Unerwünschte Effekte durch verschiedene Therapien des Prostatakarzinoms: Wie bewerten sie Patienten?

Michael van den Heuvel

Interessenkonflikte

20. April 2017

In  letzter Zeit wurden etliche Studien veröffentlicht, die Therapien des Prostatakarzinoms  aus onkologischer Sicht miteinander verglichen haben. 2 neue Studien, die  kürzlich im Journal of the American  Medical Association publiziert worden sind, sind nun der Frage nachgegangen,  wie die Patienten selbst die Therapieeffekte beurteilen.

Auch  aus Patientensicht ging jede Therapie mit spezifischen unerwünschten Effekten  einher. Die detaillierten Ergebnisse erleichtern es Ärzten und Patienten jedoch,  die entscheidende Frage zu beantworten: Was ist man bereit, an Lebensqualität  zu verlieren, um letztlich an Lebensqualität zu gewinnen?

„Patient Reported Outcomes werden  für die Beratung von Patienten immer wichtiger“, sagt Prof. Dr. Peter Hammerer, Chefarzt der  Klinik für Urologie und Uroonkologie am Klinikum Braunschweig, zu Medscape. „Die aktuellen Ergebnisse  stehen in Einklang mit der ProtecT-Studie“.  Jede aktive Behandlung wie OP oder Bestrahlung habe – wenig überraschend – Einfluss  auf die Kontinenz oder die sexuelle Funktion. „Andererseits zeigen die Daten,  dass sich mit längeren Follow-up die Ergebnisse angleichen.“ Seine  Einschätzung: „Das Besondere an der Arbeit ist, dass einzelne Bereiche der  Lebensqualität separat betrachtet werden.“

Prostatektomie und externe  Strahlentherapie versus aktive Überwachung

In  seine prospektive, populationsbasierte Kohortenstudie nahm Dr. Daniel A. Barocas vom Vabderbilt University Medical Center,  Nashville, USA, 2.550 Männer auf [1]. Bei allen Teilnehmern hatten Ärzte in den  letzten 6 Monaten ein lokales Prostatakarzinom im Stadium cT1-2 diagnostiziert.  In 1.523 Fällen (59,7%) entschieden sich Ärzte für eine radikale Prostatektomie  und 598 (23,5%) Patienten erhielten eine externe Strahlentherapie. 429 Personen  (16,6%) wurden aktiv überwacht, ohne sofort zu behandeln.

 
Patient Reported Outcomes werden für die Beratung von Patienten immer wichtiger. Prof. Dr. Peter Hammerer
 

Barocas  und seine Kollegen erfassten 36 Monate nach der Aufnahme von Studienteilnehmern  die Therapiebeurteilungen aus Patientensicht (Patient Reported Outcomes, PROs).  Dazu verwendeten sie den Expanded Prostate  Cander Index Composite (EPIC) mit 0 bis 100 Punkten pro Fragestellung. Als  klinisch relevanten Unterschied definierten sie 10 bis 12 Punkte für sexuelle  Funktionsstörungen, 6 für Inkontinenz, 5 für Reizungen im Urogenitaltrakt, 6  für Verdauungsbeschwerden und 4 für hormonelle Störungen.

„In  dieser Kohorte führten radikale Prostatektomien zu Verschlechterung der  Sexualfunktion und der Inkontinenz, verglichen mit Bestrahlungen oder mit  aktiver Überwachung“, fasst Barocas die Ergebnisse zusammen. Prostatektomien  schnitten im Vergleich zu Bestrahlungen hinsichtlich mehrerer PROs signifikant  schlechter ab. Der Unterschied lag bei 11,9 Punkten für sexuelle Funktionen und  bei 18,0 Punkte für Inkontinenz. Nach chirurgischen Eingriffen verringerten  sich jedoch Reizungen im Urogenitaltrakt, verglichen mit der aktiven Überwachung.  Die Differenz betrug 5,2 Punkte.

Prostatektomie, Brachytherapie und  Strahlentherapie versus aktive Überwachung

Fast zeitgleich  untersuchte Dr. Ronald C. Chen,  University of North Carolina at Chapel Hill, USA, die Lebensqualität nach  unterschiedlichen Behandlungsverfahren [2]. An seiner populationsbasierten,  prospektiven Kohortenstudie nahmen 1.141 Männer mit neu diagnostiziertem  Prostatakarzinom teil.

314  (27,5%) wurden aktiv überwacht. Bei 469 (41,1%) führten Ärzte eine radikale  Prostatektomie durch, bei weiteren 249 (21,8%) eine externe Bestrahlung und bei  109 (9,6%) eine Brachytherapie. Nach 3, 12 und 24 Monaten erfasste Chen Beschwerden  über sogenannte Prostate Cancer Symptom Indices. Das Spektrum reicht jeweils  von 0 bis 100 Punkten.

Als  Basiswerte seiner Kohorte gibt der Forscher 41,8 bis 46,4 Punkte bei sexuellen  Dysfunktionen, 20,8 bis 22,8 bei Harndrang beziehungsweise Irritationen im  Urogenitaltrakt, 9,7 bis 10,5 bei Harninkontinenz und 5,7 bis 6,1 bei  Verdauungsstörungen an.

 
Die Studien liefern jedenfalls Daten für eine ehrliche Aufklärung über verschiedene Methoden. Prof. Dr. Peter Hammerer
 

Nach 3  Monaten fand Chen folgenden Unterschiede: Verglichen mit aktiver Überwachung verschlechterten  sich sexuelle Dysfunktionen um 36,2 Punkte (Prostatektomie), 13,9 (Bestrahlung)  und 17,1 Punkte (Brachytherapie). Bei Irritationen im Urogenitaltrakt ging der  Score um 33,6 vs 11,7 vs 20,5 Punkte nach oben. Diese Tendenzen zeigten sich  auch nach 24 Monaten. „Jede Therapie ging mit spezifischen unerwünschten  Effekten einher“, so Chen. 

Sich Zeit lassen für Entscheidungen

In  einem Editorial resümieren Dr. Freddie C. Hamdy von der University of  Oxford und Kollegen, welchen Erkenntnisgewinn beide Studien bringen [3]: „Jeder  Patient sollte sich die Zeit nehmen, zusammen mit dem behandelnden Arzt zu  besprechen, welche Risiken mit einer Therapie oder einer Überwachung in  Zusammenhang stehen.“

Alle  Therapien gingen letztlich mit unerwünschten Effekten einher. Dies sei  langfristig auch unter aktiver Überwachung der Fall, so Hammerer. „Die Studien liefern jedenfalls  Daten für eine ehrliche Aufklärung über verschiedene Methoden.“



REFERENZEN:

1. Barocas DA, et al: JAMA  2017;317(11):1126-1140

2. Chen RC, et al: JAMA  2017;317(11):1141-1150

3. Hamdy FC, et al: JAMA  2017;317(11):1121-1123

Kommentar

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