MSM zurück.

 
Viele Frauen berichten von Gewalt, Missbrauch und Zwangsprostitution. Hinzu kommt die Prostitution aus einer finanziellen Notlage heraus. Prof. Dr. August Stich
 

Neuinfektionen in Deutschland vorbeugen

Doch  nicht alle Infektionen unter Migranten sind „importiert“. „Jede vierte HIV-Infektion  erfolgt nicht im Herkunftsland, sondern bei uns“, schätzt Stich. Er  kritisierte in diesem Zusammenhang Barrieren zwischen Diagnostik und Therapie: „Viele  Migranten werden zwar bei der Einreise auf HIV getestet, insbesondere in  Bayern. Das Ergebnis des Tests erreicht sie aber nicht.“ Außerdem sei eine  fachärztliche Betreuung häufig nicht möglich. Unterkünfte befinden sich nicht  selten in abgelegenen Regionen ohne Spezialisten in der Umgebung.

Der  Abbau solcher räumlichen Barrieren würde sich nicht nur positiv auf die  medizinische Versorgung von Asylsuchenden auswirken, sondern würde auch dazu  beitragen, Infektionsrisiken, etwa innerhalb afrikanischer Gemeinschaften, in  Deutschland zu vermindern.

Zu  welchen Problemen es durch fehlende Diagnostik und Therapie kommt, veranschaulicht Dr. Andrea Gingelmaier, Gynäkologin  aus München, anhand mehrerer Fallbeispiele. „Wir sehen Frauen, die im 9. Monat  schwanger sind und noch nie beim Frauenarzt waren“, berichtete sie. „Bei  Screenings finden wir manchmal HIV-Antikörper und versuchen, möglichst rasch  mit der antiretroviralen Behandlung zu beginnen.“ Das sei nicht immer  erfolgreich. Häufig habe sich ein Kind bereits intrauterin infiziert.

 
Jede vierte HIV-Infektion erfolgt nicht im Herkunftsland, sondern bei uns. Prof. Dr. August Stich
 

Gingelmaier  berichtet von einer Odyssee mancher Patientinnen, die nach einer Verlegung in  andere Unterkünfte plötzlich keinen Zugang zu Fachärzten mehr hatten. Manche Krankenhäuser  hätten sich in der Vergangenheit geweigert, Patientinnen mit HIV zu entbinden.  Zumindest bei unkomplizierten Schwangerschaften werde dies jetzt geleistet.



REFERENZEN:

1. 7.  Münchner AIDS- und Hepatitiswerkstatt, 24. bis 25. März 2017, München

Kommentar

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