Gut bei Diabetes, aber schlecht fürs Gehirn? Studie findet unter Metformin erhöhtes Risiko für Parkinson und Alzheimer

Deborah Brauser

Interessenkonflikte

18. April 2017

Wien – Unter der langfristigen Einnahme des Antidiabetikums  Metformin erhöht sich nach einer neuen Studie bei Patienten mit Typ-2-Diabetes das  Risiko für neurodegenerative Erkrankungen.

           

Dr. Yi-Chun Kuan

           

Die taiwanesische  Kohortenstudie beobachtete über 12 Jahre rund 9.300 Typ-2-Diabetiker. Dabei war  das Risiko für die Entwicklung einer Parkinson- oder Alzheimer-Krankheit in der  Metformin-Gruppe auch nach Berücksichtigung mehrerer Störvariablen im Vergleich  zu einer Kontrollgruppe ohne Metformin immer noch mehr als doppelt so hoch.

Zudem erhöhte sich das  Risiko progressiv mit der Höhe der Dosierung und der Dauer der Anwendung.

Die Ergebnisse sind auf  der diesjährigen 13. International Conference on Alzheimer's and Parkinson's  Diseases in Wien von Dr. Yi-Chun Kuan vom Shuang Ho Hospital der Taipei Medical University in New Taipei City,  Taiwan, als Poster vorgestellt worden [1].

Interessant dabei ist  auch, dass erst kürzlich Untersuchungen den Schluss nahegelegt  hatten, dass Metformin eine protektive Wirkung gegenüber neurodegenerativen  Erkrankungen haben könnte. Gegenüber Medscape sagte Kuan dazu, dass „einige Studien positive und einige negative Ergebnisse aufgezeigt“  hätten, wobei er und seine Mitautoren nun dem Ganzen unter Verwendung des  eigenen Datenmaterials nachgehen wollten.

„Wir hatten von diesem möglichen protektiven Effekt  des Metformins gehört, doch zeigen unsere Ergebnisse das Gegenteil“, fuhr  sie fort. Sie betonte, dass groß angelegte prospektive Studien in anderen  Ländern erforderlich seien, um diese Frage definitiv zu beantworten.

Parkinson und Alzheimer unter Metformin signifikant  häufiger

In früheren  Untersuchungen habe sich bereits eine Assoziation zwischen Typ-2-Diabetes und  einem erhöhten Risiko für neurodegenerative Erkrankungen gezeigt, doch welche  Rolle die antidiabetische Medikation dabei spiele, sei offen geblieben. Kuan  und ihr Team untersuchten nun die Aufzeichnungen von 4.651 Typ-2-Diabetikern, die  Metformin erhalten hatten, aus der Datenbank der Nationalen Krankenversicherung  in Taiwan, und verglich diese mit einer Kontrollgruppe aus ebenfalls 4.651 Personen ohne diese Medikation.

 
Wir hatten von diesem möglichen protektiven Effekt des Metformins gehört, doch zeigen unsere Ergebnisse das Gegenteil. Dr. Yi-Chun Kuan
 

Nachdem sie für Faktoren  wie Alter, Geschlecht und Schwere des Diabetes statistisch korrigiert hatten,  „waren die kumulativen Inzidenzen für die Parkinson- und die  Alzheimer-Krankheit in der Metformin-Kohorte“ nach 12 Jahren signifikant höher  (P < 0,001), berichtete Kuan.

Tabelle 1. Outcome mit und ohne Metformin-Einnahme

           

Outcome

           
           

Ereignisse (%)
           (Metformin vs    Kontrolle)

           
           

Adjustierte Hazard    Ratio
           (95%-Konfidenzintervall)

           
           

Parkinson-Krankheit

           
           

6,85 vs 2,78

           
           

2,27 (1,66–3,07)

           
           

Demenz insgesamt

           
           

11,5 vs 6,7

           
           

1,66 (1,35–2,04)

           
           

Alzheimer-Krankheit

           
           

1,64 vs 0,83

           
           

2,13 (1,20–3,79)

           
           

vaskuläre Demenz

           
           

1,64 vs 0,69

           
           

2,30 (1,25–4,22)

           


Darüber hinaus stieg das  Risiko für eine dieser neurodegenerativen Erkrankungen mit zunehmender Dosis  und Dauer der Metformin-Gabe an, was besonders für eine Einnahmedauer von mehr  als 300 Tagen und eine kumulative Dosis von mehr als 240 g galt.

Tabelle 2. Vergleich nach Metformin-Einnahmedauer

Risiko nach Einnahmedauer
           
(in Tagen = d)
Ereignisse  (%) Adjustierte  Hazard Ratio
           (95%-Konfidenzintervall)
           

Parkinson-Krankheit

           
< 180  d 5,90 1,77  (1,17–2,68)
180 - 300  d 4,30 1,46  (0,90–2,37)
300 - 400  d 6,05 2,20  (1,47–3,28)
≥ 400  d 14,3 4,49  (3,06–6,58)
           

Demenz  insgesamt

           
< 180  d 7,99 1,02  (0,74–1,41)
180 - 300  d 11,4 1,79  (1,32–2,43)
300 - 400  d 10,4 1,61  (1,21–2,16)
 ≥ 400 d 20,6 2,84 (2,12–3,82)


Tabelle 3. Vergleich nach kumulativer Metformin-Dosis

Risiko nach Dosis
           
(in Gramm = g)
Ereignisse  (%) Adjustierte  Hazard Ratio
           (95%-Konfidenzintervall)
           

Parkinson-Krankheit

           
< 130  g 5,36 1,58  (1,02–2,44)
130 - 240  g 6,80 2,21  (1,45–3,35)
240 - 385  g 6,19 2,14  (1,41–3,25)
> 385  g 9,38 3,54  (2,41–5,20)
           

Demenz  insgesamt

           
< 130  g 9,97 1,22  (0,90–1,67)
130 - 240  g 12,0 1,61  (1,19–2,17)
130 - 240  g 12,3 2,06  (1,54–2,75)
 > 385  g 11,9 1,97  (1,45–2,68)


Kuan sagte, dass sie  gerne auch noch nach möglichen Assoziationen bei anderen Antidiabetika wie  Insulin oder Sulfonylharnstoffen forschen würde. „Ich bin Neurologin und wüsste  gerne, welche Medikamente für meine Patienten die besten sind. Unsere Studie  hat auch ihre Grenzen. Ich kann nicht sicher sagen, ob unsere Ergebnisse zu den  Risiken real sind.“ Doch sollten Kliniker nach ihrer Auffassung diese Ergebnisse  im Hinterkopf behalten.

Andere Forscher überrascht und skeptisch

Dr. Larry Ereshefsky von der Follow the  Molecule Consulting Group in Los Angeles sagte auf die Bitte um eine  Stellungnahme gegenüber Medscape,  dass ihn die Ergebnisse sehr überraschten, aber auch skeptisch machten.

 
Ich glaube nicht, dass diese Ergebnisse die Wirklichkeit abbilden. Dr. Larry Ereshefsky
 

Er merkte an, dass das  Poster nicht zeige, wie die Untersucher die Störvariablen kontrolliert haben,  und es werde auch nichts zu alternativen Behandlungsmethoden beim  Typ-2-Diabetes oder über die HbA1c-Spiegel in den verschiedenen Gruppen gesagt  – dies alles könne die Resultate beeinflussen.

„Es ist schon interessant  und ich würde gerne mehr darüber erfahren, doch ich glaube nicht, dass diese Ergebnisse die Wirklichkeit  abbilden“, fuhr Ereshefsky fort, der ehemals als Professor für Psychiatrie  und Pharmakologie an der University of Texas in San Antonio gewirkt hatte.



REFERENZEN:

1. 13. International Conference on Alzheimer's and  Parkinson's Diseases, 29. März bis 2. April 2017, Wien, Yi-Chun Kuan et al. Abstract 312

Kommentar

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